Stern, der mit hellem Licht bestrahlt die Trümmer der alten Burg Zion im land Palästina! –
12.
An Ferdinand.
Köln, Ende October.
Ungeachtet Deiner Verstimmung fahre ich doch von Zeit zu Zeit fort in meinen Berichten. Du hältst noch zu sehr an dem Herkömmlichen und bist furchtsam, wo Du mutig sein solltest. Grade wie es jetzt hergeht in der Welt, hat ein recht frischer Mut nichts zu fürchten. Die Hoffnung auf das Gelingen hält das zagende Herz immer aufrecht und lässt es die schweren Stunden des Kampfes vergessen. So wenigstens fühle ich, seit der Wille der Vorsehung mich in diese Wirren gestellt hat. Ich finde, dass am Ende kein Zustand völlig unerträglich werden kann, mag man sich nur im geist eine Aussicht in die Zukunft frei erhalten. Das ist freilich unklug gesprochen, aber die unbewusste Politik des Menschenherzens drängt früher oder später jeden Einzelnen dazu hin. Ich gehöre gewiss nicht unter die Matterzigen, aber das immerwährende Hereinbrechen zerstörender Lebensstürme hat mich abgehärtet und seit einiger Zeit mit grösserer Besonnenheit dem Ziele entgegenstreben lassen. W a s ich will, ist mir klar, das W i e ? kann allein von den Verhältnissen bestimmt werden.
Seit meinem näheren Zusammentreffen mit Mardochai haben sich die Dinge hier fortgeschoben in dem breiten Gleis der Gewöhnlichkeit. Ein unaufmerksamer Beobachter würde nichts Auffallendes entdecken, mein Auge ist jedoch für die geheimen Lebensregungen geschärft worden, und so kann ich aus dem stillen Fortschieben der Tage eine nahende Krisis herauslesen.
Bardeloh kommt wenig aus. Er arbeitet viel, wie er mir sagt, an seinem Testamente. Dieser Ausdruck möchte wohl schwerlich in dem gewöhnlichen Sinne zu verstehen sein; er schreibt an der Gestaltung der Welt, wie sein ungestümer Geist diese sich in der Zukunft denkt. Niemand darf ihn stören, selbst seine Gattin nicht, die ein wahrhaft kummervolles Leben führt. Felix nur hält das beklagenswerte Weib aufrecht und beglückt es auf Augenblicke. Warum musste doch grade Rosalie die Frau dieses Mannes werden! Sie wär glücklich gewesen ausser der Ehe.
Eduard oder Bonifacius hat dann und wann eine Art lichter Augenblicke. Ich besuche ihn öfters und weiss man ihn zu behandeln, so ist es nicht eben schwer mit ihm zu verkehren. Nur einzelner Worte darf man sich nicht bedienen, sonst kommt der Geist des Irrsinns mit Furienwut über ihn und das Leben eines Jeden ist dann gefährdet. Diese Worte sind "Kloster," "Liebe," "Gelöbniss," "Priestereid," "Mönch" und der Name "Gleichmut." – Eine Zeit lang machte mich dieser Abscheu gegen den nicht minder unglücklichen Pastor unmutig, da ich von ganzem Herzen eine Confrontation dieser beiden Menschen zu bewerkstelligen wünschte. Mich trieb nicht Neugier dazu, sondern eine Art Instinct, der mich erwarten liess, ein plötzliches Sehen derjenigen person, die den Armen vermocht hatte, das unselige Gelübde zu tun, werde wie eine heilsame Medicin auf den Irren wirken. Ein unerwarteter Schreck kann bei Geisteskranken Wunder tun, und grade Bonifacius schien mir seiner ganzen natur nach geeignet, durch ein solches Mittel allein den Gebrauch seines Verstandes wieder zu erlangen. Die gelegenheit blieb lange ungünstig, Gleichmut begierig auf die Lösung meines gegebenen Wortes, bestürmte mich jedoch täglich, ihn der Ungewissheit zu entreissen und ich wagte endlich einen Versuch. zuvor unterrichtete ich Bardeloh von meinem Plane und schlug vor, auch Casimir teil nehmen zu lassen an der Erkennungsscene. Mein Gastfreund war es zufrieden und Tag und Stunde wurden festgesetzt.
Du wirst Dich vielleicht wundern, dass ich hier von einer Confrontation zweier Menschen spreche, die sich schon vor längerer Zeit begegnet sind. Du magst aber nur bedenken, dass jene Begegnung zu einer Zeit sich zutrug, wo Gleichmut wenig Acht darauf hatte und Eduard durch die lange Kerkerhaft und seine furchtbaren Seelenleiden jede frühere Aehnlichkeit gänzlich verloren hatte. Jetzt verliehen ihm Ruhe und liebevolle Behandlung wieder ein menschliches Aussehen, und ein prüfendes Auge mag wohl sogar einige Aehnlichkeit mit Bardeloh in ihm entdecken, auch ohne jenes furchtbare Muttermal dabei zu Rate zu ziehen.
Es war ein heiterer Abend, die Sonne beschien warm und malerisch die alten grauen Türme und Giebeldächer. Aus dem Garten, in den die Fenster von Eduards Zimmer hinabsehen, stieg Blumenduft in die Atmosphäre auf. Der Mönch war ganz heiter, sein Auge bekam Leben und Licht, die Angst der Seele schien gänzlich von ihm gewichen zu sein. Guter Hoffnung voll holte ich Gleichmut ab, der täglich siecher wird und mir ängstlicher Hast an seiner geschichte der Heiligen arbeitet. Bardeloh war bereit; in seinem fast Jedermann verschlossenen Cabinet fanden wir bereits den dramatischen Dichter und den heitern Felix.
Casimir ist nach seiner Weise zufrieden. Er schreibt an einem neuen wunderlichen Werke, lebt dabei ganz nach Belieben, cynisch, wie's ihm recht ist, und kann seinen Unmut ungestört auslassen. Mehr verlangt dieser colossale Mensch eigentlich nicht, und ist man ihm dabei zu Willen in Kleinigkeiten, so ist schon ein Auskommen mit ihm. Er stelzte auf eine höchst scurrile Weise in dem feinen Gemache Bardeloh's umher und fluchte dabei still für sich hin, dass die Erde hätte weinen mögen. Um nur etwas zu haben, woran er sich halten konnte, ergriff er einen der drei Todtenschädel, womit Bardeloh seinen Schreibtisch verziert hat, und die ihm des Nachts zu Lampen dienen. Es ist dies nun einmal seine Liebhaberei.
"Kerl," sagte er eben zu Bardeloh, als ich mit Gleichmut das Zimmer betrat, "hättest Du nicht diese