Gehäuse hier um dich aufgepflanzst, so hielt ich Dich für eine gewichste Lavendelseele. Daraus aber erkenne ich, dass eine solide Wildheit noch immer auf Dich wirken kann." Kaum ward er Gleichmut's ansichtig, als er den Schädel dem Pastor gerade vor das Gesicht hielt und fort fuhr: "So soll mich doch der Satan zu einem Mädchen machen, wenn Du nicht einer verschütteten Leichenpredigt so ähnlich siehst, wie ich einem Narren! Gelt, Du bist eine ambulirende Predigt?"
"Ist's möglich," sagte Gleichmut, "Casimir, Du lebst noch?"
"In Sack und Hose, wie ein europäischer Kernphilister, aber weniger sauber. Urdr... ist mein Element, denn aus ihm hat – offen gesprochen – Gott die Welt gemacht." –
"Und Du hältst Dich wohl für seinen Substituten?" warf Gleichmut fragend ein.
"Behüte der Teufel! Ich bin bloss sein Spucknapf. Zu Substituten taugen nur solche Lumpensammler, wie Du, Kerl. Du bist ein wahrhaftiger Leichdorn an der kleinen Zehe des Allmächtigen!"
"Wenn Sie bereit sind," unterbrach Bardeloh das Gespräch der beiden alten Bekannten, "so wollen wir einen Dritten besuchen. Dir, Casimir, befehle ich Ruhe, oder ich werfe Dich unverzüglich aus dem haus!"
"Ein majestätischer Spruch wird immerdar respectirt," versetzte Casimir. "Denkt so eine parfümirte Schneiderseele," brummte er für sich, "sie sei reif, neue Staaten zu gründen und Republiken auszuspeien, und schleppt doch noch die Eierschalen aller aristokratischen Teufeleien an den Fersen mit sich herum. Dass Du zünftig wirst, macht Dich noch nicht gross."
Bardeloh schickte seinen Sohn zuerst in das Gemach des Mönches. Aus den wenigen Worten, die er mit dem Knaben sprach, liess sich eine glückliche Stimmung erraten.
"Treten Sie ein, Gleichmut," sagte Richard, "Ihnen gebührt hier der Vortritt." –
Der Pastor überschritt mit mir zugleich die Schwelle. Der Mönch sass am offenen Fenster, eine Laute lag vor ihm auf der Tafel, denn zuweilen verlangt ihn nach Musik und er klimpert dann ohne Harmonie auf den saiten. Felix kniete auf einem Schemel und strich dem Wahnsinnigen die wenigen greisen Locken aus der scharf hervortretenden Stirn. Gleichmut blieb erschrocken stehen. "Wer soll dieser Mann sein? Doch nicht etwa Einer, den ich früher kannte?"
"Fassen Sie ihn in's Auge," sprach Bardeloh, "und wenn Sie ihn dann erkennen, so gedenken Sie nur der richtenden geschichte!"
Gleichmut und Eduard sahen einander unverwandt an, ohne das geringste Zeichen einer früheren Bekanntschaft zu geben. Endlich sprach der Pastor kopfschüttelnd: "Ich kenne den Menschen nicht; es muss ein Irrtum sein."
"Dann ist Ihre Lebensgeschichte eine Lüge!" sprach Bardeloh.
"Bei Stola und Pritsche," fiel Casimir ein, "Du hast Recht. Denn dieser von Gebeten auseinandergetriebene Schädel dort hat die Weihen da empfangen, wo ich das Tabernakel plünderte."
"Himmel und Erde!" rief zusammenbrechend Gleichmut, "Eduard, der Verteidiger der Askese? Er, der meine Wette annahm? – Du bist unglücklich, ich sehe's an Deinem versunkenen Auge! – Du hast ein elendes Dasein hingeschleppt als Kette, die der Fluch der natur an Deinen Eid schmiedete. Eduard, Eduard, kennst Du mich?"
Der Aufgeregte stürzte sich auf den bisher teilnahmlos gebliebenen Mönch. Er ergriff in krampfhafter Wut seine Hand, suchte in seinen Zügen die Leiden eines mehr als zehnjährigen Lebens zu lesen und bedeckte dann, um Vergebung bittend, die Hand des Wahnsinnigen mit heissen Küssen.
Da schien eine grauenhafte Erinnerung höhnisch lebendig zu werden in Eduard's wahnwitziger Seele. Ein gellendes Gelächter lief schreiend und händeringend an den Wänden hinan; er nahm die Guitarre, griff mit den knöchernen Fingern hinein, dass schrillend die saiten zerrissen, und wirbelnd sich im Kreise drehend, heulte er den letzten Vers aus seinem lied, bis er ohnmächtig zu Boden sank. Felix kniete neben ihm nieder, in der Unschuld Tränen das Gesicht des Wahnsinnigen badend. Auch Gleichmut verliessen die Kräfte. Sein siecher Körper konnte wohl eine in ruhiger Mässigung genossene Seelenqual ertragen, nicht aber den Sturm aufgerüttelter Leidenschaften. Er kniete auf die andere Seite des wie tot Hingestürzten, und seine Hand auf die Stirne des Mönchs legend, sprach er: "Du hast verloren wie ich, gewonnen hat allein der tragische Witz des Schicksals. Du fielst ein Opfer der Entaltsamkeit und ich der entfesselten Begierden. Am Ende aber bist Du doch noch glücklicher als ich. Denn Dein ist nur der Wahn, und Dein Wehe kam aus einem reinen Herzen, mich aber erdrückte die Lust des Gedankens und der umherwandernde Rachegeist des gemisshandelten, urältesten Volkes der Erde."
"Nicht doch, Hochwürden," fiel hier eine mir wohl bekannte stimme mit eiskalter Ruhe ein. "Es waren Studien, Experimente, angestellt mit der Physis der Seele, zu Nutz und Frommen der Nachwelt. Dass der Physiker dabei geschickter war, als sein Famulus, war Sache der Vorsehung. Wenn ich mich räche, so baue ich an der Zukunft der Welt, indem ich wohl weiss, dass das Fertigwerden dieses neuen Völkerdomes den Tod des Baumeisters bedingt. Doch haben Sie noch je ein Kind aus dem Stamme Juda's töricht gesehen? Mardochai kann elend sein, dumm ist er nicht! Mardochai stirbt weder am Christentum