1838_Willkomm_134_83.txt

und verunzierten das Zimmer. Diese Verzerrung des Schmerzes und heiliger Andacht zur Carikatur bildete eine stumme Farce, die nur ein so befangener Pietist erbauend finden kann. Jeder wahre Mensch sieht auf den ersten blick, dass eine solche genotzüchtigte Kunst Product der Unsichttlichkeit des pietistischen Lebens ist. Aber das Volk spürt den Teufel nie!

Steinhuder empfing mich mit einer salbungsvollen Anrede, die ich möglichst abzukürzen suchte. Lucie, im Nebenzimmer beschäftigt, hatte kaum meine stimme erkannt, als sie in leidenschaftlicher Aufregung die Tür aufriss und laut rufend: "Retten Sie mich! Retten Sie mich!" an meine Brust sank. Ich war überrascht, in Verlegenheit. Ihr warmer Atem berührte mir Lippen, Wange und Stirn. Heftig umschlang sie mich mit den vollen Armen. Ich musste sie zum Sopha führen.

Noch hatte ich nicht Zeit gehabt, nach der Ursache dieser Scene zu fragen, als Steinhuder bereits geharnischt mit Sprüchen und Verdammungsworten auf mich und das arme Mädchen anrückte. Gott weiss, was er Alles salbaderte, Sinn und Unsinn durch einander, wie's ihm einfiel; erinnern kann ich mich nur noch, dass seine ganze Rede aus Bibelsprüchen zusammengesetzt war. Denn diese geistlosen Menschen glauben jeden Andern damit aus dem feld schlagen zu können, und bedenken gar nicht, dass der kräftige Mensch nie sich hingibt an eine Autorität, käme sie auch unmittelbar aus dem mund des geistvollsten Stellvertreters.

Luciens Ermattung dauerte nicht lange. Der fromme Unsinn ihres Vormund's regte ihren Unwillen auf. "Schweigen Sie," rief sie erzürnt aus und stampfte mit dem zierlichen Füsschen heftig auf den Boden. "Sie sind ein gemeiner Mensch und so albern wie Ihre Traktätchen und neumodischen Heiligen. Ich mag keinen Narren und keinen Frommen zum mann! Ich will einen Gottlosen, Ihnen zum Trotz, mein Herr Vormund."

"Dass Dir die Zunge verdorrete!" rief Steinhuder. "Wer sich dem Vater widersetzet, und der Mutter spottet, den werden die Raben am Bache aushacken und –"

"Genug, genug!" fiel Lucie ein. "Bleiben Sie mir vom leib mit Ihrem alttestamentlichen Zeter; er rührt mich eben so wenig als Ihr Augenverdrehen. Und kurz und gut, ich will nicht! – Oskar ist mein Geliebter!"

"Oskar ist Einer von denen," predigte Steinhuder, "die da sitzen bei den Spöttern! Seine Seele wird brennen in dem Pfuhl, wo nicht aufhöret Heulen und Zähnklappen. Denn verdammt ist, wer nicht achtet des Alters und Spott trägt auf seiner Zungenspitz."

"Sie fallen aus der Rolle, gestrenger Herr Vormund. Ihr Gedächtniss wird löchericht, die besten Bissen, womit Sie Ihre Heiligkeit nähren, fallen durch."

"Du bist anvertraut meinen Händen, Deine Seele ist befohlen worden meinem Gewissen," fuhr der Kaufmann fort. "Ich will wachen über Dich, wie die Henne über ihre Küchlein und der Esel über seine Füllen. Darum befehle ich Dir zu gehorchen und abzulassen von dem Scheusal, das einherschleicht, wie ein Engel in Lichtgestalt und doch ist ein Teufel, gehüllt im Pelz der Unschuld. Oskar nennet sich dieses Ungetüm, sein wahrer Name aber ist Legion, das heisst: Teufel ohne Zahl!"

Mir ward drehend. Lucie tobte vor Ungeduld und Zorn gegen sich selbst. Unter ihren Händen lockerte sich das Haar und wiegte sich entfesselt in glänzend schwarzen Locken ohne Zwang auf den Schultern. An der Wand hing eine Reitgerte. Schnell riss sie Lucie herunter, schlug nach dem Spiegel, der ihr ein zornglühendes Gesicht entgegenhielt und klirrend stürzten die Stücke zu Boden.

Da ward die Tür geöffnet und wunderbar sanfte Töne zogen, wie um Friedend bittend, durch das Zimmer.

Auf der Schwelle stand Friedrich mit seiner dämonischen Geige. Das leere Lächeln des Blödsinns dehnte sich gemächlich aus auf seinen markirten, aber geistlos verworrenen Zügen, der zergriffene Filzhut hing nur lose auf dem ungeordneten Haar und der Mensch selbst schien bei seinem Spiel ohne alle Teilnahme zu sein.

Lucie sank schwer aufatmend in's Sopha, Steinhuder aber ging dem Geiger entgegen und führte ihn freundlich herein.

"So recht, spiele was, Friedrich," redete er den Blöden an. "Es ist zwar keine Gitit des frommen David, die da vertrieb den bösen Geist vom haupt Sauls, aber eine Geige ist doch ein Saiteninstrument, welches das Herz erquickt, und die Seele still und hungrig macht nach himmlischem Manna. Komm, spiele Deiner Braut einen Psalm vor, ich will Dich begleiten mit Lispeln und Lallen. Denn Harfenspiel und Psalmgesang gefallen Gott wohl."

Friedrich liess sich geduldig zu Lucien führen, die ihrerseits ein paar Stühle vor das Sopha schob und sich so gegen einen etwaigen Angriff bestens verteidigte. Ein blick ihres schönen Auges rief mich zum Beistande auf. – Kannst Du es glauben, Ferdinand, dass der Pietist diesen blödsinnigen Friedrich alles Ernstes Lucien zum Gatten bestimmt hat? Man könnte lachen über einen solchen Einfall, wäre die Erscheinung nur nicht so betrübend. Diese flach getretene Frömmigkeit errötet vor nichts mehr. Sie hält für unmittelbare göttliche Eingebung, was scheinbar ihr heilloses Treiben zu fördern verspricht, und es gibt nichts so Abgeschmacktes auf Erden, das ein rechter eingefleischter oder eingeseelter Pietist nicht auszuführen im stand wäre.

Der blöde Spieler machte dem reichen Steinhuder eine tiefe Referenz. Sinnlichkeit lag nicht in seinen Mienen. Das Auge war gebadet in jener düstern Nebelwelle, die eine sichere Verkündigerin ist des gefangenen Gedankens. Und dennoch funkelte eine Begeisterungsflamme aus