war mild und warm. Wir lustwandelten durch die Strassen in's Freie hinaus, durch Laubgänge dem Rheine zu. Von Holland herauf war ein Dampfboot angekommen. Der schwarze Rauch zog in dicken Wolkenwirbeln über den Strom hin. Es war mit Passagieren überfüllt, die sich am Zoll drängten und stiessen. Unter den Ankömmlingen befanden sich ein paar Mohren, wie es schien, Diener reicher Amerikaner, deren das Schiff Einige in das alte Europa herübergetragen hatte. Wir erkannten sie schon von Ferne an ihrer Tracht, nach der sie Pflanzer vom Missisippi oder irgend einem Nebenflusse dieses Stromes sein mochten. Ehe wir noch den Hafen erreichen konnten, hatten sich die Fremden bereits in die Hotels zerstreut. Die Matrosen erhoben ihren eintönigen, melancholischen Gesang und wogen die Waarenballen aus dem Schiffsraume herauf. Ich stellte mich mit Oskar auf die brücke und sah dem geschäftigen Treiben in stillem Behagen zu. Als es dunkler wurde, liess sich Friedrich's Geige wieder hören, die Hafenarbeiter, Schifferknechte und Matrosen begrüssten die willkommenen Töne mit einem Freudenruf, den Friedrich durch jenes unnachahmliche Gelächter beantwortete, vor dem die Majestät des Geistes selbst in ihrer erhabensten Sicherheit noch erschrickt. Der unglückliche Mensch sass wieder auf dem Krahnbalken, baumelte mit den Beinen und spielte Melodieen, als wolle er alles Herzeleid der ganzen Welt darin aufgehen lassen.
"Wie sind Sie doch mit diesem Törichten in nebenbuhlerische Conflicte geraten?" fragte ich meinen Begleiter, dem des Blödsinnigen Geigenspiel sichtbar ergriff.
"Das möchte sich schwer beantworten lassen," versetzte Oskar. Sie kennen den alten Steinhuder und sein pietistisches Närgeln und Kopfhängen. Solche Menschen, selbst halb blödsinnig, haben oft wunderliche Grillen. Steinhuder war mir nie gewogen, weil ich ihm zu freisinnig, zu menschlich, zu modern bin, und sobald er meine Neigung zu Lucie entdeckte, begann er zu intriguiren. Nun muss der Zufall mich noch arm machen, um dem Jämmerlichen eine Stütze für seine Pläne zu geben. Friedrich schien ihm der geeignetste Mensch für seine Mündel. Er lässt sich leiten, zu Allem gebrauchen und so erwählte sich der pietistische Geizhals ihn zum Mann für Lucie.
"Um des himmels Willen," rief ich aus, "besitzt denn Friedrich Vermögen!"
"Er ist arm wie eine Kirchenmaus. Das bringt der Pietist jedoch bei seinen sonstigen geistigen Vorzügen, wie er den dummen Glauben des Blödsinnigen nennt, nicht in Anschlag. Wäre ich dem geistigen Narrentum so verwandt, wie Friedrich, so zweifelte ich gar nicht an meinem Glück."
"Man könnte vor lachen sterben," sprach ich, "wenn eine solche Erscheinung nicht gar zu niederschlagend wäre und die Versunkenheit des Zeitalters wieder von einer neuen Seite dem umsichtigen geist näher brächte."
"Ja wahrlich!" seufzte Oskar, "und gebe der Himmel, dass der Alte Vernunft annimmt, denn bei Gott, erlaubt sich der blöde Narr, in dem bei aller Dummheit zuweilen doch eine gesunde Sinnlichkeit die geistige Schwäche aufhebt, nur eine einzige Freiheit, so ist er meiner gewissesten Rache verfallen!"
"Keine Uebereilung," bat ich den Heftigen. Friedrich kann Ihnen nicht gefährlich werden.
"Doch, doch!" beteuerte dumpf der Liebende. "Wüssten Sie, was ihn töricht gemacht hat, Sie würden meine Unruhe mit mir teilen."
"Erzählen Sie," bat ich, indem mein Gedächtniss Alles wiederholte, was ich jüngst in Gleichmut's Biographie über diesen noch so rätselhaften Menschen erfahren hatte. "Sagen Sie mir," fuhr ich fort, "was Sie von Friedrich's Schicksalen wissen, vielleicht steht es dann auch in meiner Macht, Ihnen Aufschlüsse zu geben und zu Ihrer Beruhigung beizutragen."
"Guten Abend!" sprach dicht neben uns eine sonore Männerstimme. Die hohe, dunkle Gestalt des Juden im faltigen Kaftan strich wie ein Schatten in der Dämmerung an uns vorüber. Mardochai ging dem Krahne zu, neben dem viele mit dem Dampfboot angekommene Kisten und Ballen standen.
"kennen Sie diesen?" fragte Oskar.
"Ich glaube genauer, als Sie, und tiefer, als er selbst es ahnt."
"Dann wenden Sie sich an ihn. Er allein kann die Hülle von Friedrich's blödem Leben ziehen, wenn er Lust dazu hat."
"Wollen wir ihn aufsuchen?"
"Halten wir uns in seiner Nähe, bis er jene Ballen gezeichnet und in Sicherheit gebracht hat. Es sind neue Handelsartikel vielleicht aus beiden Indien und Gott weiss, woher sonst noch! Sobald er seine Geschäfte beendigt hat, folgen wir ihm auf dem fuss nach seiner wohnung. Ich hoffe er wird aufrichtig sein. Mardochai ist kein gewöhnlicher Jude."
Ich wusste das Letztere genau genug und wartete mit Ungeduld auf das Ende der Besichtigung, die der Jude den Kisten und Ballen mit ungemeiner Sorgfalt zu teil werden liess. Die Nacht brach darüber ein, der Strom ward stiller, nur wenige Kähne gauckelten mit ihren weissen Segeln noch über die bewegte Fläche, aus der die Sternbilder dunkel heraufleuchteten. Glockengeläut scholl von Mühlheim her und ward durch den Abendwind verweht. Nur die Klänge aus Friedrich's Geige schluchzten immer lauter, greller, ungestümer, und brachten die wirkung einer Musik hervor, deren Entstehung sich nicht enträtseln lässt. Dieses Spiel übte eine eben so dämonische Gewalt aus über die gesundesten Sinne, wie etwa ein gespenstisches Heranflattern körperloser Schatten, die ein rätselhaftes Leben in sich tragen.
Mardochai, den orientalischen Kaftan enger um sich zusammenschlagend, trat