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der Verehrung zusehen können, die an dieser ausserordentlichen Bevorrechtung des himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen lässt!"

"Liebenswürdiger Schwärmer!" rief die Gräfin, fast gerührt; "da wir heute im Prophezeihen sind, und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevigné schon das Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat, so verkünde ich Ihnen, dass Ihre sanfte jugendliche Weisheit, zum mann erstarkt, das Zeitalter retten wird, in dem Sie leben; dass Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Büchern unserer geschichte, trotz des grössten, den wir darin verzeichnen!"

"Gottlob, Madame," fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort, "dass ich Ihnen nicht glaube! Die geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat keinen Reiz für michmeine Gedanken haften an dem mühevoll heiligen Geschäfte des Augenblickes; es ist so schwer, ihn zu bestehen, ohne vor Gott erröten zu müssen, dass ich ihm alle meine Kräfte zuwende, und mir wenig Zeit übrig bleibt, die Zukunft mit eiteln Wünschen zu bestürmen."

"Darum tat ich es für Sie!" lachte die erheiterte Gräfin, die wohl ein wenig schriftstellerische Wallungen besass, aber zu klug und zu edel war, um sich von diesen Gefühlen dauernd beherrschen zu lassen.

Die Gesellschaft erschütterte ein kleiner elektrischer Schlag. – Ludwig war aufgestanden, und sein königlicher blick überflog den Kreis, als nähme er erst jetzt seine Existenz wahr. Die Türen nach den Vorsälen waren geöffnet' – die inneren Gemächer hatten sich gefüllt, Jeder rang um den Preis, mit Ludwig dasselbe Zimmer zu betreten. Die Möglichkeit eines Blickes, eines Wortes war die Hoffnung, die Jeder unausgesprochen nährte.

Auch schien das strahlende Auge, womit er Jeden zu finden wusste, Jedem eine solche Hoffnung erwekken zu sollen; doch, als er nun, sich von Madame beurlaubend, vorschritt, stockte selbst das Bemühen, die leichte Unterredung fort zu spinnen, welche bisher geherrscht. Zerstreuung, Erwartung unterdrückte jede andere Geistestätigkeit; höchstens gelangen einige leichte Worte, von denen der Sprechende hoffte, sie kleideten ihn, und die, da dies von den Andern schnell erraten ward, entweder mit Kälte aufgenommen, oder in derselben Weise und Absicht erwiedert wurden. Leonin hatte trotz seiner Befangenheit Auge und Ohr gehabt für die sonderbaren Zustände seiner Umgebungen, und indem er vergeblich auf den Sinn der Worte horchte, die um ihn her gesprochen wurden, und die seltsamen Grimassen sah, mit denen man sie begleitete, überzeugte er sich, dass dies der Hofton sei, von dessen bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz Europa voll war, und um dessen unaussprechlichen Reiz zu erreichen, Jeder seine Eigentümlichkeit, sein tieferes geistiges Bedürfniss verläugnen musste, wenn er nicht verlassen oder ausgelacht sein wollte.

Es bemächtigte sich seiner eine kränkende Unheimlichkeit: er wusste mit Allem, was er besass, hier nichts anzufangen. Seine Kenntnisse, seine Gefühle, seine AnsichtenAlles, was ihm als Material zum Sprechen dienen sollte, schien hier umsonst, ja, ganz unbrauchbarund ein geheimnissvoller Ritus von Worten, Bezeichnungen und Andeutungen überall zu herrschen, der ganz andere Zustände voraussetzte. Diese nicht zu kennen, zu verstehn, erschien ihm als ein Ungeschick, ein Mangel, von dem seine Eitelkeit sich trostlos verletzt fühlte. Sein Selbstgefühl verliess ihn, er konnte nicht denken, dass hinter der sicheren Haltung dieser Leerheit, hinter diesem Missbrauche von Worten, Lächeln und Mienen nicht ein Sinn liege, der bloss seiner Unerfahrenheit entginge. Er würde an jedem andern Orte sich in der langweiligsten Gesellschaft geglaubt haben; hier aber wagte er sich dies nicht einzugestehn. Der Anspruch, mit dem Alle ihr Verfahren durchführten, imponirte ihm; er dachte nur daran, es ihnen nachzumachen, überzeugt, den Inhalt später zu entdecken.

Madame machte, während der König langsam anredend auf der einen Seite den Kreis durchschritt, an der andern Seite die Tour. Beide waren von einigen vertrauten Personen ihres Hofes gefolgt. Madame redete aufs neue die Marschallin von Crecy an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Lächeln herbei.

"Sie müssen mir noch Viel von meinem Bruder erzählen; ich weiss, er sah sie gern an seinem hof, und ich" setzte sie hinzu, indem sie schnell und schmerzlich die Lippen zusammendrückte, "ich sah ihn l a n g e nicht!"

"Eure Königliche Hoheit würden noch eben so, wie früher, die Schönheit, wie die liebenswürdige Laune Seiner Majestät bewundern können! Wo er erscheint, hat die Freude ihren Tron erbaut," erwiderte Leonin, in höchster Bewegung, zuerst in diesen Räumen seine eigne stimme zu vernehmen.

"Ist das ein Lob für einen König?" rief hier Henriette von England mit einem auffallenden Gemische von Laune und Unwillen.

Erschrocken wollte Leonin begütigend antworten, als Alle schnell zurück wichen, und der König, der rasch und unbemerkt näher getreten war, plötzlich neben Madame Henriette und dicht vor Leonin stand.

"Belehren Sie mich, meine schöne Freundin," sprach er, ihre Worte auffassend, "wie das Lob eines Königs lauten muss, um Ihrem strengen Tadel zu entgehen!"

"Verzeihen Euer Majestät," antwortete Henriette, "ich fühle, ich bin als Französin zu sehr verwöhnt, um als Engländerin mich mit den Tugenden meines Bruders, insofern ich darin den König erkennen soll, genügsam erweisen zu können. Ist das ein Fehler, haben Euer Majestät mich dessen schuldig gemacht!"

Der König überhörte mit einem hohen