, Ihr seid nicht umsonst gereist, Ihr habt Euren Verstand entwickelt; das ist zu loben und wird nie von Seiner Majestät dem König übersehen – auch ich werde mich dessen erinnern."
"Lassen Euer Majestät ihn sich empfohlen sein!" rief der Marschall, seiner alten Herrin gegenüber hoch erfreut – "ich hoffe, er soll den Namen nicht verunehren, den Eure Majestät so oft ausgezeichnet haben."
"Ja, ja, Marschall, wir haben viel zusammen Rat gehalten," fuhr die Königin fort, angenehm durch ihn an ihre Regentschaft und Macht erinnert – "und immer wart Ihr ein Brausekopf, der, den Degen in der Hand, die Scheide weg warf – dafür suchtet Ihr sie aber auch nicht früher wieder, als Eurer Königin Recht geschah." –
"Wer durfte auch das Glück, Euer Majestät dienen zu können, anders ehren? War doch das gute Recht immer auf unserer Seite." –
"So war es!" erwiderte Anna, "und ich verstand es Euch zu lohnen, nicht wahr? Das eigne, liebste Hoffräulein, Mademoiselle Soubise, musste Euch die Brautkrone flechten." –
"Euer Majestät wussten immer vollkommen richtig, so wichtige Angelegenheiten zu leiten. Ich denke die Namen unserer gleich alten Häuser haben sich stets gut nebeneinander ausgenommen, und ich war stolz darauf, sagen zu können: diese Wahl hat meine Königin selbst getroffen!" –
"Ja," lachte Anna von Oesterreich, "wir hielten etwas auf unsern Marschall! Und fast habe ich Lust, bei dem Sohne fortzusetzen, was mir bei dem Vater so gut gelungen. Wie ist es, junger Mann – ich hoffe, Ihr seht die Schönheiten unseres Hofes nicht als kalter Zuschauer?" –
"Wer könnte an diesem hof kalter Zuschauer bleiben, da jeder Tag uns eine neue erhabene Vereinigung unvergänglicher Schönheit und edler Geistesbildung darbietet? Zu den Interessen des eignen Herzens behält hier Niemand Zeit!" –
"So!" erwiderte die Königin, nicht anstehend, diese schnell hervorgebrachte Antwort als einen Tribut für sich anzunehmen – "nun, dann will ich schon für Euch Zeit finden und die Wahl besorgen!"
Leonin schwieg – der Marschall aber sprach seine Freude, sein Entzücken so laut aus, dass die Königin, über den alten Kriegshelden wohlgefällig lachend, ihn verliess und in die inneren Gemächer verschwand.
Das Ende dieser Scene hatte die Marschallin, die an Louisens Seite indessen die Zimmer erreicht hatte, mit angehört, und auf ihrem platz gefesselt, konnte sie nicht allein beobachten, sondern behielt auch Zeit, augenblicklich darnach ihren Plan zu entwerfen. In diesem Augenblicke ward der König gemeldet, und die Königin verliess an der Seite ihrer Schwiegermutter die inneren Gemächer, um ihren Gemahl in dem Audienzsaale zu empfangen.
Hier sah Leonin die Königin zuerst, und sein Herz war mit diesem ersten Blicke ihr für immer gewidmet.
Maria Teresia, die Tochter Philipps des Vierten von Spanien, ward von allen Personen, die ihr näher standen, mit der grössten Hingebung geliebt, und rechtfertigte durch ihren sanften und edlen charakter vollständig diese Empfindung. – Sie würde schön gewesen sein, wäre sie grösser gewesen; denn ihr Gesicht ward bloss durch etwas zu starke Lippen, welches ein Familienzug war, in seiner sonst vollständig regelmässigen Form gestört. Bewundernswürdig war besonders ihr schönes blondes Haar und der damit verbundene feine Teint von blendender Weisse und Zarteit. Ihre Augen waren blau, gross, von klugem, lebhaftem Ausdrucke, und unterstützten den Anstand und die Würde, die ihr bei ihrem öffentlichen erscheinen vollkommen zu Gebote standen. Die leidenschaftliche Liebe, die Maria Teresia für ihren Gemahl empfand, hielt alle Prüfungen aus, die das abschweifende Gefühl des Königs ihr auferlegte, und sicherte diesem Verhältnisse eine grosse Innigkeit und eine achtungsvolle Behauptung des Anstandes; da der König immer gern und voll Ehrerbietung zu einer Gemahlin zurückkehrte, die niemals Gefühle zu ertrotzen suchte, weil sie dazu Rechte besass, und deren Vorwürfe fast nur in der Erschütterung bestanden, die mit ihrer Freude, ihrem Glücke bei seiner Wiederkehr hervortrat. Aber der tiefe Schmerz, den ihr unerwiedertes Gefühl ihren einsamen Stunden aufsparte, zeigte den wenigen Vertrauten, die ihr als Zeugen blieben, wie heftig sie zu leiden vermochte.
Leonin hatte von diesen Verhältnissen nur eine allgemeine Kenntniss. Der König imponirte Allen, was selbst bis in die vertraulichen Mitteilungen seiner Hofleute hinein, bemerkbar war. – Seine Liebe zur Lavallière war die erste hervortretende Empfindung dieser Art; vielleicht überwältigte sie wirklich die Meinung durch ihre Wahrheit, die sie auch jetzt noch jedem Forscher über Ludwigs Leben zu dem einzigen Gefühle seines Herzens erheben muss. Vielleicht war es auch mehr noch die Furcht und Anbetung, die der König einzuflössen wusste – genug, es wurden nur Andeutungen darüber lautbar, und man musste selbst sehen, um sich das Ganze zusammenstellen zu können. –
Als der König eintrat und in der Mitte beider Königinnen zu den Zimmern seiner Gemahlin zurückkehrte, schien er ein ganz Anderer, als Leonin ihn gesehen; denn hier war er nur König, und seine hohe gebietende Stirn, seine ernsten geistvollen Blicke schienen das Diadem anzudeuten, das unsichtbar mit seinem Nimbus ihn umschwebte.
Die Königinnen, obgleich beide mit der vollendetsten königlichen Würde und mit dem Schmuck ihres Geschlechtes ausgestattet waren, gingen doch so unbemerkt neben Ludwig einher, als ob sie bloss die Stützen seiner schönen hände wären. Leonin sah, dass sein Vater die Farbe änderte, und sein Gesicht ein Paar Zuckungen erhielt,