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, das bildet weder Bürger, noch Menschen, das macht nur idealische Schwätzer."

Man kann dies zugeben, ohne einem Amerikaner deshalb ein Recht zu überliefern, das er in Anwendung bringen könnte gegen Europa's geistige zivilisation. Es wäre sogar lächerlich, wollte man von dem jungen Nordamerika verlangen, es solle in Kunst und Wissenschaft sich messen mit Europa. Nordamerika ist frei geworden, ohne den blutigen Krankheitslauf einer tausendjährigen Weltgeschichte durchgefühlt zu haben. Es ward frei und ein Mann, als ihm die geschichte die ersten Zähne ausriss. Es musste dies werden, weil die Erinnerung an die europäische Weltgeschichte als drohendes Gespenst es anspornte zur Tat. Nun aber sollte Europa sich von ihm borgen die weise Nüchternheit des im Kampf und Freiheit erstarkten Geistes, um seiner zerbrechlichen natur wieder aufzuhelfen, und von den tieferen, poetischeren Gütern seines Lebens hinüberflüchten in den grossen Tempel der natur und in die Walhalla der Freiheit, was in Europa nur schwächend und demoralisirend wirken, in Amerika aber dem materiell starken Leben einen heiligeren Geist einhauchen kann. Europa wäre geholfen mit einem ehrlichen Tauschhondel und Amerika könnte dabei auch nur gewinnen.

Das lebhafte Intresse, welches ich an Amerika's Lebensgestaltung nehme, entging Burton nicht. Meine Teilnahme schloss sein Herz auf und liess ihn Zugeständnisse machen, die ich kaum erwartet hätte.

"Der Europäer," sagte er, "täuscht sich oft, wenn er unser glückliches Land betritt. An den Küsten wohnt nicht die Freiheit im schönsten Schmuck ihrer jugendlichen Unschuld. Wie das Treibholz vom Nordpol sich ansetzt an Islands kahle Küstenstriche, an die Faröer und Shetlands-Inseln, so steigen rings am Strande des Hudsons, Delaware, Susquehannah, Connectitut, die grau gewordenen Laster aus, die in Europa nicht mehr hinlänglichen Spielraum finden für ihr lüsternes Leben. Die Küstenstriche Nordamerika's sind bloss die Vorhöfe der wahren Freiheit. Da treibt sich allerhand Gesindel umher, und wenn auch der Congress des Volkes Heil berät nahe an dem Wogenschwall der donnernden Atlantis, die wahre wohnung der Freiheit muss man suchen im stillen unentweihten inneren Amerika's. Darum, wen aus Europa der Schmerz vertreibt und wer Heilung sucht für sein brechendes Herz, der fliehe die grossen volkreichen Städte, in denen, wie überall, wo die Menschheit sich stösst, der Egoismus herrscht und die Sucht nach Gewinn und eitlem Tand. Schnell dringe er vor in das Innere. Die Staaten Tenessee, Ohio, Indiana, Illinois bieten die ungeheuersten Länderstriche dar für ein glückliches Leben. Nur tätig muss Jedermann sein, das Träumen darf er nicht mir herüberschiffen über den Ocean. Wir können jetzt nur mächtig fleissige Menschen gebrauchen, die moralisch aufleben, weil sie kräftig natürlich bleiben. Vielleicht nach hundert Jahren bietet dann auch das amerikanische Familieenleben mehr Künste des Friedens dar."

Mit Freuden hatte ich den Amerikaner sich aussprechen lassen. Wie schmerzte es mich, dass ein ähnliches Lob ohne Lüge nicht über meine Lippe gehen konnte von meinem vaterland! Ich eröffnete Burton, dass ich willens sei, in einiger Zeit nach Amerika zu gehen.

"Tun Sie dies," erwiderte er. "Sie kommen fort, Sie sind noch jung und hoffnungskräftig. Ich werde Ihnen fortelfen, wenn Sie mir Vertrauen schenken wollen."

"Ich gehe aber nicht allein," sagte ich, "mich sollen noch Mehrere begleiten, Männer und Frauen. Es lebt hier eine Gesellschaft, die nur tot in Europa Frieden finden kann. Sie sind geistig und physisch zerbrochen worden von dem tödtenden Rade, das Europa zermalmt."

"Diese Menschen möchte' ich kennen," versetzte Burton. "Das würde mir einen klaren Begriff beibringen von europäischer zivilisation, die mir noch gar nicht recht zu Sinne will. Die Leute sind hier mächtig gescheidt, aber doch im grund wenig klug. Ihr seid allesammt zu gelehrt. Ihr habt viel geschichte, aber wenig Leben."

Diese Distinction war amerikanisch verständig und sehr bezeichnend. Die überhand nehmende Dunkelheit hatte uns zurückgeführt nach Deuz. Das Kirmesfest ging ruhig seinen gang, in mir aber fanden sich keine verwandtschaftlichen Regungen mehr. Ich überschritt an Burton's Seite die Schiffsbrücke. Felix merkte genau auf unser Gespräch und liess sich von dem Amerikaner führen.

"Wo wohnen Sie?" fragte ich meinen neuen Bekannten, als wir den Brückenzoll erlegten.

"Gleich hier am Rheinberge," erwiderte Burton, "wenn Sie aber weiter in der Stadt logiren, so begleite ich Sie noch eine Strecke. Der Abendwind wehte ein paar wehmütig auszitternde Violinentöne vom Hafen herüber, ein Fieberfrost überlief mich kalt, Burton blieb stehen."

"Was ist das für ein seltsamer Spieler oder Virtuos," sagte der Amerikaner. "Beinahe alle Abende und oft tief in die Nacht hinein höre ich das Wehklagen seiner Geige, in das sich nicht selten ein so überlautes Jubeln, fast ein Orgingejauchz von wild tobenden Melodien mischt, dass ich mich einer Wehmut nicht entalten kann, die doch sonst meinem ganzen Wesen sehr fremd ist. Ich verstehe wenig von Musik und dennoch wittere ich etwas Geniales heraus aus diesem Spiele! Können Sie mir Auskunft darüber geben?"

"Später," sagte ich, "nur so viel mögen Sie erfahren, dass jener Spieler einer von denen ist, die ich gern hinüber retten möchte nach Amerika."

"Sie machen mich neugierig," erwiderte Burton. "Ihre Bekanntschaft wird mich länger in Köln aufhalten, als ich vor Kurzem willens war."

"Es wäre dies sehr viel