Unkenntniss."
"Heute nicht, mein Sohn," rief die Marschallin plötzlich wie erschöpft – "ich fühle, ich bedarf der Ruhe – ich kann von Ihnen diese Schonung fordern!" –
"Befehlen Sie über mich! Wenn Sie mir diese Unterredung nicht versagen und bis dahin Ihr Urteil zurückhalten wollen, werde ich voll Geduld und Ehrfurcht abwarten, bis Sie sich geneigt fühlen, mich anzuhören."
Obwol die Marschallin hierauf nichts erwiderte, musste Leonin schon ihr Schweigen für eine Gunst ansehen, woran eine leise Hoffnung zu knüpfen, ihm der einzige Trost war bei der entsetzlichen Niederlage, die er erfahren. –
Aber diese Unterredung, deren Ansetzung er mit so viel Unruh' erwartete, erfolgte nicht. Eine Anregung von seiner Seite missglückte um so mehr, da sie anzudeuten wusste, wie sie den Gegenstand längst für erledigt hielte und für zu unbedeutend, um darauf zurück zu kommen. In eben dem Maasse ward der alte Marschall dringender mit einer von ihm lebhaft gewünschten Vermählung seines Sohnes; und obwol die Marschallin die Grundsätze gern vor ihrem Sohne entfalten hörte, die seinen Hoffnungen tödtlich werden mussten, so wusste sie sich doch stets höchst geschickt das Ansehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und so in der Stille Leonin's Dank zu verdienen.
Seine öffentlichen Verhältnisse hatten indess ganz die Wendung genommen, die, seiner Eitelkeit zusagend, die Vorwürfe der Marschallin zu entkräften schienen. Täglich öffnete sich ihr Hotel für die ausgezeichnete Gesellschaft, die sie zu empfangen pflegte. Leonin war den Personen, aus denen der Hof bestand, bekannt geworden, und ohne dass er es gewahr wurde oder doch sich eingestehen wollte, war das Bild, das seine Mutter von einem vornehmen mann entworfen hatte, in seine Phantasie übergegangen, und drückte sich nach und nach in seinen Formen aus. Er fühlte sich dabei wohler, den Verhältnissen gegenüber erleichtert, und nicht nachfragend, wohin dieser Weg ihn führen müsse, lebte er, wie der Augenblick es ihm bequem finden liess.
Endlich wurde grosse Cour und ein darauf folgendes fest bei der Königin angekündigt, welche seit dem erwähnten Unfalle bei dem Hotel Biron sich unwohl gefühlt hatte, und ein Gegenstand der zartesten Aufmerksamkeit des Königs gewesen war. Man sprach zwar von dem Verhältnisse zur Lavallière, aber nur andeutend – und mit einer Schonung, die diesem Verhältnisse einen charakter romantischer Empfindsamkeit – einen Grad von Ehrbarkeit verlieh, an dem die Gewalt zu erkennen war, die der König selbst über die feststehendsten Grundsätze auszuüben vermochte, die man aufhörte der gewöhnlichen Prüfung zu unterwerfen, wenn sein Wille sie gestaltete. Das demütige und bescheidene Verhalten der Lavallière trug hierzu bei – sie war immer ablehnend gegen jede Auszeichnung und setzte die Geduld des Königs täglich auf Proben, die nur seine anbetende Liebe gegen sie überwand. Man sagte sich leise, sie würde bei dieser Cour zuerst als Herzogin erscheinen, wozu der König sie vor kurzem fast mit Gewalt erhoben hatte, die Ausstattung des Hotels Biron dieser Auszeichnung hinzufügend; man wusste, dass die Königin von den Liebesbeweisen ihres Gemahls gerührt, ihre Einwilligung gegeben hatte, sie mit den ihr zustehenden Vorrechten als Herzogin zu empfangen.
Diesem Schauspiele drängten sich nun die Hofleute, welche berechtigt waren bei der Königin zu erscheinen, in grosser Anzahl entgegen, und es war kein kleines Geschäft, die Ordnung herzustellen, die Jedem den Platz anwies, den sein Rang erforderte.
Der Marschall hatte sich gleichfalls herausgerissen, um wenigstens ein Mal den geliebten Sohn vor den Augen seines Königs zu sehen. Er war mit ihm vorangefahren, und die Marschallin und Louise, die ihnen folgten, noch nicht eingetroffen, als die voraneilenden Cavaliere erschienen und Anna von Oesterreich, die Mutter des Königs, verkündigten, welche unmittelbar darauf mit dem grössten Pompe eintrat, von ihrem ganzen Hofstaate gefolgt. – Die Zeit seit dem tod Mazarin's hatte die Eindrücke gemildert, die damals an ihren Anblick die gehässigsten Empfindungen knüpften. Die ungemeine Hochachtung, die kindliche Ehrfurcht, mit welcher der König seine Mutter behandelte, liessen keinem Andern eine Wahl seines Verhaltens. Anna von Oesterreich, welcher es nicht an feinem verstand fehlte, und deren unglückliche und ungewöhnliche Verhältnisse, als Gattin Ludwigs des Dreizehnten, Entschuldigungen zuliessen, wusste jetzt eine so würdevolle Stellung zu behaupten, dass sie bei allen Angelegenheiten ihrer Kinder, wie die des Hofes, einen wirklich mütterlichen Rang einnahm und ihnen zur Ausgleichung ihrer Streitigkeiten auf verständige Weise behilflich war.
Auch jetzt hatte sie die Königin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de Lavallière beredet, und die edle, sanfte und zärtlich liebende Maria Teresia hatte den neuen Schmerz zu bekämpfen gesucht, immer hoffend, so sich den König dereinst zurück zu führen. – Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur Königin voran, diese durch ihren Zuspruch und ihre Gegenwart zu stützen. Sie begrüsste deshalb die zahlreiche Versammlung nur vorübergehend; als sie aber den Marschall Crecy-Chabanne erblickte, dessen auffallende Erscheinung nicht leicht übersehn werden konnte, blieb sie stehen und nickte ihm wohlwollend zu.
"Das ist brav, Marschall, dass ich Euch hier am hof eben so in den vordersten Reihen finde, als früher in der Schlacht!" rief sie mit starker, herzlich klingender stimme und näherte sich ihm; aber längst vom Vater weg auf Leonin blickend, dessen jugendliche Schönheit dies vollkommen rechtfertigte. "Doch habt Ihr auch, wie ich sehe, eine Stütze mit Euch geführt, die ausreichen wird, wenn Ihr ermüdet. – Ich heisse Euch willkommen, junger Mann! Man sagt mir