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wollte und der Humor ihm deshalb Bauchgrimmen verursachte. Der Zufall ist witzig, meine Herren, und mich hat mein Nichtappetit wohlhabend gemacht, doch bei Gott, nicht zu meinem eigenen Nutzen! Es gilt, Grösseres zu vollbringen."

Den Hammerschlägen hatte sich die Kiste geöffnet. Eine feine Substanz, von durchsichtiger Weisse, fiel über die Ränder heraus. "Halt," sprach Mardochai und sein Gesicht zuckte zusammen in einer Mischung diabolischer Schadenfreude und schluchzender Wehmut, "Halt! dass nichts verloren geht von dieser gebleichten Körperlichkeit."

Ich riss die Augen weit auf, Mardochai's blick begegnete dem meinigen, sein Auge glänzte und glühte, er griff mit der ringgeschmückten Hand in die feine Substanz und bestreute mir mit dem Mehlstaube das Hauptaar. "So," sagte er, "ich sollte meinen, eine Decke solchen Staubes müsste für jeden etwaigen revolutionären Gedanken ein undurchdringlicher Panzer sein." – "Ich für mein teil," fuhr er fort, "habe dabei nur gelernt, wie leicht es ist, mildtätig zu werden, wenn der Geist der Speculation gewaltiger ist, als das Gewissen, oder der stille Groll eines tief verwundeten Volksherzens heftiger klopft, als das Rauschen der Gerechtigkeit, deren Zähne beim Kusse sich verbissen haben in die tönende Schaale! Mardochai, meine Herren, möchte gern Mensch sein, und d a s fällt ihm schwer! Darum wünsche ich Ihnen eine gute Nacht." –

Unter den letzten Worten hatte er eine verborgene Tür geöffnet. Die kühle Nachtluft wehte herein. Auf den Köpfen, die sich wie jammernd hervorbäumten aus dem Wandgetäfel, und deren Turbane ich jetzt erst für Dornenkronen erkannte, stammten die hellen Kerzen. Das Wachs rann herab über sie und bohrte sich ein in die Augenhöhlen des grössten Propheten. – Mein Herz schwoll auf in furchtbarem Zorn. Ich erhob die Hand, um einen heftigen Schlag gegen den Entsetzlichen zu führen, allein Mardochai war gefasst auf Alles. Ein rasch geführter Stoss mit dem Hammer lähmte meinen Arm, der Luftzug blies die Kerzen aus, nur der weissseidene Talar des Juden flatterte gespenstisch in der dunklen kammer. Er stiess uns hinaus in's Freie und rasselnd schlug die tür hinter uns zu. Ich glaubte ein dämonisches Gelächter zu hören, dann ein tiefes wehklagendes Schluchzen. Doch hatte ich mich wahrscheinlich geirrt. Der Nachtwind murrte um die Giebel und das Schluchzen hallte herüber vom nahen Rhein, dessen eilende Wellen sich an den Kielen der Schiffe brachen.

Die halbe Nacht irrte ich mit Oskar, dessen ganze Seelenkraft gebrochen war, in der Stadt, am Ufer des Stromes und den einsamen Spaziergängen umher. – Ja ich sehe' es, dass Gleichmut in seinen Ahnungen mit Friedrich nahe zum Ziele getroffen hat. Mardochai ist ein Teufel unter den Göttern und ein Gott unter den Teufeln. Wer aber mag den ersten Stein aufheben gegen ihn und wer es wagen, zu sprechen: Du allein bist der Verworfene? Mardochai ist so gut, wie wir Alle, ein Kind der notwendigkeit. So gut es Christen gibt, die sich abwenden möchten vom Dienst, den Worte gebieten, weil bloss ein finsterer Schatten den Ort bezeichnet, wo einst der wahrhaft hehre Tempel der Heiligung sich zum Himmel erhob, warum sollten sich nicht eben so gut Juden finden dürfen, die im Herzen ledig und baar ihres Mosaismus, bloss durch die Schmach der Gegenwart noch zu erheucheltem Festalten an das Gesetz gezwungen werden? Starre Juden sind schon fertige christliche Proselyten. Wollten wir nur das unglückliche Volk emancipiren, so pfropften wir frische Reiser auf den welkenden Baum der Religiosität, und ein neuer, reinheiliger Geist würde die absterbende Masse wieder beseelen. Aber die solide Bequemlichkeit der Privilegirten mag nichts davon wissen. Und hätte Pilatus hundert Leben, und könnte mit tausend Stimmen fragen, er würde laufen müssen durch die ganze Welt bis zum jüngsten Tage ohne Antwort zu erhalten auf seine Frage: "Was ist Wahrheit?"

Es ergeht mir, wie Jedem mit diesem Juden. Ich hasse ihn grimmig und liebe ihn doch mit erschütternder Wehmut. Ein Mensch wie Mardochai kann nicht Jude s e i n und darf nicht Christ w e r d e n . Er hat zu viel Göttliches neben dem Dämonischen in sich. Das blosse Menschentum aber kann nicht genügen, weil es den heiligen Glanz verloren hat im Umhertoben der geschichte. Es trägt nur noch den Kampfrock, bespritzt mit Blut und Staub, zerfetzt vom Getümmel der Schlacht. Das Menschentum wird erst dann an die Stelle des christentum treten dürfen, wenn dieses zurückgekehrt ist zu seiner ursprünglichen Reinheit und in seine Lehren die Sätze aufgenommen hat, die ein zweitausendjähriger Fortschritt der geschichte unbeachtet in das Gedenkbuch des himmels eintrug. –

Ob dies möglich ist auf europäischem Boden wie er jetzt sich gestaltet hat? – Nein, Ferdinand! Glaube an Gott, an Christum, Glaube an die Allmacht der Liebe und Erlösung, an diesen Wahn aber glaube nicht! Europa wird durch den Schmerz, den es fühlt über seine verlorene Ewigkeit und Freiheit, beitragen zur Schöpfung einer neuen, aber nur der Schleppenträger dieser Freiheit und Religion wird es sein, nicht ihr eigenster Besitzer. Und diese Freiheit ist die Freiheit von Leben und Gedanken, und diese Religion nennt sich die Religion der Humanität! Sie beide aber bringt nicht die Morgenröte, sondern nur der duftige, warme Glanz des Westens, der die Lippe der Atlantis bewegt und tönen macht das noch ungeahnte Lied einer freien Religion und einer religiösen Freiheitvielleicht aber auch ein neuer