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Stärke. Er erkannte nicht, dass, wenn er einen charakter gehabt hätte, er ihn gerade da hätte behaupten können, wo die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden. Er vergass, dass Fenelon in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war, wie er ihn vor dem Könige gesehen, und er hob jetzt die eitle, triviale Seite so stark hervor, nicht allein um sich damit zu trösten, sondern, weil ihr anmassendes Hervortreten, ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte; weil er durch den Versuch, sich ihr anzuschliessen, in seiner eignen achtung verlor und diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete, dass er sich das Maass der Versuchung vergrösserte.

Wie aber halbe Selbstgeständnisse immer einen trüben Grund zurücklassen und die Mittel zu unserer Besserung verdecken, so fühlte Leonin auch jetzt keine Erquickung von seinem Selbstgespräche, sondern ein Zürnen mit der Aussenwelt, und doch ein Verlangen nach äusserer hülfeund so entstand eine lange nicht empfundene sehnsucht nach Fennimor; und wenn sie dies Gefühl auch nicht auf dem reinen Wege erreichte, der ihr gebührte, so führte es ihn doch zu ihr zurücker verschloss das Fenster und eilte an seinen Schreibtisch. Hier lag ihr letzter Brief. – Dieses holde Reden mit ihm, was ihr Leben geworden war, diese rührenden, arglosen Liebesbeweise, diese Erinnerungen an jede Stunde, deren Wichtigkeit sie von ihm geteilt glaubtewie trafen sie sein Herz, da er sie erst jetzt las oder früher übersehen hatte, weil er sich nicht gleich die Beziehungen zurück rufen konnte.

"Den Eudoxien-Turm habe ich ganz herstellen

lassen," schrieb sie, "ohne dass man die Ueberreste der armen Gemordeten berühren durfte. Der Kamin ist geräumt, täglich erhellt ihn die Flamme, und der Altan ist nun auch ein schönes Plätzchen geworden! Wenn die Sonne scheint, trete ich hinaus und übersehe den Weg, den ich Dich zuletzt dahin eilen sah, und fühle dann an meinem Herzen einen Schmerz, der so wehe tut, wie die blutende Wunde der armen Eudoxia. Dann bete ich oft vor ihrem kleinen Betpulte und bitte Gott um ein frommes Herz, damit ich Dich nicht Deinen Pflichten entziehe, sondern stille harre, bis der Segen der älteren Dich zu mir zurück führt. – Wie viel Tränen mag hier die arme Eudoxia geweint haben. Wenn ich das kleine kunstreiche Pult betrachte, so denke ich oft, ich müsse die Spur ihrer Tränen noch darauf entdecken können; und als ich sie heute Morgen wirklich entdeckte, erschrak ich fast; denn ich hatte vergessen, dass es meine eigenen waren.

Den Harfion hat mir ein Mönch aus der Abtei Tabor neu besaitet. Er lehrt mich die Stimmung und die eigene Weise, ihn zu spielen. Schon habe ich Fortschritte gemachtda ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele, so ist mein Fleiss nicht gross."

In dieser Weise waren viele Blätter angefüllt, zierlich und fein geschrieben mit der eigentümlichen Geradheit der Linien und Buchstaben, die ihren Schriftzügen fast eine Portraitähnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben. Leonin vertiefte sich in sie, und die nur verdeckt liegende Empfindung für sie wurde erweckt durch das süsse kleine Wellengekräusel ihrer Worte. Er fühlte sich der Liebende wieder, und was er schrieb, trug den charakter dieser Empfindung. Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehen, war er fester, wie früher, entschlossen, ihr jesst selbst seine Verbindung mit Fennimor anzuzeigen und ihren Rat, ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhältnisse aufzurufen. – Gehoben durch diesen Entschluss, fühlte er sich zufriedener, und sein Ausdruck gewann unwillkürlich an Ernst und Würde. – Als er den kleinen Salon betrat, in welchem die Marschallin ihre Morgenstunden zubrachte, ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte des Zimmers, dem Fenster zunächst, an welchem Mademoiselle Louise auf einer kleinen Erhöhung sass, in eine nebelartige Draperie gehüllt, das Haar halb aufgelöst und mit einigen Blumen phantastisch geschmückt. Vor ihr sass ein junger Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein grosses Portrait der liebenswürdigen Louise. Die Marschallin überlief ihren Sohn nur mit einem Blicke und wusste gleich, es solle heute' Entdeckungen geben, die sie nicht hören wollte. Sie erhob daher ihre stimme augenblicklich noch mehr als zuvor, um dem Sohne anzudeuten, dass sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm bloss lächelnd die Hand zur Bewillkommnung.

"Ich sage Ihnen aber, mein lieber Lesüeur, Ihre ewigen Grillen mit dem armen Lebrun sind aus der Luft gegriffener denkt nicht daran, Sie beim Könige verkleinern zu wollen! Gestern Abend noch sagte Seine Majestät, er habe von dem schönen Portrait gehört, das Sie von Mademoiselle Louise machten, und ich erhielt die erlaubnis, es ihm präsentiren zu dürfen." –

Der Eindruck, den Lesüeur von dieser Hoffnung erhielt, war sichtlich erheiternd. Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin, und Leonin hatte nun gelegenheit, sich dem berühmten Künstler zu nahen, dessen damals sehr bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno für das Kartäuserkloster in Paris, ihn zu einem Rival Lebrun's gemacht hatten, dessen glänzendes Genie Keinen neben sich dulden wollte.

Aber schon trug Lesüeur die Farbe der Krankheit, die seinem Leben ein frühes Ziel setzte, auf dem Antlitze. Seine Wangen waren eingefallen, und ein Paar kränklich rote Flecke unter den Augen contrastirten, Unheil verkündend, mit der gelblichen Farbe der Haut. Doch konnte Niemand dieses edle