Ehre für mich" – fiel ich ein, doch der Amerikaner unterbrach mich und legte seine kräftige Hand so derb auf meine Schulter, dass ich erschrack.
"Keine Ehre, Sir," sprach der Sohn des freien Amerika. "Wenn ein Mann offen gesteht, dass ihm eines Fremden Bekanntschaft freut, so begreife ich nicht, wie dies diesem zur Ehre gereichen kann. Es ist Pflicht, Wahrheitsliebe, das zu sagen und weiter nichts. Kein Geschwätz und keine Blumen, Sir, sonst geh' ich."
Abermals erkannte ich meinen geschminkten Menschen im Spiegel einer gesunden, urkräftigen natur. Burton begleitete mich an Bardeloh's Haus. "Hier also wohnen Sie?" sagte er und küsste den Knaben auf die freie Stirn. "Ein schönes germanisches Kind, ich beneide den Vater darum."
"Das würden Sie nicht, wenn Sie ihn kennten!"
"Wie, ist der Knabe nicht Ihr Sohn?"
"Ach ich möchte es wohl sein," fiel Felix recht wehklagend ein, "aber Sigismund meint, es ginge nicht und der Vater hat mich doch gar nicht lieb."
"Wie kann ein Vater sein Kind nicht lieb haben, und nun gar ein so liebes, talentvolles!"
"In Europa kann dies vorkommen. Ja, Sie zittern, Burton, und können das Entsetzliche dieses Wortes nicht fassen. Jetzt erschrecken Sie vor einer Wahrheit, die eines Europäer's Blut schon längst nicht mehr in Aufruhr bringen kann. Der Sohn wird den Vater, oder der Vater den Sohn hassen, weil es die Verhältnisse bedingen. Es ist der Wille der Weltgeschichte, gegen deren Walten Niemand auch nur einen Finger erheben darf. Bedenken Sie, Burton, dass Sie in einer zweitausend Jahr alten Stadt Europa's wandern! Da liegt viel begraben und mancher tote könnte mit seinen Seufzern selbst das feste Amerika in seinen Grundfesten erbeben machen."
"Ihr Europäer seid grauenhaft, wenn Ihr prophetisch werdet!" sprach Burton. "Das Prophezeihen, ja, wahrhaftig, das ist Eure Stärke! Ihr seid mächtig gross im Wort und mächtig klein im Umbilden des Wortes zur Tat! – Nun, und wer ist denn der Vater dieses schönen Kindes?"
"Der Besitzer dieses Hauses, der reiche Particulier Bardeloh."
"Bardeloh, Bardeloh!" wiederholte der Amerikaner. "Ist mir's doch, als hätte ich einen Gruss aus England an diesen zu überbringen gehabt. Bardeloh! Hm! Und das Geschäft des Mannes?"
"Die Erziehung des Grames über sein Volk zum rettenden Engel für dasselbe."
"Ein europäisches Geschäft!" seufzte Burton. Ich hörte ihn zum ersten Male seufzen, man merkte dem Tone an, dass er noch nicht geübt und gebildet war zur Virtuosität. "Und das Ihrige, Sir?"
"Ich vertrete Famulusdienste bei Bardeloh und bin nebenbei Spürhund, um die Hasen aufzujagen."
"So, so! Und Sie leben?" –
"Von unsern Renten."
"Warum betreibt Ihr dabei kein einträgliches Geschäft?"
"Sie kennen das einträglichste für arme Europäer. Unser bestes Geschäft ist ein unablässiges Sinnen auf Erlösung!"
"Ihr seid krank, Alle," sagte Burton, "aber ich besuche nächstens Sie und diesen Bardeloh. Amerika wird Euch brauchen können!" – Wir schüttelten uns die hände und schieden. –
Am 3. November.
Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück kam, fand ich Rosalie in einer glücklich heiteren Stimmung. Felix kniete auf dem Tabourettchen vor ihr, und lachte die Mutter so freundlich und kindlich überzeugend an, dass es mich dauerte, diese Friedensscene abzukürzen. Felix hatte mich jedoch schon bemerkt, hüpfte auf mich zu und sprach:
"Nun, da ist ja der Sigismund. Frage ihn nun selbst, Mutter, ob es nicht wahr ist, dass mich gestern Abend ein schöner Amerikaner auf die Stirn geküsst hat?"
Rosalie zog den Knaben an sich, einen fragenden blick auf mich heftend. "Sie bestätigen des Knaben Behauptung," sagte sie, "wie aber kämen Amerikaner mit meinem Knaben in Berührung."
"Ja siehst Du Mutter, das ist so meine Freundlichkeit, die mir alle fremden Menschen an den Hals wirft. Frage nur den Sigismund, der kann Dir's haarklein erzählen, wie lieb mich der Amerikaner hat. Auch soll ich mit ihm nach dem schönen land gehen, da will er einen freien Mann aus mir machen, und mir einen Vater geben, der mich lieb hat."
"Armes Kind," seufzte Rosalie, "Du begreifst nicht, dass Dein Vater Dich von sich stösst a u s Liebe." – Sie wandte sich zu mir und bat mich um nähere Aufschlüsse über die neue Bekanntschaft. Ich erzählte ihr unser Zusammentreffen mit Burton und was sich daraus gesprächsweise ergeben habe.
"Ich bin neugierig den Mann kennen zu lernen," erwiderte Rosalie. "Nach dem, was Sie mir von ihm sagen, muss er den Gebildeten seiner Nation angehören. Ich gestehe, dass mein europäischer Sinn diesem volk nicht gern Zugeständnisse macht, die erniedrigend sind für uns selbst. Ein Mann kann anders fühlen, wir Frauen aber vermögen nicht, uns altgewohnten Verhältnissen so ganz zu entziehen, selbst wenn dies erforderlich wäre zu einer unparteiischen Gerechtigkeit. Seid Ihr oft hart und streng im Verwerfen des Verjährten, so sind wir nicht minder hartnäckig im Festalten der Überlieferung."
Bardeloh