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hätte bei schärferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht wieder erkannt, die dieser Einfluss hervorrief; denn er ward nun erst Franzose und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit.

Nur, wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat, die Diener entlassen hatte, und lautlose Stille ihn umfing, blieb er wie ein Träumender stehen. Wo war Fennimor's Gatte, wo war der einsiedlerische Schlossherr von Ste. Roche und die patriarchalischen Vorstellungen, die alle seine Wünsche umschlossen hatten? – Ob er sich diese fragen wahrhaft beantwortete? Wir fürchten, nein! Aber noch war er innig überzeugt, was jetzt geschehe, was er tue und treibe, es sei nur die brücke zu ihr zurück. Noch fühlte er ihre Schönheit, ihren Wert; noch brauchte er nicht an seine P f l i c h t e n gegen sie zu denken. Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz keinen Punkt, wo er sich ihrer erinnern konnte, ohne den stechenden Schmerz zu fühlen, der uns belehrt, dass wir in gefahrvollen Widerspruch geraten sind, und Pflichten sich drohend berühren, denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden. Er verschob selbst den Moment einer Eröffnung gegen seine Mutter, teils aus Scheu und Unentschlossenheit, teils weil er glaubte, erst diesen öffentlichen Pflichten genug tun zu müssen. Er ahnte nicht, wie seine Mutter Alles in ihm sah und vorher gewusst, und wie fest sie beschlossen hatte, ihm eine solche Erklärung unmöglich zu machen, bis die Verhältnisse ihn so umsponnen hätten, dass er sie ihr nicht mehr zu machen wagen würde.

Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung, wenn sie erfuhr, wie Boten mit Briefen und Gepäck den Weg nach Ste. Roche nahmen; denn dies Alles, wie es auch dort Ansprüche und Neigung unterhalten, und gefährliche Gedanken in Leonin nähren musste, schien ihr doch weniger unheilbringend, als eine zu voreilige Erklärung, ehe sie Zeit gewonnen hätte, dies sein Gefühl in sich selbst absterben zu lassen.

Jetzt befand man sich zu Versailles, da man Paris nur bewohnte, um Familien-Feste zu feiern, die in die Nähe des Königs zu verlegen, eine Art Indiskretion scheinen konnte. Ausserdem liebten alle Grosse des Hofes, in Versailles zu leben, da der König eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris hegte, welches ihm als Kind, während der Kriege der Fronde, mehrere Male die Tore verschlossen hatte.

Madame Henriette, die Gemahlin Monsieur's und die Tochter des unglücklichen Karls des ersten von England, war der Parnassus des Hofes. Um sie versammelten sich alle Künste, und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Trone auf das Wort ihrer Anerkennung, ihrer Ermunterung. Der König hatte ihr eine so zärtliche, ritterliche Galantrie gewidmet, sie verstand dieselbe so geistreich zu fordern, und so fein und erhaben zu gestalten, dass dem Berühren dieser beiden romantischen Geister die entwicklung billig zuzurechnen ist, die das verhältnis der Männer zu den Frauen zu einer abgöttischen Huldigung erhob. Auch hier ging der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerüstete jugendliche König mit dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran, die wie ein neuer Impuls in der Courtoisie hervortrat.

Zwar hatte das verhältnis des Königs zu Madame Henriette den charakter wärmerer Zärtlichkeit verloren; aber sie behauptete noch immer den Rang der schönsten und geistreichsten Frau, und ihr Einfluss auf den König in allen geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten. Er selbst fühlte die wahrste Freundschaft für sie, ihr Hof zählte ihn noch immer zu seinem Besitz, und er tat Alles, ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine achtung und Anerkennung zu erhalten. –

Schon füllten sich die Vorzimmer der schönen Henriette, und alle Anwesenden zeigten die Belebteit und Spannung, die die Versicherung hervorgerufen, Madame erwarte den König! Ein Jeder fragte sich in der Stille, wer er wäre, was er zu denken, zu sagen habe, mit welcher Berechtigung er die grosse Gunst erwarten dürfe, vor ihm zu erscheinen.

Das Gespräch lief wohl lebhaft umher; aber nur Wenige verbargen die Zerstreuteit, mit der das leiseste Geräusch in den Höfen plötzlich Alle verstummen oder abbrechen liess. Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand ziemlich unbemerkt, denn Jeder teilte ihn.

Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer, in denen Madame ihren hohen Gast erwartete; dies waren besonders dazu Bestellteund sie zogen eben so stolz diesem Rufe entgegen, als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher folgten.

Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrünem Atlas, und der Glanz der Beleuchtung war vor diesem etwas erhöhten, bequemen Sitze mit einem Geschicke gemildert, dass es schien, der Mond erleuchte diesen Platz, im Gegensatze zu dem Vordergrunde des Zimmers, der Tageshelle, von Spiegelwänden reflektirt, zurückstrahlte. Der blassrote Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber durchwirkt, und in ihrem wunderschönen Haare trug sie eine einzige, aber prachtvolle Rose von Brillanten.

Da sie die schönsten arme und hände hatte, so stand es ihr sehr gut, dass sie die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug, während sie den andern, wie zum Gedankenspiele, durch die zarten Finger zog. Sie hatte die glänzendsten Farben, die lebhaftesten Augen, und schien immer von Gedanken angeregt, die sie auch, schnell und fliessend sprechend, stets bereit war, an den Einen oder Andern zu adressiren.

Um sie her standen die Damen und Herren ihres näheren Kreises. An der linken Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter, mit