sich geführte Veredlung des Blutes des ganzen Individuums bauen durfte. – Du denkst mit Stolz und Entusiasmus Deines vortrefflichen Vaters! Das schönste Gefühl der menschlichen Brust, das Gefühl kindlicher Liebe, wird vielleicht, wenn Dich das Leben versuchen sollte, eine Waffe dagegen. Den Namen eines Vaters tragend, den Du so hoch stellst, willst Du sein würdig handeln, Du glaubst von so edlem Ursprunge höhere Anforderungen an Dich – lass' mich hinzusetzen, an die Anerkennung Anderer machen zu können; und so entwickelt sich naturgemäss in jeder edel strebenden Brust ein ähnliches Gefühl, als die Kaste des Adels sich gewöhnt hat zu nähren, jetzt freilich mit dem bedeutenden Unterschiede: ihre Handlungsweise nicht mehr solchen Erinnerungen getreu zu behüten, sondern in den alten Ansprüchen sich zugleich befähigt zu ihrem Besitz haltend. Ludwig der Vierzehnte, der eifrigste Beschützer der alten Adelsvorrechte, hat ihnen doch, vielleicht ahnungslos und in anderer Richtung strebend, durch die geistvolle Weise, wie er Künsten und Wissenschaften einen Platz um seinen Tron einräumte, den Todesstoss gegeben. Die Aufklärung, welche ihre Blüten, Künste und Wissenschaften, gedeihen lässt, ist auf diesen Punkt g e s t i e g e n , nicht mehr als Eigentum höherer Stände, von ihnen ausschliesslich fest gehalten, zu denken. – Es sind die Quellen des Nils, die das Flussbett, worin sie eingefangen wurden, in eigner Fülle und Kraft anschwellend überschreiten, und ein ganzes Land befruchtend überziehen; wer einmal die Erndte nach ihrem Säen kennen lernte, blickt Zeit des Lebens aus nach dem seltenen Sämann, der nicht frägt, ob der Boden, den er bestreut, dem bevorrechteten oder belasteten Bürger der Erde gehört."
"Die Zeit ist also erst im Entstehen," sagte Elmeri
ce sinnend, "die ein freies Wirken und Schaffen unter Gleichgesinnten herauf führen wird – vorerst hat das reichere geistige Individuum keine Freiheit zu hoffen, als eben die innere, durch edles Streben selbst geschaffene."
Die Gräfin fühlte mit wehmütiger Teilnahme,
wie dies schöne liebenswürdige Wesen, aus den Wegen allgemeiner Anschauung stets zu sich selbst abzulenken wusste, und das eigene Interesse an diesem Standpunkte prüfte. Da England und Schottland, besonders die alten Familien, zu denen Lord Duncan Leitmorin gehörte, ganz in denselben Vorurteilen befangen waren, zweifelte sie nicht, dass Lord Astolph die Veranlassung zu den schwermütigen Betrachtungen war, mit denen ihr holder Schützling den Standpunkt der Zeit beleuchtete.
Diese Gedanken wurden durch das erscheinen von Lorint unterbrochen, welcher die Abendtafel anmeldete, und die Gräfin d'Aubaine erhob sich, ihre junge Freundin mit sich führend. Die kleine Tafel war in dem Boiseriezimmer bereitet, welches zuerst durch seine interessanten Portraits die Aufmerksamkeit der Miss Eton gefesselt hatte. Auch jetzt – der Dame im Brautschmucke gegenüber sitzend, lächelte diese mit einer Fülle von Liebe und Trost auf sie nieder, dass sie fast die Blicke nicht abzuwenden vermochte und damit die Aufmerksamkeit der Gräfin d'Aubaine auf sich zog.
Nachdem sie sich umgewendet und das Bild erkannt, lobte sie die Schönheit desselben. – "Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter," fügte sie hinzu – "sie liess sich in dem Brautkleide malen, welches sie bei ihrer Vermählung mit dem Marquis d'Anville trug, und worin meine Mutter sie so schön fand, dass sie so ihr Bild sich zu erhalten wünschte."
"Die Marquise d'Anville!" rief Elmerice mit einer Ueberraschung, die ihr ganzes Gesicht in Purpur tauchte.
"Hörtest Du von ihr?" fragte die Gräfin.
"Ja, ja," erwiderte Elmerice, "ich hörte von ihr" – doch plötzlich schwieg sie, und die Gräfin, die ihre sichtliche Bestürzung nicht durch fragen vermehren wollte, war bemüht, durch ruhig einlenkende gespräche das heftig erschütterte junge Mädchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen. Elmerice strebte dieser liebreichen Absicht zu begegnen, doch wagte sie nicht wieder die Augen zu dem wunderbar schönen Bilde zu erheben.
Als die Tafel vorüber war, führte die Gräfin d'Aubaine Miss Eton selbst nach ihren Zimmern, die in der freigebigsten Ausstattung Alles entielten, was dem Reichtume der Gräfin zu geben gebührte und mit den Ansprüchen der Bildung zusammen hing, zu denen sie ihren Schützling berechtigt hielt. Geschickt wusste sie sie zugleich mit den ehrenvollen Verhältnissen, die sie ihr zugestand, bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermögens, welche durch ihre, als der Vormünderin, hände gingen, zur freien Disposition zu stellen.
Beide Frauen trennten sich dann für die Nacht, mit gegenseitig angenehm belebten Hoffnungen für ein ferneres Beisammenleben. Es zeigte sich bald, wie leicht sich die beiden Frauen neben einander einwohnen sollten. An regelmässige Zeiteinteilung gewöhnt, trennten sie ihre Beschäftigungen, und führten sie zusammen, in so ungesuchter Ordnung, mit so wachsendem Interesse für einander, dass man die Stirn der Gräfin d'Aubaine nie so unumwölkt gesehen, seit lange das Herz der Miss Eton nicht in so ruhigem Takte geschlagen hatte.
Die vorschreitende Jahreszeit, die geschmackvollen Gärten, noch mehr aber die schönen, daran gränzenden Wälder von Ardoise boten die genussreichsten Spaziergänge, und Miss Eton, die nach Art der Engländerinnen diese zu ihren täglichen Beschäftigungen zählte, fühlte sich ungemein dadurch angezogen und unterhalten.
Ihre Erscheinung war den Bewohnern von Ardoise bekannt und lieb geworden. Die Kinder erwarteten das Schlossfräulein um die Stunde ihrer Promenaden, und vertraten ihr mit der schüchternen Hoffnung ihres Grusses oder Scherzes den Weg, ihr zartes grünes Laub oder eine frühzeitig emporgesprosste