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Fennimor's guter Engel, der herbei eilte und mit seinen Tränen das neue Zeichen wegzuwischen trachtete; denn Leonin fühlte es kalt über sein Herz gleiten, als er die Rolle vor sich entwickelt sah, die er hier lernen sollte, den Beifall seiner Mutter zu gewinnen.

"Madame," sagte er kalt, "ich fürchte, ich werde nie ein vornehmer Mann in Ihrem Sinne!"

"Das bilden Sie sich nur ein, mein Kind," erwiderte die Marschallin unerschüttert – "Sie werden in kurzem einsehen, dass dies der einzige Weg ist, sich in der Masse hervorzuheben, dass es Alle so machen, die, wie Sie, einen vornehmen Namen zu behaupten haben; und ich weiss sogar bestimmt, Sie w e r d e n diesen Weg gehen, ja, Sie würden ihn entdeckt haben o h n e meinen Rat. Doch würde ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach gewesen sein; auch hätte es eine kleine Verspätung veranlassen können, so dass man über Ihre Erscheinung abzuschliessen Lust gehabt hätte; und so Etwas ist nie wieder gut zu machen."

Obgleich Leonin mit seinem Betragen nicht zufrieden gewesen war, so lag dies, wenn auch zum teil von seiner Eitelkeit angeregt, doch mehr in den Vorwürfen, die er sich machte, ihr mehr nachgegeben zu haben, als er seiner bessern Einsicht zugestehen durfte. Hier aber wurde er plötzlich aller Prädikate beraubt, die er mit angeborenem Standes-Stolze sich gesichert glaubteund er versuchte vergeblich seine bessere menschliche überzeugung gegen die Streiche, die sein Hochmut empfing, zu hülfe zu rufen. Die Marschallin behielt Zeit, fortzufahren:

"Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen, einen Wechsel von Verbindlichkeit und Misslaune in Ihren Mienen, Sie liessen sich ohne Wahl und Nachdenken bald Diesem, bald Jenem vorstellenHerr von Fenelon ist bei weitem unter Ihrem Range, und ich habe Herrn von Dreux Vorwürfe gemacht, es zugelassen zu haben. Dem Könige haben Sie eine Teaterphrase geantwortetdie Erwiederung an Madame war ganz unüberlegt; und dem Könige antwortet man überhaupt nie, ohne eine bestimmte Frage erhalten zu haben. Genug, mein Liebermeine Absicht, Ihnen grössere Freiheit, eine sicherere Haltung durch diese Reisen zu verschaffen, da Ihr Naturell etwas Zurücktretendes hat, scheint sich noch nicht zu bestätigen. Man könnte denken, Sie wären in der letzten Zeit in keiner guten Gesellschaft gewesenwenigstens glaube ich sicher, unmittelbar aus der Gewöhnung d i e s e s Hauses in unsere Zirkel übergehend, würde es Ihnen nicht an einer taktvolleren Haltung gefehlt haben; – obwol ich gern zugeben will, dass der Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehörenden Umgebungen ganz geeignet ist, zu erschüttern und aus dem Gleise zu bringen."

"Ich habe hiervon in dem Maasse, wie Sie es voraussetzen, Nichts empfunden" – erwiderte Leonin und versuchte, seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende stimme zu mässigen. "Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen, wie dieser erste Versuch befürchten lässt, so ist es besser, ich folge meiner ohnehin stärkeren Neigung, mir selbst zu leben, und verlasse einen Schauplatz, dessen Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine!"

"Nun, wahrlich," lachte die Marschallin hell auf – "ich freue mich, dass Sie nicht ganz das wilde Blut der Crecy verläugnen und bei der ersten kleinen Züchtigung Ihrer Eitelkeit gleich über die Leine schlagen und davon laufen wollen. Das ist mir lieb, und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter für angetane Beleidigung in die Schranken rufen, soll mich das nicht verdriessen. Eine Mutter ist so oft das Opfer ihrer Liebe für die Kinder ihres Herzens, dass sie selbst vor den Züchtigungen nicht zurückbeben darf, die diese Kinder ihr geben möchten. – Du zürnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter, Leonin?" rief sie liebevoll scherzend und reichte ihm die Hand.

Diese Art und Weise, von der grössten Strenge und Härte plötzlich in die Zärtlichkeit einer Mutter überzugehn, war fast unwiderstehlich für Leonin. – Sein Herz fühlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlöst, das Blut floss wieder warm daraus hervor, und wenn seine Ueberzeugungen gegen ihre scharfen Geisselungen sich fest verhielten, wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt, als diese Weichheit hervortrat, die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen schien und ihn anregte, jede unsanfte Berührung von der zärtlich Hingegebenen abzuhalten.

"O, meine Mutter," rief er, ihre dargereichte Hand küssend, "wer könnte je Ihre ewig gleiche Liebe, Ihre unendliche Ueberlegenheit verkennen? Vergeben Sie meine Aufwallung, die so natürlich ist bei der Befürchtung, Ihnen missfallen zu haben; doch lassen Sie mich hinzufügen, ich fürchte in Wahrheit und nicht aus Empfindlichkeit, wie es Ihnen eben schien, ich werde die Aufforderungen nie erfüllen können, die hier mit der Entäusserung unserer ganzen überzeugung, an uns ergehen."

"Mein Kind, stelle Deine Ueberzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen Ansprüchen gemäss fest, so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nötig haben. – Hierüber bist Du noch im Unklaren, daher entsteht der Widerspruch, der Dich reizt und den Duvon kleinen jugendlichen Phantasien abgezogennicht kräftig genug beseitigest."

"nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien, meine Mutter!" unterbrach sie hier Leonin hastiger, als sie es erwartet hatte – "worauf Sie hindeuten mit diesen Wortenes ist der ernste, heil'ge Kern meines Lebens, den Sie mütterlich schützen