. Solche augenblicke überflügeln unsere Fähigkeiten, sie verraten uns und Andern vielleicht, was erst die Zeit aus uns machen wird. Aber ihr wirklich vorgreifen durch den frühzeitigen Verbrauch dieser Stimmung, ihre Dauer damit verlangen, würde uns in äusserliche Bestrebungen ziehen, die gerade von der Entwicklung unseres inneren ablenken müssten, von der wir doch allein die fortdauernden Gefühle frommer Begeisterung hoffen dürfen."
Der König betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von achtung, den nur Fenelon übersah, da er ihn nicht veranlasst glaubte durch jene ruhige Erklärung, die ihm die eigenen Gedanken ganz erfüllte.
"Gehen Sie denn Ihren Weg, Herr von Fenelon," sprach Ludwig mit Wärme – "Ihr König wird Sie mit seinem Anteile begleiten und, so bald Sie selbst sich reif erklären wollen, den Platz zu finden wissen, welcher Ihnen den würdigen Wirkungskreis sichert, der einer solchen Entwicklung zusagend ist."
Eben wollte der König sich wegwenden, da ging der Marquis Fenelon den Monarchen an und bat ihn für seinen Neffen um die erlaubnis, in den geistlichen Orden von St. Sulpice in Paris treten zu dürfen, um unter der Leitung des Subpriors Tronçon das Stadtviertel dieses Namens bedienen zu können.
"Erstaunenswürdig!" rief der König – "der beschwerlichste Dienst von ganz Paris! – Herr von Fenelon, Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung, dass Sie Versailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchsprengel zählen."
Jetzt überzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen Fenelon. Der König hatte ihn dem unscheinbarsten, mühevollsten Dienste gewidmet; – und als alle Hofleute ihm Glück wünschten, damit die Entrées in Versailles nicht verloren zu haben, zeigte es sich, dass der junge Fenelon diesen Nachsatz überhört hatte, und ihn jetzt erst und ohne alle Exklamationen erfuhr. Man bewunderte ihn laut – aber mit der überzeugung, entweder einen Toren oder einen vollendeten Heuchler vor sich zu sehen.
Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck, der dem Vorwurfe glich. Diese Ruhe, diese Haltung bei den sichtlichsten Zeichen der Gunst, bei dem Bewusstsein, selbst dem Könige Bewunderung und Erstaunen eingeflösst zu haben, griff an sein unruhig klopfendes Herz. Er sagte sich, wie er, durch den blossen Anblick dieses Hofes aus sich selbst verjagt, ängstlich nach den Erfolgen des Augenblickes haschend, auf dem Wege sei, sich mit der blossen Nachahmung von Zuständen zu begnügen, die er mindestens als ihm selbst unverständlich erklären musste. Er war beschämt; aber dies offene geständnis rettete sein Selbstgefühl und riss ihn aus der kleinlichen Richtung, die ihn verwirrt hatte.
Er bat Herrn von Dreux, ihm dem jungen Fenelon vorzustellen; er wollte dem ehrend nahen, dem er so eben Dank schuldig geworden.
Als sie sich im Gedränge Platz machten, erreichten sie ihn im Augenblicke ernster Unterredung mit einer schönen jungen Dame, die vor dem Jüngling in fast devoter Stellung stand.
"Ach, mein Herr," sagte sie mit innigem Tone – "Sie durften Ihrem Berufe nicht misstrauen – und wenn Sie nichts erreicht hätten, als das Gemüt unserer herrlichen Königin gestützt und gestärkt zu haben. Dachten Sie nicht, wie Sie Ihren harterzigen Entschluss vollführten, an das, was ich Ihnen so viel früher schon über den wunderbaren Eindruck sagte, den die Königin von Ihren Kanzelreden empfing? Ach, und wäre es nur dies gewesen, da es doch so viel mehr noch war, was Sie erreichten – es wäre genug, um zu bleiben!" –
"Halten Sie ein mit Ihren Vorwürfen, die so ehrend, so rührend für mich sind – gegen die fest zu bleiben, so schwer fällt! Niemand bewundert mehr, wie ich, die schöne Hingebung, mit der Sie die teure Frau Königin umgeben; doch lassen Sie mich hinzufügen, Sie erfüllen damit Ihren Beruf; jede überzeugung Ihrer Seele fällt mit Ihren Pflichten hier zusammen. Nicht so bei mir! Ich hörte auf, meinem Berufe etwas zu sein, wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine einzige mich begnügen wollte. Der Geist treibt mich anders! In diesen geringen Hofverhältnissen würde ich verschmachten oder falsche Keime treiben – und dann ginge ich auch der Königin verloren." –
"O, Ihr Männer," rief hier die junge Dame, und sandte aus Ihren schwarzen, glänzenden Augen einen seltsamen Blitz, halb Unwillen, halb Bewunderung ausdrückend, auf Fenelon – "es ist vergeblich, einen von Euch über den andern erhaben zu glauben; am Ende seid Ihr Euch alle gleich! Das Nahe, der sichere kleine Erfolg, sei er so schön, so edel, als Ihr zu träumen vermochtet, er reizt Euch nicht – Ihr verwerft ihn! Weit in die Ferne müsst Ihr Pläne und Unternehmungen richten – ein Weltruhm muss Euch zu teil werden, wenn Euer ehrgeiziges Herz befriedigt werden soll!"
"Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde, mag Gott wissen!" erwiderte der junge Fenelon. "Der Trieb, der uns zu unserer entwicklung mit sehnsucht, mit Eifer, mit Entzücken die Füllhörner nach allen Richtungen ausstrecken lässt, um das zu erkennen, was uns förderlich werden könnte, d e r Trieb ist schön und herrlich – ihn möchte ich nicht jetzt schon durch die Befürchtung in mir verdächtigen, er könne Ehrgeiz werden!"
"Unverbesserlicher!" rief das junge Mädchen – "Ich hätte Viel darum gegeben, wenn ich Ihnen böse werden könnte; denn Sie haben mich empfindlich gekränkt durch Ihr stolzes Zurücktreten. Aber warum sind Sie so