und den Propheten! nicht gar sehr streng waren. Gleichmut kam früher zum Ziele, als Friedrich, und da ich voraussetzen kann, dass sie ziemlich genau bekannt sind mit Gleichmut's Lebensbekehrung, so halte ich mich hier bloss an Friedrich und sein Schicksal."
Sara's Eintritt unterbrach hier Mardochai's Erzählung und gab mir Raum, die Gefühle wieder in wohlgezogene Ordnung zu stellen. Denn Du wirst es natürlich finden, dass jede unverdorbene Faser meines tiefsten Menschen in aufrührerische Bewegung geriet bei der Erzählung dieses göttlich-dämonischen Juden. Es gehörte diese Schlauheit, diese Ruhe, diese fein nüancirte Ueberredungskunst dazu, um einen zwar leidenschaftlichen, aber geistig so hell sehenden Menschen, wie Gleichmut ist, so consequent zu betören. Mardochai ist wahrlich ein Gott in der Rache, und gibt es Belohnungen, Kronen für solche Taten, so muss sie alle dieses Juden Scheitel einst schmücken. Als Sara den Tisch gedeckt und sich wieder entfernt hatte, fuhr unser Gastfreund fort:
"Friedrich betrieb, wie schon gesagt, die Musik, und zwar mit Talent und Glück. Musikalische Naturen sind immer in einem gewissen Sinne von schwärmerischer Gemütsart, und wird dies nicht immer sichtbar, so liegt es bloss an der Nichterweckung der Schwärmerei. Sie schläft in jedem Musiker, und es sollte mir, wollte ich meine Experimentirübungen fortsetzen, nicht gar schwer fallen, Diesen und Jenen zu einen vollendeten Schwärmer zu erziehen. Ein Musiker ist selten ungläubig, meist abergläubig, zuweilen auch Beides. Nichts leichter nun für einen psychisch gewandten Arzt, als den Unglauben durch langsames Aufrollen des Aberglaubens zu erdrücken. Friedrich glaubte an nichts, als an die Göttlichkeit der Musik, doch konnte er meinen tieferen blick nicht täuschen. Ich bemerkte, dass die Göttlichkeit seiner e i g e n e n Musik in der Mystik religiöser Ahnungen ruhe. Dies war mir genug; ich wartete nur auf die günstige Stunde, um ihm dies selbst fühlen zu lassen.
Sie kam, als unerwartet ein katolischer Jüngling aus unserm Kreise schied, um Mönch zu werden. Friedrich erstaunte, war tief ergriffen und schrieb auf der Stelle eine Messe, in der eine unendliche Mystik die wehmütige Ahnung seiner eigenen Seele an meinen klaren Verstand verriet. Als er mir diese Töne vorspielte auf seiner Violine, mit jener Begeisterung künstlerischen Aufgehens in der eigenen Schöpfung, klopfte ich dem Virtuosen auf die Schulter und sagte: 'Friedrich, das ist Dein Fach! Du musst ein christlicher Componist werden. Schreibe, wenn ich Dir raten darf, Messen, Cantaten – schreibe musikalische Seelenmessen; doch lass immerhin ein wenig frivoles Weltgetümmel hineinschreien in Deine Melodien. Das wird Dich erst recht belehren, wie Du so ganz zur Kirchenmusik geboren bist.'
Friedrich's Auge glänzte in Begeisterung, er sah lange Zeit prüfend in das meinige, sank dann an meine Brust und rief aus: 'Du hast immer Recht, Mardochai, man muss Dir gehorchen, ohne es zu wollen. So waltet Gott über seiner Schöpfung, und bedürfte er eines Stellvertreters, Du könntest ihm vorgeschlagen werden. Schade dass Du ein Jude bist!' – Es war Schade, ich muss Friedrichen noch jetzt Recht geben, aber es war auch gut. Der Jude eben befähigte mich, der Versuchung zu entgehen, die mir Friedrich's zu wohlwollende Güte zudachte.
Zu jener Zeit lebte ein wohlhabender, aber schwachköpfiger Mann in der Nähe Bonn's, der zuweilen auch mich besuchte. Dieser Mann, schon bejahrt, ward von der jüngeren Männerwelt seiner religiösen Einbildungen wegen gewöhnlich nur der 'veilchenblaue Engelhüter' genannt; denn er behauptete mit unerschütterlicher Festigkeit, alle Engel trügen im Himmel veilchenblaue Roben mit rosaroten Bändern, und ein ehrwürdiger Greis in weissen Strümpfen mit gelben Zwickeln führe sie früh und abends durch den Himmel spaziren. Es war mir nun zwar ziemlich gleichgiltig, was der Mann von sich hielt und den Amusements in seinem Himmel, nur durch Friedrich's Aufmerken ward er mir interessant und sogar bedeutsam. Sie wissen, Christus ritt unter dem Jauchzen des Volkes, von Palmzweigen umweht, über ausgebreitete Teppiche auf einer Eselin in Jerusalem ein, um ein paar Tage später gekreuzigt zu werden von meinen hartörigen Vorfahren, warum sollte denn nicht ein moderner Virtuos an der Hand eines Pietisten dem Ziele seines Lebens entgegengehen?
Jener Mann hiess Steinhuder und hatte Geld die Fülle."
"Steinhuder!" rief ich und Oskar zu gleicher Zeit.
"Sie haben richtig gehört," fuhr Mardochai ruhig fort. "Der Mann ging und kam; ich vermochte Friedrichen, sich mit ihm zu unterhalten – denn Steinhuder sprach nur himmlische Dinge, und diese auch in himmlischer Weise. Bald fand Friedrich Gefallen an diesem Umgang, wie ich bestimmt glaube, weil er durch jene mystisch-dunklen gespräche eine Begeisterung in sich aufflammen sah, die seine musikalisch schöpferische natur zu bisher ihm unbekannten Tongebilden hintrieb. Musik will an andern Gegenständen gross gezogen werden, als die Poesie. Ein in Knechtschaft ergebenes Gemüt wird musikalisch Grösseres schaffen, als die Freiheitsbegeisterung eines radikalen Republikaners.
Von jetzt an componirte Friedrich die herrnhutisch mystischen Lieder des Grafen von Zinzendorf, das Monstrum aller religiösen Geschmacklosigkeit, die lächerlich-ekelhafte 'Wundenlitanei' und andere in ihrer Manie heilig sein zu wollen profan und frivol gewordene Gesänge z.B. 'den Seelenbräutigam.' Gewissenhaft teilte er mir diese Compositionen mit, und ich lobte oder tadelte seine Producte, je nachdem ich es nötig fand. Dabei unterliess ich nie, den Virtuosen consequent