trat ein, still wie immer. Er grüsste mich nur im Vorübergehen, führte mehr aus Gewohnheit als Zärtlichkeit die Hand seiner Gattin zum mund, und wehrte entschieden und kalt seinen Sohn von sich ab. "Geh'", sprach er, "was tu' ich mit Dir? wozu die Fratzen!"
Felix kam zur Mutter zurück und nahm stillschweigend das Frühstück ein. Unsere Stimmung war gestört, wie ein kältender Reif legte sich die melancholische Teilnahmlosigkeit Bardeloh's um unsere so vollen Herzen. Da mein Gastfreund in kein Gespräch zu ziehen war, hielt ich ein völliges Ignoriren seiner person für angemessen und fuhr fort, mit Rosalie über Burton und Amerika zu sprechen. Diese Frau könnte einen jeden Mann glücklich machen, lebte sie in einer Atmosphäre, deren duftiger Hauch der Seele mehr Nahrung zuführte, als die unsrige.
"Was Sie da sagen," sprach sie, "das würde mich beglücken, wäre es mehr als eine blosse jugendliche Schwärmerei der Hoffnung. Sie kennen mich zu genau, um in mir ein Weib zu finden, das sich der Chimäre mit Leichtsinn hingibt. Die Welt hat mich frühzeitg gefunden und durch Prüfungen mein tieferes Wollen erprobt. Ungerecht mag ich nicht sein und mich deshalb beklagen. Es gibt Tausende, die im Elende verschmachten, ich kann mich hüllen in Purpur und Seide. Und dies ist nichts wertloses in unseren Tagen. Höher als Alles muss ich aber doch den Frieden achten, welcher am Herde seine wohnung errichtet. Dieser geht mir ab durch die Zustände, in die nun einmal die ganze Zeit hinabgestossen worden ist. Ich weiss dies ruhig zu ertragen, mich sogar zu begnügen – kann dies aber den Ungestüm der Männer zügeln? Euer stürmisches Verbessern reisst jede Stütze nieder, an der sich die allgemeine Schwäche zu einem erträglichen Ziele schleppt. Freilich nennt Ihr das kleinlich, aber seid doch nur gerecht und Ihr werdet den Menschen mit Leichtigkeit aus der Schwäche herauserkennen."
"Haben Sie etwas von Casimir gehört?" fragte Bardeloh. "Mein Bedienter sagte mir, er sei die ganze Nacht über nicht nach haus gekommen."
Ich wusste gar nicht, dass er ausgegangen war. "Die alberne Festlichkeit drüben in Deuz," fuhr Richard fort, "lockte ihn mit hundert andern Narren, und ich glaube, das ist recht sein Element, um sich zu sättigen in barocken Torheiten."
"Wir waren auch dabei, Vater," fiel Felix ein, "und da haben wir einen Amerikaner gefunden."
"So," sprach Bardeloh. "Einen Amerikaner? Ich höre, es sind Einige angekommen. Erwecken die Menschen Interesse?"
"Es kommt auf uns an," versetzte ich. "Ein Amerikaner sollte keinem Europäer gleichgiltig sein. Sehen wir doch in ihnen die Vorbilder dessen, was wir suchen und nicht finden können."
"Ein Narr, wer noch sucht, ein Schwächling, der nicht längst gefunden hat!" Mit dieser dictatorischen Grobheit stand Bardeloh auf und wollte das Zimmer verlassen. An der Tür stiess Casimir auf ihn in einer Verfassung, die eben nicht geeignet war, ihn liebenswürdig zu finden. Die Spuren einer durchschwärmten Nacht zeigten sich deutlich auf seinem ohnehin schon leidenschaftlich zerrissenen Gesicht. Weindunst schien noch seine Sinne zu umnebeln, er fasste Bardeloh an der Brust und taumelte mit ihm zugleich auf einen Sessel.
"Willst Du denn durchaus an der Gemeinheit zu grund gehen?" sagte Bardeloh, sich losmachend aus Casimirs Umarmung.
"Ich bin Casimir der Vogler," erwiderte lallend der Dichter, "das wird mir der vermoderte Heinrich nicht übel nehmen. So lang' es Vögel gibt, müssen Vogler sein. Ich find' es richtig und wollt Ihr's nicht glauben, fragt 'mal nach bei Abrahams Schwiegersohne. –"
"Der Mensch ist weintrunken," sprach Bardeloh und rief einigen Dienern, um ihn auf sein Zimmer zu schaffen. Casimir liess sich fortführen, perorirte aber ungenirt weiter und rief einmal über das andere: "Mardochai ist dumm, sehr dumm, und Casimir ein ungeheurer Elephant in der Klugheit. Ein Esel, wer Casimir nicht für den Fürsten der Weisheit anerkennt!"
"Was soll dies Geschwätz?" sagte Rosalie, "der Mensch scheint etwas auf dem Herzen zu haben." – Vergeblich sann ich nach, was Casimir wohl mit dem Juden verhandelt haben möchte. Von irgend Einem dieser beiden Menschen selbst etwas zu erfahren, war mehr als unwahrscheinlich, und am Ende sprach doch aus Casimir nur der Wein und seinen Worten fehlte die tiefere Bedeutung.
Richard zog sich wieder auf sein Zimmer zurück. "Kommen Sie," sprach Rosalie, "und lassen Sie uns noch eins plaudern." Wir setzten uns auf den Divan, Felix spielte Dame mit sich selbst und blieb natürlich jederzeit Sieger. "Sie wissen," fuhr Rosalie fort, "dass mein Gatte Schriftsteller ist, aber pseudonym. Was er eigentlich schreibt, ist mir unbekannt, so viel aber weiss ich, dass es das Testament seines Gedankenlebens an die Zukunft Europa's entalten wird. Von früherer Zeit her wird es Ihnen noch erinnerlich sein, dass Richard von einer 'Doctrin des Hasses' sprach, die er gegenüber der Doctrin der Liebe zu errichten für notwendig hielt. Ich kenne Bruchstücke aus diesem Product, und ich muss als wahrheitliebende Frau offen bekennen, dass die darin niedergelegten Gedanken eine Art Cultus begründen könnten, weil sie die Grundzüge sind einer neuen Religion