völlig ungezwungenen Manieren, keine Rücksichten zu kennen, als die ihr bequem waren.
"Sagt' ich es Ihnen nicht, liebe Soubise, das Mädchen hat einen Kopf von Erz – den will ich sehen, der etwas Anderes hineinbringt, als was sie selbst hereintut. Aber ich war eben so, und es macht mir jetzt Spass, dass sie vor meinen alten Augen meine alten Jugendstreiche mir wieder vorspielt." –
Es war der Frau Herzogin schwer zu glauben, dass sie wie ihre Tochter gewesen, wenigstens, dass es ihr so gut gekleidet; denn man konnte keinen grösseren Gegensatz sehen, als diese kleine, kugelrunde Gestalt gegen den hohen, schlanken Wuchs der Tochter, und ihr blasses, regelmässiges Gesicht gegen das breite, rote, verzeichnete Gesicht der Mutter. Dabei zeigte die Tochter nur eine nötige Eleganz; die Mutter aber war mit Perlen, Juwelen und Stickereien beladen und trug dies alles ungeschickt an sich herum, wie eine schwere, aber notwendige Pflicht.
"Nun, Marschallin," fuhr sie fort, "das soll ein Spass werden, zuzusehen, wie die Beiden sich necken werden! So machte ich es auch mit Monsieur de Lesdiguères, der damals noch nicht Herzog war. Man hätte denken können, wir hassten uns – aber nichts weniger, als das! In Jahr und Tag war ich seine Gemahlin."
Sichtlich bemüht, diese Worte zu unterbrechen, hatte die Marschallin versucht, sich Victorinen zu nähern, die, glühend vor Zorn, Leonin den rücken zugewendet hatte, als der König plötzlich Victorinen entgegen trat. – Die Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt, aber auch jedes Wort, und so war die alte Herzogin wenigstens zum Schweigen gebracht.
"Es scheint mir ein gutes Zeichen für das Befinden der Königin, Sie hier zu sehen," sprach Ludwig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in seinen Ton.
Victorine verneigte sich bis zur Erde und blieb dann starr, mienenlos, ohne einen laut zu erwiedern, vor dem Könige stehen.
"Haben Sie die Königin bei ihrer heutigen Spazierfahrt begleitet?" fuhr er nach einer Pause fort, in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte.
"Zu Befehl!" entgegnete Mademoiselle de Lesdiguères mit festem, kaltem Tone. – "Doch dauerte diese Fahrt nicht lange; Ihre Majestät liessen an dem Hotel Biron umlenken, da der Wagen durch den Ausbau des Palais von Gerüsten und Arbeitern am Weiterfahren gehindert ward; und da die Frau Königin sich nach der Rückkehr übel befanden, so befahlen Sie uns, Madame Ihre Entschuldigungen zu bringen, und behielten allein Molina (ihre spanische Kammerfrau) bei sich."
Der König hörte gespannt und mit sichtlicher Unruhe zu. "Ich fürchtete das nicht, obwol man mir sagte, dass die ungebührlichen Bauanstalten vor dem Hotel Biron die Königin belästigt hätten. – Die strengsten Befehle sind gegeben, sie spurlos zu beseitigen. Ich werde die Königin heute noch besuchen und sehe Sie am liebsten in der Nähe meiner Gemahlin!"
"Vielleicht," erwiderte Mademoiselle de Lesdiguères mit plötzlich verändertem Wesen und freudestrahlenden Augen, "erlauben Euer Majestät, dass ich mich sogleich zu meiner gnädigen Gebieterin begebe, sie auf diese Freude vorzubereiten?" –
"Tun Sie das, meine Liebe! Ich weiss, Sie sind uns beiden ergeben," erwiderte der König mit der huldvollsten Herablassung – und die junge Dame verneigte sich und war augenblicklich verschwunden.
Es lag ein Schatten auf der Stirn des Königs, und Niemand wagte ihm zu nahen – als Henriette von England vortrat, und der König in demselben Augenblicke die Töne eines im Nebenzimmer beginnenden Concerts hörte. Mit der verbindlichsten Anmut nahm er die Einladung der Prinzessin an und folgte ihr in die Zauberhallen, die sich vor ihm öffneten, und aus denen, hinter den vollsten Gebüschen von Orangen, Rosen und Myrten die hinreissendsten Gesänge und Musikstücke erklangen, die Jean Baptiste Lully mit seinem wohlgeübten Orchester aufführte, und von denen der König, der den Künstler zu seinem Kapellmeister und Liebling erhoben hatte, stets sich entzückt zeigte. Er war der Schöpfer der französischen Musik, der alle die damals angestaunten Wunder der Töne, Modulationen und Tempi ersann, wie sie vor ihm nicht existirt hatten. – Während dem führten in den anmutigsten Windungen die schönsten Kinder, als Genien gekleidet, pantomimische Tänze zwischen den Gebüschen auf, welche in sinnvollen Gruppen, in leisem, flügelartigem Dahinschweben, wie personifizirte Töne, die Harmonieen des verborgenen Orchesters zu verstärken schienen. Es war kaum möglich, dass der König bei einem Feste gegenwärtig sein konnte, ohne irgend eine schmeichelhafte Beziehung für sich zu erfahren. Doch dies Mal war es schwer, sie zu entdecken; denn das ganze reizende Schauspiel zog sich wie eine Chiffernsprache vor den Augen der Andern hin. Madame schien allein den Schlüssel dazu zu haben, und mit anmutigen Worten und Mienen während der Dauer der Aufführung dem Könige die Erklärung zu geben. Alle Uebrigen sahen nur eine Pantomime. – Einmal zeigten sich die Wappen Englands und Frankreichs, beide, wie angedeutet war, auf französischem Boden; dann schwebte der Genius der Gerechtigkeit herab und löste das englische Wappen vom französischen Boden, damit entfliehend. Das französische Wappen wuchs, und Genien umkränzten es.
"Habe ich nicht Recht mit Dünkirchen?" flüsterte der Marschall Tessé dem Herzoge von Rochefaucault zu – "die schlaue Prinzessin hat Seiner Majestät die Schlüssel von Dünkirchen übergeben, und nun muss die Gerechtigkeit das Wappen Englands vor den Augen des Königs von dem Boden Frankreichs fortschleppen!"