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wieder, wenn sie den Kopf bewegte. Das grosse, schwarze Auge beschatteten die längsten und zartesten Wimpern, die ich je gesehen hatte, und das feine Lid hob und senkte sich wie eine Wolkenflocke um den Glanz eines schönen Sternes. Gelbe Stiefeln schmiegten sich an den kleinen Fuss und das feine Knöchel, dessen Zarteit durch das weite Beinkleid noch mehr bemerkbar ward, das unter dem reichen Ueberwurf hervorlauschte.

"Hast Du die Lastträger abgelöhnt?" fragte Mardochai, eine lange türkische Pfeife, die neben der Ottomane lehnte, anbrennend.

"Ich bin gehorsam gewesen Deinen Befehlen," antwortete Sara und verschwand, wie sie gekommen, in der Tür. Ich glaubte in ein Mährchen aus tausend und eine Nacht versetzt zu sein, und hätte bald den Zweck vergessen, der mich in Mardochai's Zauberhöhle führte.

"Während Sara für unsern Körper sorge trägt," begann Mardochai, "wollen wir selbst unser geistiges Heil bedenken." – Er blies weisse Rauchwolken aus seiner Pfeife und legte sich bequem wie ein türkischer Bassa in die Kissen. "Wenn Sie längere Zeit mit Gleichmut verkehrt haben," fuhr er fort, "so werden Ihnen auch die frühern Schicksale Friedrich's nicht unbekannt geblieben sein. Vieles freilich weiss Gleichmut selbst nicht, und ich, der sich nur gezwungen, aus Not, Politik, Vorsicht, oder wie Sie's sonst nennen mögen, in die Angelegenheiten Fremder mischt, fühle mich jetzt gedrungen, über Friedrich's Zustand ein Wort zu sprechen, um sehr nahe liegenden Verläumdungen vorzubeugen.

Wir lebten vor vielen Jahren in Bonn zusammen, ich als Arzt, Friedrich als Musiker. Gleichmut, ein Mensch voll leidenschaft, aber von dem launenhaften Zufall bestimmt, Teolog zu werden, schloss sich eng an uns an. Andere kamen dazu und es bildete sich ein kleiner Kreis, der originell genug war und sobald wohl nicht wieder in dieser widerstrebenden Curiosität zusammentreten möchte. Es ward Manches probirt, was der Gemeinheit frevelhaft erscheinen könnte. Wir studirten das Leben der Nationen, den Geist der Religionen und den Ungeist der Culte. Dabei wurden denn Entdeckungen gemacht, die nicht zu den gewöhnlichen gehörten. Auch ohne Streit und heftiges Widersprechen ging es nicht ab. Mancher schied aus, um die besprochene Teorie in die Praxis zu übersetzen, ja ein Narr war so begeistert von den witzigen Einfällen, womit einige gutmütige Schwachköpfe vor vielen hundert Jahren einmal die Weltgeschichte ergötzten, dass er augenblicklich beschloss, ein Märtyrer zu werden.

Dies Alles gehört indess wenig zu dem, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Eng an mich und Gleichmut drängte sich Friedrich und ein gewisser Casimir, der seit langer Zeit verschollen ist. Friedrich war mir nächst Gleichmut der Interessanteste, nicht, weil seine geistige Kraft überwiegend der meinigen sich opponirte, sondern des unwiderstehlichen Hanges wegen nach tiefer religiöser Befriedigung. Es gehört zu meinen geheimen Inclinationen, dasjenige fördern zu helfen, was in irgend eines Menschen natur sich durcharbeiten will, aber nicht genug eigne Kraft dazu besitzt. Hier trete ich gern mild helfend in's Mittel und suche durch Wort oder Tat die Schleussen der natur zu öffnen, um in freiem Strome das Leben sich austummeln zu lassen. Denn leidenschaft gehört zum wahrhaftigen Leben, und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Bürger erziehen, wenn es sich in Genuss und Tat selbst zu begreifen sucht. Der Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen, dass er in einem gewissen Sinne mächtiger sein könnte als Gott, weil er aufhören darf, in diesem Dasein zu leben, sobald es ihm gefällt, Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch den errungenen Sieg der Unsterblichkeit. In dieser schaffenden Schranke aufgefasst, könnte man, als Skeptiker, Gott wohl den Diener seiner eigenen Unsterblichkeit nennen. Eben darum aber, weil Gott als ein Unsterblicher fertig ist, braucht man ihn nicht zu fürchten. Nur das Werdende bringt Gefahr, ist aufgelegt zu Revolutionen und muss daher unterstützt werden i m E n t f a l t e n , nicht i m Vollenden.

Nach diesem Grundsatze, der bloss ein Ergebniss meiner naturhistorischen Studien war, indem ich diese nicht als tote Sache, sondern als ein grosses Leben behandelte, dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses, am Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens, suchte ich auch das Leben Anderer psychisch zu durchfühlen. Ich trieb angewandte Psychologie, wie man angewandte Matematik lehrt. Die Menschheit war das grosse Rechenexempel, an dem ich den Witz der Schöpfung oft zu tod zu hetzen Lust verspürte, und der Mensch selbst diente mir zum Magister Mateseos.

Nun fanden sich grade in Gleichmut und Friedrich zwei Individuen zusammen, die in ihrer natürlichen Opposition meine Experimentirlust reizten. Beide wurden getragen von schwärmerischer Leidenschaftlichkeit. Sie beherbergten viel europäische Poesie in sich, die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte. Das erbarmte mich. Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu sagen: das steckt in Dir, Mensch! diese Verfahrungsart liebe ich nicht. Semiotik war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden, und psychische Semiotik blieb nun gar meine specielle Liebhaberei. Ich spürte bald, woran es beiden gebrach. Sie hatten sich mit der Vorsehung schon in der Wiege überworfen. Das musste ausgeglichen und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Ich tat, was mirals Arztoblag, und Beide gestanden mir, dass sie sich wohl befänden bei den diätetischen Verhaltungsregeln, die ich ihnen anriet, und die, bei Moses