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zu kopiren vermocht hätte, musste dies Bild allein ihn unsterblich machen.

Leonin aber fühlte sich bezaubert von dem Talente des Künstlers, und je mehr er sich überzeugte, Louise selbst in all ihrer Schönheit und Jugend und dem rührenden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor, um, entfernt von dem Originale, Jedem zu sagen, welch' ein reizendes Wesen sie seije glühender fühlte er das Verlangen, so Fennimors Bild zu besitzen; und die Hoffnung, auf diese Weise seiner Mutter einen vorteilhaften Eindruck zu geben, unterstützte immer entscheidender sein eigenes Verlangen.

Belebt von diesem Zwecke, suchte er ein Gespräch mit Lesüeur einzuleiten und sein Vertrauen zu gewinnen; auch war dies nicht schwer. Krankhaft reizbar, war er eben so empfänglich für eine edle Behandlung, der seine eigene Richtung vollkommen entgegen kam. Er zeigte eine feine, künstlerische Bildung, ein vollkommenes Studium der klassischen Kunst, und obwol er Frankreich nie, Paris kaum verlassen hatte, kannte er doch aus Kupferwerken und Copien die italienischen schulen, betete Raphael als seinen Schutzheiligen an und glaubte vorzüglich in diesen letzten mytologischen Bildern die Erfolge seiner Studien dargetan zu haben.

Als die Sitzung aufgehoben war, begleitete ihn Leonin und beredete ihn, sein Zimmer zu betreten, unter dem Vorwande, seine Equipage zu bestellen, um den sichtlich erschöpften Künstler nach haus bringen zu lassen. – Hier kam er auf den Plan der Marschallin zurück, dass Lesüeur aufs Land gehen solleund schlug ihm endlich vor, Ste. Roche statt Moncay zu wählen, und abwechselnd dem Umherschwärmen im Freien und einer Arbeit zu leben, die er ihm dort aufzutragen dächte.

Lesüeur war hingerissen von Leonins Betragenvoll sehnsucht, Paris zu verlassen. Das Portrait der Mademoiselle Louise war fertigvorläufig hielt ihn Nichtsund ehe sie sich trennten, hatte Leonin sein Wort. Die Abreise des Kammerdieners ward einen Tag aufgeschoben, damit er Lesüeur mit aller Sorgfalt, die seine Gesundheit erforderte, nach Ste. Roche begleiten könnte.

"Was Sie dort für Arbeit finden, wird Ihnen ein Brief mitteilen, den Sie unterwegs lesen werden," setzte Leonin lächelnd hinzu – "seien Sie sicher, der Gegenstand wird Sie begeistern!"

In diesem Briefe verläugnete er Fennimor als seine Gemahlin nicht; doch mit dem ausdrücklichen Verlangen, hierüber noch das grösste geheimnis zu bewahren.

Erst, als er Alles zu dieser Reise bei seinem gewandten Kammerdiener eingeleitet hatte, fühlte er sich geneigt, zu seiner Mutter zurück zu kehren.

Die Marschallin hatte seine Rückkehr nicht erwartet und war einen Moment unangenehm davon überrascht; denn sie sah es ihm an, er bestand hartnäckig auf seinem Vorsatze, ihr Vertraun zu erzwingen; und sie musste Anderes ersinnen, ihn abzulenken.

"Nun, mein Lieber, kommst Du jetzt, Dir gnädige Strafe von Deiner Mutter zu holen?" rief sie ihm entgegen.

"Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat, mir zu sagen, womit ich sie verschuldet habe," rief er arglosund von dem leisesten Lächeln dieses spröden Mundes wie bezaubert, setzte er sich, mit der grössten Zärtlichkeit in blick und Miene, an ihre Seite.

"Nun," sagte die Marschallin, mein Tadel wird nur die Bestätigung davon sein, dass Frankreich das vollkommenste Land der Erde ist; dass man alle Länder, alle Höfe bereist haben kann, und doch an dem hiesigen hof als ein Neuling erscheinen und die Schule von Vorne durchmachen muss. Sie sah bei diesen Worten anscheinend ruhig vor sich nieder; doch entging es ihr nicht, wie Leonin's Antlitz mit Purpur überzogen ward, und er die empfindlich glänzenden Augen unruhig auf und nieder schlug.

"Ich bin bekümmertlassen Sie mich hinzusetzen, erstaunt, zu erfahren, dass ich diese Betrachtung auf mich anwenden soll!" erwiderte er endlich – "fremd habe ich mich allerdings bei hof noch gefühlt; aber dies schien mir keine Verschuldung oder doch eine solche, die alle Andern gegen mich teilten."

"Das war es eben, mein Lieber! Sie lassen sich imponirenSie zeigen keine HaltungSie sind nicht bei sich und reflektiren sich selbstmit einem Worte, Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weise! Ein Vornehmer, mein Lieber, muss nie in den Fall kommen, mit irgend Etwas fremd zu sein. Er muss überall mit ruhiger Gleichgültigkeit zu haus scheinener muss mit sich selbst ein bestimmtes, von den Grazien des Anstandes gelehrtes Gefallen treiben, das ihm Unterhaltung und Beschäftigung gewährt und das Publikum zu ihm heranzieht, dessen Teilnahme er benötigt ist. Sie müssen n i e daran denken, sich dem Einen oder Andern anzuschliessen. S i e , S i e s e l b s t müssen da stehen, dass man sich an Sie anschliesse! Dazu gehört, dass Sie zu Anfange sich kalt in sich zurückziehendass Niemand erfahre, ob oder was für Meinung Sie haben, dass man sich Ihnen nähert, sie zu erfahren; dann werden Sie Sicherheit bekommen, Ihre Meinungen auszusprechen, und diese müssen entscheidend, untrüglich und Alles überrennend sein. Sie müssen damit das Programm verteilen, wie man sich gegen Sie zu verhalten hat, und in welcher Weise Sie sich verhalten wollen. Ob dabei Ihrerseits Irrtümer nachzuweisen sind, ist vorläufig gleichgültigIrrtümer sind besser, wie Unsicherheit; und stehen Sie erst fest und wollen Etwas ändern, so steht Ihnen dann das Recht zu, jede Laune einzuschalten."

Vielleicht war es