zeige, dass Du auch geübt bist in der Kunst, den Körper melodisch zu bewegen, wenn Harmonieen die Luft in den vollsten Schwingungen erbeben machen." Die schöne Jüdin schlug scherzhaftere Klänge an, ihr schlanker und doch üppig gerundeter Körper erhob sich, je mehr die Töne anschwollen, zu Lust und Scherz. Bald jubelte eine ausgelassene Freude aus den saiten der Ziter, und Sara schwebte mit Silphydenleichtigkeit nach dem Tact des Spieles in dem schimmernden Boudoir, wie eine körperlose Erscheinung umher. Auf einen Wink Mardochai's fiel der Vorhang wieder zusammen und das überraschende Intermezzo war vorüber. Sara kam wieder zur Tafel. Sie reichte eingemachte Früchte umher. Das Echauffement hatte ihre Schönheit mehr gehoben. Ich suchte ihren blick aufzufangen, Sara unternahm ein ähnliches Manöver, und das kurze Vorpostengefecht, das sich bei diesem Wollen und Nichtsollen zwischen unsern recognoscirenden Blicken entspann, war ganz dazu geeignet, uns beide in eine bedenklich glückliche Lage zu versetzen. Sara hatte alle Leidenschaftlichkeit geerbt von ihrem Vater, und nur die empfindliche Eitelkeit ihres Geschlechtes von der natur noch mit in den Kauf bekommen. Sie errötete, begann zu zittern und verschüttete die Süssigkeiten, als sie mir die geschliffene Krystallschale reichen wollte und zufällig dabei meine Hand berührte.
"Du kannst uns nun verlassen, Sara," sprach Mardochai, dessen Blicke basiliskenartig Alles durchspähten. Sara gehorchte, sie schied mit einer Verbeugung, die schönen hände auf dem Busen kreuzend. Ich folgte ihr mit den Augen. An der Tür wandte sie sich, Mardochai sprach mit Oskar, schnell warf mir das schöne Kind des Morgenlandes ein paar Kusshändchen zu und schlüpfte geräuschlos in das anstossende Gemach. Da stand Mardochai auf und sprach laut zu Oskar. "Kommen Sie und überzeugen Sie sich, wie elend sich ein Jude behelfen muss, um sein Leben zu fristen, weil Ihr Christen immer noch kein Gehör habt für eine gänzliche Emancipation des unglücklichen Volkes."
Mardochai ergriff einen der silbernen Armleuchter und führte uns durch lange, schmale Gänge und Gewölbe in ein Hinterzimmer. Hier standen die neu angekommenen Kisten. Die Fenster waren dicht verschlossen, so dass kein Lichtstrahl hereinfallen konnte in dieses verborgene Gemach. Rings an den Wänden hingen eine Unzahl zierlich geschnitzter Kreuze und elfenbeinerner Kruzifixe. Auch lange Tafeln waren damit bedeckt, Heiligenbilder, wie sie noch immer in katolischen Ländern von den niedern Volksklassen gern gekauft werden, lagen in hohen Stössen aufgeschichtet am Boden. Viele waren schlecht auf ganz gemeines Fensterglas gemalt, andere roh in Cedernholz geschnitzt. Doch gab es auch arbeiten von sauberster Feinheit, die wahrhaftigen Kunstwert hatten.
Des Juden Gestalt schien sich zu heben, sobald die Tür hinter uns in's Schloss gefallen war. Er zündete mehrere Wandleuchter an, die ich ihrer Form nach für Türkenköpfe mit Turbanen umwunden hielt und den Wachskerzen zu Dillen dienten. Als nun ein magischer Lichtglanz das Zimmer erfüllte, schritt der Jude wie ein zürnender Gott durch die Reihen der Kisten und Ballen, die teils offen, teils verschlossen, den Raum des Gemaches erfüllten.
"Mit solchem elenden Schacher muss sich ein verachteter Jude behelfen," sagte Mardochai, seine hohe Gestalt stolz aufrichtend in dem schimmernden, weissen Seidentalar, den er vor der Mahlzeit angelegt hatte. Er stand da gleich einem Hohenpriester Israels zur Zeit seines Glanzes. "Ich will doch sehen, was mir da meine Handelsfreunde zugesendet haben."
Ein kleiner Hammer öffnete eine der Kisten mit wenig Schlägen. Wohlriechende Körner rollten am Boden. Der Duft frischer Myrrhen erfüllte das Zimmer mit süssem, betäubendem Aroma.
"Wohl bedient," sagte Mardochai, die Körner sammelnd und sie behutsam in eine silberne Schale legend. "Man muss vorsichtig mit so edlem Gut umgehen, denn wer kann wissen, ob nicht jedes dieser verdampfenden Körner eine Seele mehr hinaufkräuseln hilft zum Himmel, der minder casuistisch gesinnt ist, als die Erde."
Die dunklen Worte lagen wie Blei auf mir, meine Zunge war gebunden, Oskar lehnte, einer Marmorgestalt gleich, an der Tür.
"Sie glauben nicht," fuhr Mardochai fort, indem er eine zweite Kiste besichtigte, "wie gesucht meine Artikel sind. 'Der wunderliche Jude, der alle Jahre eine Reise durch Deutschland und Frankreich macht,' sagt man fern und nah, 'hat doch eine recht lobenswerte anhänglichkeit an Alles, was nur irgend dem kirchlichen Leben förderlich sein kann. Ein Wort schon genügt, und man wird versorgt, nicht direct, aber doch immer durch seine Verwendung. Der gute Mann muss recht unglücklich sein, dass ein jüdisches Kleid seine Glieder umfliesst. Sein blick ist so sanft melancholisch, sein Gesicht so bleich. Und doch bleibt er immer derselbe, immer ruhig, heiter, gefällig, ohne gehorsamst zu danken oder den Hut zu ziehen.' – So, meine Herren, spricht man von mir, und, ich meine, mit einigem Recht. Denn das Bischen Wohlstand, was ich mir zusammengehandelt, verdanke ich bloss dem Geschäft, auf das mich ein glücklicher Gedanke führte. Ohne übrigens Rücksicht zu nehmen auf den reellen Profit, sehe ich darin auch einen ideellen. Das Christentum profitirt von dem Judentum ein Stück geistiger Force, und das Judentum vom Christentum mehr klingengen Halt. So bildet sich zwischen beiden eine recht lustige Harmonie aus, die gar nicht zu verachten ist. Ein speculativer Kerl geht nie zu grund, wär's auch nur ein armer jüdischer Arzt, der als Mann der Wissenschaft nicht bestehen konnte, weil er seinen Appetit nicht ganz emancipiren