fortzustossen auf seinem Pfade, der ihm angewiesen war von der Vorsehung oder – wenn Sie wollen – von dem Zorne des himmels. Friedrich gehorchte. Sein Gemüt erschloss sich in jener Tränenflut, die eine misverstandene Sentimentalität in überreicher Fülle über die Erde ausgiesst. Er besuchte die Versammlungen der Frommen, bei denen der reiche Steinhuder präsidirte. Die Gesangstücke wurden von Friedrichen componirt, genial-barock, mystischverrückt, aber mir zu unendlicher Freude! – Bleiben Sie ruhig, meine Herren, das Ende wird Ihnen die Gerechtigkeit meiner Freude schon erklären.
Während dieses allmähligen Uebertretens zum Pietismus von Seiten Friedrich's ward Gleichmut durch ein Hineinstürzen und leidenschaftliches Durchtoben seiner Lebensphasen der Vollendung entgegengerissen. Ich konnte nur matterzig wirkend eingreifen, um ihn zu verhindern an gänzlichem Abschluss. Dazu bedurfte ich einer kleinen Charlatanerie. Friedrich musste tätig dabei sein, bereute aber später seine Teilnahme und legte nun seine schmerzerfüllte Seele in einen Zuckerguss von pietistischer Frömmelei zur Ruhe. Ich hatte hier abermals hindernd eingreifen können, aber ich wollte nicht. Dieser Lebenslauf war Friedrich's psychische Bestimmung. Nur zur Rundung musste ich noch Hand anlegen, und so weit meine Kräfte reichten, war ich nicht müssig. Steinhuder ward meinem geist zinsbar durch seinen Ungeist. Ich pfändete ihn aus, wenn er mit Friedrich nicht gebahrte, wie seine natur es verlangte, und – Steinhuder fürchtete in mir – den Juden. –
So kleidete sich Friedrich immer tiefer ein in die Harlekinsjacke einer Frömmelei, die halb aus protestantischen Dogmenflittern, halb aus katolischer Mystik zusammengesetzt war. Sein Gemüt sank zusammen, wie ein übergangener Mehlteig auf einem heissen Ofen, er ward etwas beschränkt, schwerfällig von Begriffen, aber eminent und erhaben in Stegreifcompositionen auf der Violine. Als er ein vollendeter Dummkopf geworden, als seine Seele brach lag auf dem Acker der Weisheit und stiller Forschung; da befahl ich Steinhuder'n, er solle diesen durch seine potenzirte Religiosität verpfuschten Bürger der Erde ernähren, und ich liess mir von ihm einige tausend harte Taler geben, um mit ihrer Hilfe für die Erlösung Israels zu arbeiten nach m e i n e r Weise.
So ward Friedrich blödsinnig. Heilig allein und göttlich unverfälscht blieb in ihm nur die Musik. Unbewusst schafft jetzt der Genius derselben in wilden Inprovisationen, was kein Sectengeist tödten, aber wohl zu sündhafter Aufreizung anspornen kann. Friedrich spielt die originellsten Parodien auf die mystische Composition seiner Wundenlitanei, und ich sporne ihn an zu immer heller aufjauchzendem Frevelspiel, weil anders für Euch und mich keine Rettung ist."
Hier wurde der kalte Erzähler durch den Eintritt eines Dieners, der die Abendmahlzeit auftrug, unterbrochen. Sara folgte, Mardochai liess das Tema fallen, änderte seine ganze Redeweise und ward der heiterste Wirt. Er erzählte artige Scherze aus seinem Leben als Handelsmann, Verwechselungen und Täuschungen, wie sie ihm wiederholt auf Reisen begegnet waren. Ein feiner Humor, der nur leise, aber doch treffend die bedeutendsten fragen der Zeit berührte, würzte das Mahl. Der Ernst schien aus des Juden Gesicht völlig gewichen zu sein, und wer ihn zum ersten Male in solcher Umgebung gesehen hätte, würde ihn eher für einen sanguinisch vergnüglichen Lebemann gehalten, als jenen vernichtenden Feind des gäng und geben christlichen Denkens in ihm entdeckt haben.
Mit seiner schönen Tochter scherzte und neckte er sich mit liebenswürdiger Schalkhaftigkeit. Und Sara war auch in der Tat so zurückhaltend launig, so lokkend verführerisch, dass wohl selbst ein Vater, der so hohe Zwecke in seinem Handeln verfolgte, wie Mardochai, von dem Liebreiz des schönen Geschöpfes hingerissen und dem tödtenden Ernst des täglichen Strebens entzogen werden konnte.
Es wunderte mich, dass die speisen streng nach den Vorschriften des Mosaismus bereitet waren. Aus Gleichmut's Lebensgeschichte hätte ich in Mardochai eher einen Verächter so nichts sagender Regeln gesucht. Der Jude musste, gewöhnt an ein schlaues Durchforschen aller Begegnenden, etwas Aehnliches in mir argwöhnen, denn schnell sich zu mir wendend, sprach er: "Sie wundern sich wahrscheinlich, dass ich streng an dem Gesetz meiner Väter halte und es doch keineswegs verachte, in Dingen des Luxus der neuesten Zeit grosse Opfer zu bringen. Es ist dies nötig, weil wir in Europa sind. Der Ekel an dem, was anbrüchig ist in dieser Zeit und Welt, treibt uns wider Willen entweder zu gänzlicher Entsagung oder zu einer scheinbaren Verehrung. Da jene oft zweckwidrig bleibt, so hält man sich an diese. Ich befolge das Gesetz meiner Väter, nicht weil ich es für untrüglich halte, sondern dem Zwecke zu Liebe, den ich damit verknüpfe, und dieser ist gross und heilig! – Aber wozu solch' Geschwätz? – Lassen Sie sich's wohl schmecken bei einem Juden, und Du Sara, unterhalte die Herren mit Deinen Künsten."
Sara stand lächelnd auf. Mit einer graziösen Verbeugung, noch gehoben durch die naive Verschämteit, die sie begleitete, schlüpfte das reizende Kind fort und verschwand hinter einem Vorhang von schwerer grüner Seide. Bald darauf rauschte die Hülle zurück, Sara ruhte nach orientalischer Sitte in der anmutigsten Stellung auf einem Divan von himmelblauem Sammet, über dem eine weisse Marmorbüste aus der Wand ragte. Sie schien mir Aehnlichkeit mit Moses zu haben, wie er gewöhnlich abgebildet wird. Von oben herab fiel ein blendendes Licht auf die schöne Gestalt. Sara hielt eine Ziter im Arm, und spielte und sang mit gleicher Geschicklichkeit ein sanftes Lied. Als sie geendigt, sprach Mardochai: "Nicht diese melancholischen Klänge unsern werten Gästen! Etwas Heiteres, Lustiges, und