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die Kreuz und Quer erreichten wir Bardeloh's wohnung, ein altertümliches Gebäude, dessen Aeusseres mit der Miene des vierzehnten oder funfzehnten Jahrhunderts auf das Grellste contrastirte mit seinem ganz nach dem modernsten Geschmack eingerichteten inneren.

Du kannst leicht ermessen, dass dies neue Begegniss am Hafen meine Teilnahme an Bardeloh und seiner Gattin noch vermehrte. Zwar weiss ich bis jetzt noch nicht, welcher Zusammenhang besteht zwischen diesem gebildeten Weltmanne und dem rohen Schifferknechte. Eben so wenig habe ich ermitteln können, was den Juden an meinen Gastftreund fesselt, dass aber ein geheimes Band, vielleicht gewunden aus Schmerz und Gram, diese Menschen sehr innig vereinigt, scheint mir gewiss.

Der Eintritt in Bardeloh's Haus war geeignet, die Welt nur von der glänzendsten Seite kennen zu lernen. In diesen saalähnlichen Gemächern weht eine aristokratische Luft, die schreiend contrastirt mit der republikanischen, bittern Skeptik ihres Besitzers. Gallonirte Diener empfingen uns, undseltsam! – Bardeloh spielte mit so graziösem Anstande den vollendeten Aristokraten, dass eine argwöhnische Scheu höhnend an mein Herz rührte, als wolle sie mich mahnen vor dem Geheimnissvollen Dies Alles hätte ich jedoch gern und leicht übersehen, wäre nicht dies zersplitterte Dasein von dem grausamsten Miston der eigensten Art noch unbarmherziger zerrissen worden. Die breite, glänzende Treppe herab hüpfte jubelnd in seliger Freude ein bildschöner Knabe von etwa neun bis zehn Jahren. Dunkle, kastanienbraune Locken fielen in natürlichen Ringeln und dichter Fülle auf den antiken Nacken. Leben und Geist, Kindlichkeit und muntrer Jugendsinn leuchteten aus dem hellen Auge. Mit übersprudelnder Freude warf sich der Knabe in die arme der Mutter, die ihn mit Küssen bedeckte, und riss sich ungeduldig wieder los, um wie ein Eichhörnchen an dem Vater hinaufzuklettern, und sich jauchzend wie die ewige, verkörperte Freude an seinen Hals zu hangen. –

Da zuckte wieder der mephistophelische Zug wie ein Giftzahn um den festgeschlossenen Mund Bardeloh's, und mit kaltem, schweigsamen Kuss der stürmischen Liebe des Kindes begegnend, riss er es von sich los und rief, den Knaben mir fast gewaltsam entgegenschiebend: "Da! dies ist ein liebes, frommes Kind, das meine Gattin mir geboren hat unter Schmerzen der Liebe. Und doch kann ich mich dieses Geschenkes des gütigen Gottes nicht freuen, weil meinen Ansichten zufolge dem kind die Gewissheit einer schönen Zukunft fehlt. Und das drückt schwer, sehr schwer einen liebenden Vater."

Ich erschrack über diesen Seufzer, der Knabe schmiegte sich liebevoll an meine Seite, indem er ängstlich stotternd sprach: "Lieber Vater, Du brauchst nicht böse zu sein, ich habe den ganzen Hafen gezeichnet und auch den närrischen Friedrich mit seinen grossen Stiefeln. Auch von den Aepfeln habe ich nicht mehr genascht, die mir doch so gut schmecken."

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten Bardeloh's, Gegenstände, die bei genauerer Besprechung nur dazu beitragen können, eine Spaltung der Meinungen hervorzubringen, selten mehr als einmal zu erwähnen, so nahm er auch jetzt die Miene an, als habe er die Antwort seines Kindes gar nicht gehört, erteilte den verschüchterten Dienern mehrere Aufträge und suchte sich in seiner wohnung heimisch zu machen.

Felix, so heisst der anmutige Knabe, vergass bei seiner Lebhaftigkeit schnell die fast lieblose Aeusserung seines Vaters. Beschäftigt der schweigenden Mutter beim Auspacken zu helfen, schwatzte er ununterbrochen von dem, was ihm seiter begegnet, oder merkwürdig erschienen war, und vermochte durch diese unschuldvolle Heiterkeit auch den verdüsterten Sinn Rosaliens etwas zu erhellen.

Bardeloh hatte sich sogleich in sein Zimmer zurückgezogen, das abgesondert von den übrigen nach dem freien platz hinaussieht, über dem der ehrwürdige Dom heraufragt. Schon während der Rheinfahrt hatte ich dem geheimnissvollen mann versprechen müssen, längere Zeit in Köln zu verweilen, und in dieser Zeit sein Haus als das meinige betrachten zu wollen. Lag dies auch nicht in meinem ursprünglichen Reiseplane, so ward ich doch durch die Art und Weise der gemachten Bekanntschaft an Bardeloh so innig gefesselt, dass es mir erwünscht schien, die Einladung wenigstens so lange zu benutzen, bis ich auf irgend eine Weise etwas Näheres über die Verhältnisse des Geheimnissvollen erfahren würde. Ohnehin vermag Köln mit seiner grossen Vergangenheit, mit den Trümmern ehemaligen Glanzes und unermesslichen Reichtums mich im Gedanken hinlänglich eine geraume Zeit zu beschäftigen. So entsagte ich denn meinem früheren Entschlusse nach England zu gehen, und überliess den ferneren Wechsel meines unruhigen Lebens ganz dem Zufall.

Bardeloh liess mich bald durch einen Bedienten ersuchen, auf sein Zimmer zu kommen. Es geschah diese Einladung aber in einem Tone, der nicht geeignet war mich zu erheitern. Mein Stolz regte sich, ich war im Begriff, verneinend zu antworten. Rosalie ergriff meine Hand und flüsterte mir schnell zu:

"Kein hartes Wort, lieber Freund! Gehen Sie. Dieser Ruf beweist, dass Sie ganz besonders hoch in der Gunst meines Gatten gestiegen sind. Gewöhnen Sie sich an seine Wunderlichkeiten; dadurch ist es Ihnen vielleicht vergönnt, vielen Menschen nützlich zu werden."

Den Bitten einer schönen Frau habe ich nie widerstehen können. Hier knüpfte sich noch die Ahnung zukünftiger Rettung daran, der sichich will es nicht leugnen, ein Schimmer von neugierigem Egoismus zugesellte. Ich trat in Bardeloh's Zimmer. Wie im ganzen haus glänzte auch hier Reichtum mit Geschmack gepaart aus allen Ecken. Die Wände waren mit modernem Luxus decorirt, die Meubeln nach der neuesten Facon, englisches Comfort bot dem Leben jede Bequemlichkeit.

Grell stach dagegen die düstere Gestalt Bardeloh's ab, die bleich wie ein Geist unter