erkennen. Eine junge Hoffnung schoss üppig auf in meinem Herzen bei dieser Wahrnehmung. Es war der erste Amerikaner, den ich sprach, und die letzten Wochen hatten mir das ferne Land im Westen so nahe gebracht, so eng in den Kreis meiner Wünsche und Lebenserwartungen eingesponnen, dass ich mich selbst einen Bürger dieses fabelhaften Weltreichs fühlte.
"Haben Sie Ihr überatlantisches Vaterland schon längst verlassen?" fragte ich, in der Absicht des Fremden Stolz zu wecken und dadurch zu einem Gespräch über Amerika zu nötigen.
"Woher wissen Sie, dass Amerika mein Geburtsland ist?"
"Ihr freies Wesen, ihr männlich froher blick verrieten es mir."
"Wahrlich, Sie verraten mir gleichermassen," erwiderte der Amerikaner, "dass S i e ein Europäer sind. Das ist ein mächtig schmeichelndes Volk, unbehaglich für uns mehr als grade, etwas derbe Menschen. Warum schmeicheln Sie mir, der ich Sie eben so wenig kenne, wie Sie mich?"
Es ist beschämend, gestehen zu müssen, dass ich nicht im mindesten die unbewusst ausgesprochene Schmeichelei gefühlt hatte. So unnatürlich sind wir geworden durch die Verhältnisse, dass selbst die offenste Ehrlichkeit nicht mehr fühlt, wenn sie aus Ehrlichkeit unehrlich wird. Complimente sind so dicht verwachsen mit unserm Leben und Denken, dass ein glücklicher Gedanke gewiss das Halsbrechen riskirte wenn er nicht in gehörigem Schritt dem Leben Reverenz machen dürfte. Es ist zum verzweifeln! Du glaubst nicht, Ferdinand, wie erbärmlich klein ich mich fühlte mit all meiner sublimen Bildung gegenüber der Gradheit dieses ehrlich stolzen Amerikaners. Ich machte keine Entschuldigung, sondern gestand offen und frei meinen Fehler. Dies gefiel dem Amerikaner. "Wie heissen Sie?" fragte er, meine Hand tüchtig schüttelnd. Ich nannte meinen Namen. "Schön," sprach er, "und der meinige ist B u r t o n . Ich bin aus Cincinati am Ohio. Kommen Sie. Der Rhein ist ein mächtiger schöner Strom, mit dem Ohio aber kann er sich nicht messen."
Wir gingen den Strom entlang. Der jubel des volkes versank in die Ferne. Die Sterne blinkten mild herab vom blauen Himmel, in stillem Glanz stieg der Mond auf und überstrahlte das alte Köln mit duftigem Schimmer. Felix, der bisher den Amerikaner von allen Seiten betrachtet hatte, ergriff jetzt Burton's Hand, indem er sagte: "Lass' mich sie küssen, Amerikaner! Vater hat immer gesagt, ein Amerikaner sei ein ganzer Mensch, und das ist einmal ganz wahr gewesen vom Vater. Ich bin Dir gut, Amerikaner, und ich möchte wohl auch einer werden, wenn die Mutter es nur erlauben wollte. Du siehst grade aus, wie ein ganzer Mensch."
"Ein liebes Kind," sprach Burton, "nur etwas idealisch. Das taugt nichts, am wenigsten für Amerika. Indess der Knabe würde sich schon ändern."
"Auf dem Ohio würde ich Schiffe bauen," sprach Felix "und damit in den Missisippi fahren. Das muss ein recht grosser Strom sein."
"Es ist ein mächtig grosses wasser, der Vater der Gewässer, mein Sohn."
Nach einigem Hin- und Herfragen erfuhr ich von Burton, dass er bereits seit zwei Jahren sein Vaterland verlassen habe, um Europa und vor allem Nordamerika's Mutterstaat, England, zu besuchen. Handelsverbindungen und die Lust, Menschen und Länder kennen zu lernen, hatten ihn jüngst nach Deutschland geführt, dessen Volk ihn vor allen europäischen am meisten anzog. Er hatte in seiner Heimat deutsche Ansiedler gesprochen und in ihrem Umgang unsere Sprache erlernt. Das tiefe Gemüt jener Menschen, die durch harte Entbehrungen und unermüdliche Ausdauer alle Schwierigkeiten siegreich überwunden und sich zuletzt zu einem Wohlstand heraufgeschwungen hatten, wie er selten in so geordneter Schönheit sich findet, weckten den Wunsch in ihm, das eigentliche Vaterland dieses im Dulden so grossen Volkes kennen zu lernen. Allein noch war ihm bis jetzt jene Lebenskraft nicht begegnet, die er an den Ausgewanderten bewundert hatte. Es ward ihm unheimlich unter diesem gutmütigen Ceremonienwesen, das nicht Product einer freien Gesinnung, sondern bloss Auswuchs einer schiefen Stellung zur Weltgeschichte ist. Der freie, naturfrische Sohn Amerika's konnte nicht fassen, wie es eine Convenienz geben müsse, um mühselig durch's Leben zu schleichen. Dieses hüstelnde Herumpinseln nach irgend einer lockern, schon im Entstehen aus einander fallenden Tat, widerstrebte dem Stolz seiner Männlichkeit, und er war nahe daran, den Stab zu brechen über die ganze Nation, weil er den Geist des Wollens so wenig sich kund geben sah in Aeusserlichkeiten. Bereits hatte er den Rhein bereis't bis Strassburg hinauf, war erst vor Kurzem wieder zurückgekehrt, und stand eben im Begriff, auf einige Zeit nach Paris zu gehen, um an den dortigen Zuständen die Zukunft des europäischen Festlandes zu erproben. Aus Allem sprach ein gesunder, heller Verstand, gross und stark geworden im Kampf mit der riesigen natur. Kein sanftes Heucheln bog die Lippe zum geständnis einer wohl erzogenen Lüge, wie der Europäer sie so gern hört. Das Auge heftete fest auf den Dingen und erhob aus dem kalt Reellen nur die Zukunft der Welt zu einer idealen Gestalt. Es ist wahr, Burton hatte für Vieles keinen Sinn, womit des Europäers ganzes Dasein auf das Engste zusammengewachsen ist. Die Kunst schien ihm ein völlig törichter Tand zu sein. "Das ist ein mächtig verweichlichendes Geschäft," sagte er, "diese Kunstliebhaberei! Dabei kommt nichts heraus