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, noch unter Christen. Er stirbt allein am tod des Mosaismus und der Unbarmherzigkeit derer, die sich brüsten, das Privilegium der Barmherzigkeit zu besitzen."

Der Jude stand hinter uns und musterte die Umgebung. "Lauter alte Bekannte, wie ich sehe," fuhr er fort, Casimir's Hand kräftig schüttelnd, die er zum ersten Male wieder sah.

"Der Sinn ist Canaille geblieben," sagte dieser, "nur die Jacke hat sich geändert. Nun darauf geb' ich nichts, die Hauptsache ist immer, dass einer nicht dumm wird an eingemachten Liebesseufzern. Alter, wie geht's Dir? Bist Du munter und schacherst Du noch immer mit gut angelegten Gedanken?"

"Das Gewerbe blüht," sprach Mardochai, "aber ich hoffe, nicht mehr gar lange! Die geistigen Zungen der Völker sind gewählter geworden."

"Bravo! Trüffelsauçen für das Pack! Jude, ich sage Dir, geh' in die Pilze. Du bist der Kerl darnach, die giftigsten herauszulesen zur Betäubung dieser sublimen Himmelsfliegen." – Er deutete auf die kniende Gruppe.

Casimir kam immer tiefer in seine Redeweise hinein, und da Mardochai ihm keinen Widerstand leistete durch vieles Dazwischenreden, so gab uns seine Laune noch Dinge zu hören, wofür keine Schriftsprache Worte besitzt. – Der Mönch erholte sich unterdessen wieder, allein das Bewusstsein war dahin. Wilder und glühender als je, irrten seine Augen in den tiefen Höhlen, er murmelte nur unverständliche Worte, Gleichmut's Namen allein konnte man deutlich aus dem Wirrwarr heraushören. Da sich eine heftige Tobsucht seiner bemächtigte, musste er gefesselt werden. Erschüttert verliessen wir alle den Schauplatz des Jammers. Gleichmut war wie vernichtet, Bardeloh brütete still für sich hin. Felix hing sich weinend an meinen Arm. Nur Casimir liess sich den Humor, wie er es nannte, durch diese "gut durchgeführte Farce der unvermögenden Weisheit" nicht verderben und Mardochai stand einsam da in der Grösse seiner Ruhe, wie ein prophetisches Bild, für dessen Sprache die Stunde noch nicht gekommen ist.

Meine Absicht scheiterte an der unheilbaren geistigen Zerstörung Eduard's. – Ich begleitete den Pastor nach haus und schlich mich dann unter Sternenschein in die Nähe von Mardochai's wohnung, um irgend wo die liebliche Sara zu entdecken. Ich hatte seit jenem Abende die schöne Jüdin nur ein einziges Mal gesprochen, konnte aber zu kurze Zeit bei ihr verweilen, um sichere Schritte für meine Pläne zu tun. Auch werde ich mich keineswegs durch vorschnelles Handeln übereilen. Ist doch ohnehin Alles bereits so weit zum Abgrunde hingerissen, dass es jetzt wahrlich nicht auf ein Dutzend Elendigkeiten mehr oder weniger viel ankommt! Dem Juden kann ich nicht zürnen, so entsetzlich er mir auch ist. Sein Zweck ist vielleicht eben so edel, als der meinige, aber diese Zerklüftung des Menschen und der Secten nötigen ihn, zu Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die vielleicht in der schöpferischen Begeisterung eines Gottes noch als Frevel erschienen.

Sara war nirgends zu entdecken, dagegen leuchteten die Fenster Auguste's so liebelockend und sehnsuchtswarm, dass ich nach langer Entsagung wieder einmal ganz dem ungebundesten Glück anzugehören für ein notwendiges Opfer meiner natur hielt. Klapperbein, schon gewohnt an mein unvorhergesehenes Kommen und Gehen, wird nach und nach gefüger. Der alte Narr macht mir Spass, und wollen wir beide recht kindlich glücklich sein, so muss sich der alte Ephraim zu uns setzen und Sagen und Schnurren erzählen. Darin ist er denn Meister, immer vergnügt, sangeslustig und weinselig von früh bis in die Nacht hinein. Erst, wenn man eine so kernfrische natur sieht bei der Bleichsucht, die unser ganzes Geschlecht ergriffen hat, fühlt man, wie unendlich tief uns diese künstlichen Lebensmaximen herabgestossen haben von der reinen unverfälschten Menschlichkeit; und immer heisst der Refrain all' meines Wünschens und Denkens: Wiedereinsetzung der natur in ihre Rechte, oder Auswanderung dahin, wo sie noch tront, und lebt und schafft in ihrer ganzen, ungeschwächten, heiligen Kraft! Wüsste ich nur, wie man schnell diesem so lebenbedürftigen Europa das Nötige wieder geben könnte! Aber hier sind wir Alle mit unserer Weisheit zu Ende, und nur die geschichte kann retten und erlösen, was der Misbrauch derselben auf das Rad der Schmach und des Entsetzens geflochten hat. –

Im November.

Das Kirmesfest in Deuz führte in den jüngst ver

gangenen Tagen eine grosse Anzahl Fremder daselbst zusammen. Nicht allein die Bewohner Köln's wallfahrteten hinüber nach den öffentlichen Vergnügungsorten, auch die nahe gelegenen Ortschaften entsandten eine Menge fröhlicher Menschen zu dem heiteren Volksjubel. Die Tage waren warm und sonnig. Der Herbst schien in einem kurzen Spätsommer nochmals aufleben zu wollen.

Ich hatte viel reden hören von den bei dieser Festlichkeit gewöhnlichen Volksbelustigungen, und fand mich deshalb bei guter Zeit an Ort und Stelle ein. Felix begleitete mich, er war froh einmal aus der gewitterschwülen Atmosphäre des väterlichen Hauses in die freie Luft heraustreten zu können. Unterwegs begegnete uns Mardochai mit seiner Tochter, die ausser dem haus die Liebhabereien des Vaters dem Modegeschmacke zum Opfer bringt. Seit unserm feindlichen Zusammentreffen hält mich ein unheimliches Gefühl ab, in engerem Verkehr mit Mardochai zu leben. Wir gingen daher ruhig grüssend an einander vorüber, nur Sara wechselte ein paar bedeutungsvollere Blicke mit mir. Das wunderliche Mädchen ist in der Tat zu verführerisch, um es mit kaltem Blute betrachten zu können. Es lag eine offene Einladung in ihrem Blicke, ihr ganzes Auge war eine mit Lächeln dargereichte Visitenkarte.