Wiesenblume überreichend; die jungen Mädchen ergötzten sich an der Schönheit und vornehmen Kleidung und dem immer gleich freundlichen Wesen – während die älteren Leute des Dorfes, die Leidenden, die Kranken oder von Verlusten Getroffenen, ihren sanften Zuspruch genossen und aus ihren Händen die reichen Gaben empfingen, die zu spenden ihre Lage ihr erlaubte, oder welche die Gräfin d'Aubaine durch sie austeilen zu können sich freute.
Sie fühlte so nach gerade in den Umgebungen von Ardoise eine Sicherheit, die sie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen liess, da auch hier bekannte Förster vollkommenen Schutz zu gewähren schienen.
An einem schönen Nachmittage hatte sie ihren Weg bis zu einem verlassenen Steinbruche ausgedehnt, dessen höchst romantische Lage sie anzog, und wo sie niedersitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte, der, mit schlanken Edeltannen bewachsen, nur einzelne niedergestürzte Steinmassen blicken liess und ein kleines Tal bildete, dessen saftig grüner Moosgrund immerfort bespült ward von einem silberhellen Bächlein, das, tief aus den Steinbrüchen sich hervorarbeitend, seinen lustigen Lauf über grün bemooste Steine durch den schmalen Talweg verfolgte. Längst schon hatte sich Elmerice gewünscht, bis zu ihm niedersteigen zu können, aber vergeblich nach einem Wege ausgesehen; die pyramidenartig emporsteigenden Tannenwipfel allein, die, schräg herablaufend, nur einen sehr steilen Abhang annehmen liessen, zeigten sich ihren Blicken.
Abermals durchspähte sie in allen Richtungen den Waldgrund, als sie sich gegenüber einen Jäger erblickte, der, auf einem jäh vorspringenden Felsblocke sitzend, seine ganze Aufmerksamkeit, wie es schien, ihr zugewendet hatte. Ueberzeugt, einen der vielen Jäger zu erkennen, die ihr bereits bekannt waren, winkte sie ihn zu sich herüber in der Hoffnung, von ihm Aufschluss über einen möglichen Weg zu erhalten. Die Gestalt blieb aber ohne Bewegung sitzen, sie immerfort anstarrend, ihre Winke, wie es ausser Zweifel war, gewahrend, ohne Lust, wie es schien, ihnen zu folgen. Miss Eton fühlte plötzlich ein fast unerklärliches Grauen, und schnell von ihrem platz aufstehend, beschloss sie den Rückweg anzutreten, als sie, von unwillkürlicher Besorgniss getrieben noch ein Mal umsah und nun die plötzlich belebt gewordene Gestalt des Jägers gewahrte, der mit der Schnelligkeit einer Gemse, oben an dem äussersten rand des Steinbruchs entlang, ihr entgegen lief. Miss Eton musste gleichfalls, um den Rückweg zu erreichen, einen kaum bemerkbaren Fusssteig an diesem rand der Höhe zurücklegen – und indem sie hastig vorschritt, in der Hoffnung, dem unheimlichen Waidmanne zu entgehen, sah sie bald die Unmöglichkeit davon ein, da er bereits den Punkt überschritten hatte, wo sie hätte einlenken können, so dass jetzt ein Begegnen auf dem schmalen Pfade unausbleiblich ward. – Diese überzeugung liess sie einsehen, dass sie ihre Unruhe beherrschen müsse, und sie blieb einen Augenblick stehen, um Atem zu schöpfen. Der Jäger eilte noch einige Schritte vor, dann blieb er ebenfalls stehen und schaute sie, auf sein Gewehr gestützt, vorgebogen aus hohlen Augen an.
Miss Eton hatte Zeit, die wunderliche Erscheinung zu prüfen, und mit Grauen drängte sich ihr ein Bild auf, das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere überbot.
Sein todtenbleiches Gesicht war fast überwachsen von dem starken schwarzen Haare, das Kopf, Kinn und Mund bedeckte – die farblosen grossen Augen starrten mit einem trüben Wasserglanze hervor und waren so fürchterlich anzuschauen, dass Elmerice davon wie erstarrt ward. Seine starke Gestalt von mittler Grösse zeigte noch jetzt in ihrer traurigen Vernachlässigung von ehemaliger Schönheit, und die abgetragene, zum teil zerrissene Kleidung von früherer Sorgfalt und Wohlhabenheit. – Er hatte einen flachen Hut mit breiter Krempe und einer alten zerbrochenen Feder auf dem kopf, woran ein Strauss gemachter Blumen mit Goldblättchen und Perlen hing, überdeckt mit einem halbzerrissenen Streifen schwarzen Flors. – Ohne die Lippen zu öffnen oder eine Bewegung zu machen, schaute er sie grauenhaft neugierig an. Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem Herzen stocken zu fühlen, denn vorüber schien er sie nicht lassen zu wollen; ja, der Weg war so schmal, dass sie nur, wenn er umkehrte, hinter ihm hergehend, weiter zu kommen hoffen konnte. Eines neuen Gedankens unfähig, ergriff sie der bei seinem ersten Anblikke gefasste, ihn um Nachricht über den Weg zum Tal hinab zu fragen, und von der Qual des Schweigens getrieben, rief sie mit wankender stimme: "Wisst Ihr nicht den Weg hinab von dieser Höhe in das Tal?"
Sein Schweigen dauerte fort – er bog sich noch mehr vor und schien, indem er jetzt die Augen zur Erde niederschlug, über das Gehörte nachzudenken.
So wie sich seine grauenhaften Augen von ihr abwandten, fasste Miss Eton neuen Mut – "ich fragte Euch, guter Freund," hob sie mit ruhigerer stimme an – "ob Ihr den Weg in das Tal hinab kennt?"
Jetzt fuhr die Gestalt zusammen, und mit einer konvulsivischen Bewegung in sein Haar greifend, rief er, indem er sie aufs Neue anblickte: "Lebst Du denn, Jenny? Und sprichst mit mir? Und das war nicht Dein Geist auf dem Felsensitz? – Bei diesen Worten schlich er furchtsam vorgebeugt näher und hatte jetzt das fräulein fast erreicht. Miss Eton fühlte ihre Kniee beben – sie übersah schnell, dass der, welcher diese Worte mit dem sanftesten, schwermütigsten Tone der stimme sprach, kein Räuber, aber eben so schrecklich, ein Wahnsinniger sei."
"Ihr irrt Euch," stammelte sie, den Stamm einer jungen Fichte umfassend, "ich heisse nicht Jenny! ich