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jetzt den Rückweg an. Er gab mehreren Knechten Befehl, einige der Ballen sogleich in seine wohnung zu schleifen. Als er uns noch immer an der vorigen Stelle antraf, schien er betroffen zu sein, blieb stehen, grüsste nach orientalischer Weise und sprach: "Die Nacht wird erquickend, da die Jugend sich ihr so lange aussetzt."

"Ist dies eine so seltene Erscheinung?" entgegnete ich.

"heute zu Tage gewiss," erwiderte der Jude. "Wer kann auch wissen, mit welchen Stoffen die Nachtluft geschwängert ist? Vorsicht kann nie schaden, mit Vorsicht lässt sich selbst der Teufel täuschen."

Er schritt an uns vorüber, da wir ihm aber folgten, mässigte er die Schnelligkeit seines Ganges und war bemüht ein gleichgültiges Gespräch anzuknüpfen. Grade diese Vorsicht aber machte ihn, vielleicht zum ersten Male, unvorsichtig und brachte uns schnell dem Ziele näher, das wir erreichen wollten. Friedrich geigte noch immer und zwar in so grauenhaft-barokken Tönen, dass sie Mark und Bein, wie galvanische Schläge, durchschütterten. Auch Mardochai musste so etwas fühlen, er seufzte einigemal tief und sprach endlich: "Der Mensch dort, wer er auch immer sein mag, spielt wie eine vor Gram und Gewissensbissen toll gewordene Seele!"

"Sollten Ihnen diese Melodien so neu, ihr Schöpfer so ganz unbekannt sein?" versetzte ich, gleich ihm die arme kreuzend und ruhig neben ihm herschreitend.

Mardochai ward zwar durch diese Frage überrascht, wusste dies aber geschickt zu verheimlichen. "Sie wohnen bei dem Particulier Bardeloh?" fragte er mich.

"Seit länger als zwei Monaten. Auch lernte ich während meines Aufentalts einen gewissen Gleichmut kennen, mit dem ich genauer bekannt zu werden gelegenheit hatte. Dieser starke Mensch, der dem geist eines noch Stärkeren vor etwa zehn Jahren erlag, hat mir Ereignisse mitgeteilt, die geeignet wären, Himmel und Erde in Trümmer zu schlagen. Ein jüdischer Arzt war dabei im Spiele, ein Virtuos auf der Violine tat zugleich mit einem barocken Dichtergenie Bajazzodienste, und jener Virtuos, glaube' ich, ist eine und dieselbe person mit dem Spieler, dessen wahnwitzige Melodien in dunkler Nacht ihre Silenensprünge machen."

Mardochai war stehen geblieben. Die Kärner und Träger schleppten die Ballen an uns vorüber. "Schafft sie in mein Haus," rief er ihnen zu, "ich komme sogleich nach, den Lohn wird Euch meine Tochter auszahlen."

Seine Tochter! Diese Entdeckung überraschte mich. Als die Träger uns aus dem Gesicht waren, wandte er sich zu mir und fuhr fort: "Haben Sie über eine Stunde in Ihrer Zeit frei zu gebieten?"

"Ich bin Herr meiner Zeit, wie meines Lebens."

"Dann begleiten Sie mich in mein Haus, falls Ihnen die wohnung eines Juden nicht zu gering ist. Es dürfte nötig sein, dem, was Sie erfahren haben, noch einige Worte der Erläuterung beizufügen."

"Kann uns ein Dritter begleiten?" fragte ich den Rächer des Judentums.

"Wenn er Mann genug ist, um nicht zu erröten vor einem nackten geheimnis."

Oskar begleitete mich und den Juden, dessen Haus wir in wenig Minuten erreichten. Dunkle Gänge waren überfüllt mit Waarenballen, Kisten und Kasten. Ueberall herrschte Ordnung, aber auch eine öde fröstelnerregende Todtenstille. Ein geräumiges Gemach nahm uns auf, ausgeschmückt mit allen Luxusgegenständen modernen Lebens. Lange, niedrige Ottomanen zogen sich an den Wänden hin, mit purpurrotem Sammet überspannt, persische Teppiche bedeckten den Fussboden. Tische und Stühle waren vom feinsten Mahagony mit schwarzem Ebenholz zierlich ausgelegt. Auf einem derselben vor der Ottomane standen zwei Armleuchter von gediegenem Silber, auf denen weisse Wachskerzen brannten. Das Zimmer war leer, durchduftet von einem angenehm reizenden und das Gemüt erheiternden Wohlgeruche.

Mardochai legte sich nach orientalischer Sitte auf die schwellend weichen Kissen und lud uns ein, ihm zu folgen. "Ich lebe nach den Vorschriften meiner Väter," sagte er, "und erfreue mich so an dem künstlich geschaffenen vaterland der Verheissungen, die der Gott Abraham's seinen Nachkommen gegeben. Dieses Morgenland, das mich hier umgibt, läss manche andere Annehmlichkeiten vergessen. Unsere Nationalität ist hartnäckig und der Einzelne kann sich ihr nicht ganz entziehen, wenn er nicht laut als Apostat geschmäht sein will." Er schellte, eine fein gefugte Tür öffnete sich und ein Mädchen von höchstens funfzehn Jahren, ächt orientalisch gekleidet, von den edelsten Formen, trat ein, sich vor dem Juden tief verbeugend.

"Sara," sprach Mardochai, "bringe unsern Gästen wasser und besorge das Nachtessen." – Die schöne Jüdin verliess das Zimmer und kehrte sogleich wieder zurück mit einem glänzenden silbernen Waschbecken und feinen Linnen. Sie bot zuerst ihrem Vater das Becken, dieser wiss sie jedoch zurück und mir zu. Obwol ein Feind aller Ceremonien konnte ich doch der reizenden Jüdin den Dienst nicht abschlagen. Ich tauchte die Hand in die krystallene Welle, aus der in zitternder Bewegung Sara's schönes Profil mich ansah. Nach der Abluition dankte ich dem holden Wesen, das in glücklicher Kindlichkeit die ganze Fülle seiner Schönheit meinem prüfenden Auge preis gab. Sara trug ganz die Züge ihres furchtbaren Vaters, nur gemildert durch des Weibes anmutvolle Grazie und die schuldlose Sanftmut ihres Alters. Das schwärzeste Haar quoll unter dem blau- und weissseidenen Turban hervor, und legte sich weich und schmeichelnd an den alabasterweissen Nacken. Ohrringe von orientalischen Perlen, eine unheimliche Flamme in sich tragend, schaukelten hin und