Henriette von Paalzow
Ste. Roche
Von der Verfasserin von Godwie-Castle
Erster teil
Der junge Marquis d'Anville hatte sich in seine Bibliotek zurückgezogen, und wir finden ihn in einer frühen Morgenstunde, wie es scheint, mit sehr ernsten Angelegenheiten beschäftigt. Bestäubte Aktenstücke, deren vergelbtes Pergament und in Kapseln daran niederhängende Siegel auf wichtige Dokumente schliessen lassen, liegen um ihn her auf Stühlen und Tischen, und werden abwechselnd verglichen und geprüft mit Briefen und Papieren, welche einen neueren Ursprung verraten und zu Notizen veranlassen, die der junge Mann alsdann nachdenkend in ein kleines Buch verzeichnet. Sichtlich sind ernste, fast schwermütige Gedanken dabei in ihm angeregt, denn die Stirn, die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu sein scheint, ist umwölkt und trägt die Furchen tiefen Nachdenkens. – Hinter seinem rücken hat sich indessen die Tür geöffnet, und es naht sich ihm der holdeste Feind trübsinnigen Nachdenkens, seine junge und schöne Gemahlin, deren leichter Schritt sie ihm noch nicht verkündet, während sie selbst mit jugendlicher Schüchternheit zu zagen scheint, und ungewiss, ob sie es wagen darf, ihm zu nahen, sich von dem Ernste seiner Beschäftigungen und dem Ausdruck seiner seitwärts belauschten Züge imponiren lässt. Gern sähe sie sich von ihm bemerkt und herbeigerufen, aber ihre beredten Augen bleiben natürlich, wenn auch auf ihn gerichtet, dennoch geräuschlos, und sie muss sich entschliessen, sich selbst anzukündigen. "Ich bin unbescheiden, Dich zu stören," hebt sie an – "aber ich wusste nicht, dass Du so ernst beschäftigt warst." Bei dem Klange dieser lieben stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen, und als ob ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbräche, so leuchtet das entzückte Lächeln der Liebe daraus hervor.
"O, Lücile!" ruft er, ihr die Hand entgegenstrekkend, "stets ersehnt, stets erwünscht und zur rechten Stunde, ist nur Deine Entfernung eine Störung für mich."
"Auch wollte ich mich nur als Botin des Frühlings bei Dir melden," antwortete nun, in völlig sichere Heiterkeit zurückgekehrt, die junge Marquise. "Diese Veilchen, die ihr sehnsüchtiges Herz, der Sonne entgegen, unter dem leichten Reife des alten Mooses hervordrängen, sie tragen in ihrem süssen Dufte das ganze Paradies des Frühlings, sie erinnern mich an ihre Schwestern in der Provence, an die knospenden Buchengänge von Arconville."
"Geliebtes Wesen!" rief ihr Gemahl – "es liegt zwischen der schönen Wiege unserer ersten glücklichen Tage ein weit abführender Weg, der hier aus diesem Aktenwuste unabweisbar sich entwickelt. Mahnung an den Frühling kommt mir aber zur rechten Zeit; er gibt mir Mut, Dir eine Reise vorzuschlagen, die Dich schon jetzt den Freuden des glänzenden Hoflebens entführen wird."
"Wie!" rief die junge Frau – "verstehe ich Sie recht, Herr Marquis? Sie schlagen mir vor, den Hof inmitten seiner grössten Freuden zu verlassen? Haben Sie die Liste übersehen, die man gestern in den Zimmern der Königin herumzeigte, die uns wenigstens noch zwölf Bälle, ein Caroussel und einen Maskenscherz von einigen Tagen verspricht? Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider vergessen, mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt, und die noch nicht zur Hälfte den Neid meiner schönen Rivalinnen erregt haben? Wollen Sie, dass die Juwelen, um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplündert, die Perlen, nach denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niederstürzen – wollen Sie, dass diess Alles umsonst für den ersten Debüt Ihrer Gemahlin verwendet ward? Wissen Sie nicht überdies, dass wir das Taubenpaar aus der Provence heissen, und dass ich dem tugendhaften Versailler hof das nie gesehne Schauspiel gab, ein Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein? Wollen Sie, dass ich all' diesen Triumphen entsage, die mein junges Herz berauschen – und was wollen Sie mir zum Ersatze bieten?"
"Nichts, Lücile," rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzückter Sicherheit – "nichts, als mich – entweder sehr wenig, oder – Alles? Lass Deine Roben und Juwelen zurück – ich schenke Dir einen Strohut und pflücke Dir selbst die Blumen darauf!"
Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab – er folgte dem lieblichen gesicht – ihre Augen standen in Tränen – aller neckende Mutwille war daraus verschwunden. Als sie schüchtern zu ihm aufblickte, sagte sie mit dem frommen Ernst einer Betenden: "Bin ich nicht zu glücklich?"
"Lass uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefühl unseres Glücks," sagte der Marquis – "es scheint mir ein schöner Gottesdienst, ein glückliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens zu erfreun! Ich fürchte nicht, dass mir die Kraft darin erlahmen wird, i h m gehorsam und getrost zu bleiben, wenn trübe Tage kommen; denn ein tugendhaftes Glück lässt die Gaben des Herzens und Geistes unverkümmert empor wachsen."
"Ich fürchte wenigstens für Dich nicht, mein Armand," sagte die Marquise mit jenem Lächeln der Bewunderung, das die Blüte des schönsten weiblichen Glücks, nur die höchste achtung in der hingebensten Liebe, gibt – "doch lass' mich erfahren, wo Du mir die Blumen für meinen Strohhut zu pflücken gedenkst, denn es scheint, in den Wäldern von Arconville wird es nicht sein!" –
"Für die nächste Zeit wenigstens nicht, liebe Lücile! Meine Gegenwart wird unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt – ich