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und wie Mauertrümmer eines einst majestätischen Baues in die heimliche Stille der Nacht hinabrollten. Als er die glänzende Einrichtung in Bardeloh's haus bemerkte, blieb er auf der Treppe stehen.

"Bei Dir riecht's königlich," sagte er. "Das gefällt mir zwar, ich liebe es aber nicht, denn es ist Zwang dabei nötig. Glanz und Dreck, wie in Polen, das wäre so mein Geschmack."

"Du sollst's haben, wie Dir's behagt," versetzte Bardeloh. "Befiehl und es geschieht."

"Du gehst trächtig mit Complimenten, spür' ich; da sieh nur zu, dass Dir die Hagelsaat meiner Wortschlachten nicht den Schlachtplan verdirbt. Wo ist mein Stall? Ein König, voll Kraft wie ich, darf nur in einem Stalle wohnen."

Bardeloh wiess ihm ein Zimmer an, das nur durch eine dünne Wand geschieden ward von seinem eigenen Kabinet. Auf der entgegengesetzten Seite lag Eduard's gefängnis.

"Zu nobel für einen Poeten," sprach Casimir, als er eintrat. "Was soll nun ein Kerl von meinem Kaliber anfangen mit diesem Gepolster, das Ihr moslemitischen Gefühlsstümper Ottomanen nennt? Gebt mir einen Strohsack, damit eine solide Seele sich die unbequemen Gedanken darauf zurecht legen kann. Wer auf solchen vermaledeiten Polstern seine Knochen herumwirft, verliert alle Originalität des Gefühls. Die immenseste Grösse liebt das Einfache, und ich zum Beispiel, an dem doch zwei Jahre lang gearbeitet worden ist, bin ein Freund der Lumpen. Fort also mit diesen Venuscommoditäten! Ich kenne das Alles und habe die natur doch auf Stroh und blosser Erde immer am schönsten gefunden in ihrer Nackteit. –"

Der seltsame Mensch gab sich nicht eher zufrieden, als bis Bardeloh durch einige Diener die Bequemlichkeiten eines civilisirten Lebens hatte entfernen und an deren Stelle einen rohen Tisch, ein paar Schemel und einen Strohsack bringen lassen. Sobald dies geschehen war, riss Casimir das Fenster auf, dass die Scheiben in Stücke brachen und warf sich auf den Strohsack. "So ist's recht," sagte er. "Nun will ich sehen, wer zuerst die Augen zudecken wird, ich, oder der Himmel mit seinen Wolkenwimpern! Er zeigte nach dem gestirnten Himmel, stützte sein zerwühltes Gesicht auf die Hand, und starrte unverwand hinauf in den flimmernden Sternenbrand."

"Packt Euch," rief er uns zu, die wir dieser neuen Art sich einzuquartieren mit einigem Staunen zugesehen hatten, "oder denkt ihr, ein Kerl, wie ich, hat alle Minuten Zeit, sich mit englischer Bastardrace abzugeben? Ich bin ein Deutscher, wisst's, Einer von denen, die an keiner Grobheit ersticken. Prosit! Sobald Ihr Menschen sein werdet, bin ich bereit, Euch eine Audienz zu bewilligen. –"

Der Morgen brachte einmal eine reine Heiterkeit in unsern kleinen Zirkel. Rosalie war glücklich, den geliebten Gatten wieder zu sehen, Felix hatte viel zu erzählen, brachte mir tausend Grüsse von Auguste, die er besucht hatte, und biss mir fast die Augenlider ab. "Ja das muss sein," sagte der schöne Knabe, "Auguste hat mir's befohlen, Dich so lange zu küssen und zu beissen, bis Du ganz boshaft wirst, weil Du dann erst recht liebevoll werden sollst." Ich hatte jetzt nichts mehr gegen seine zähneknirschenden Zärtlichkeiten einzuwenden. –

Bardeloh unterrichtete seine Frau von den jüngsten Erlebnissen, so weit sie diese wissen durfte, und suchte ihr den charakter Casimir's mit möglichster Schonung zu entwerfen. Diese war nötig, denn ich bin überzeugt, kein Weib hätte Casimir in seiner barokken Genialität mehr um sich geduldet. Ein weibliches Gemüt schätzt das Seltsame und Pikante am mann, wenn es umgeben ist mit einem idealischen Duft und getragen wird von der Schwärmerei der Lebensansicht. Ein so ungenirtes Herabfallen aber in die fast schmutzige Barbarei verwundet die Anmut und erzeugt eher Abscheu, als Duldung.

Noch an demselben Tage besuchte ich Gleichmut. Das verhängnissvolle Manuscript trug ich bei mir. Jetzt erst konnte ich diesen Mann des Jammers mit wahrhaftem Mitgefühl betrachten. Ich fand ihn an seinem Pult, beschäftigt mit den Vorarbeiten zu einer geschichte der Heiligen. Helyot's geschichte der Klöster- und Ritterorden lag vor ihm aufgeschlagen. Er las emsig in der Lebensgeschichte des heiligen Franz von Assisi und prüfte die Schlüsse, welche die Consequenz der Heiligkeit aus den ersten angeblichen Würden zu entwickeln sich berufen fühlte. Freundlich kam mir der unglückliche Mensch entgegen. Seine Hand war kalt, sein Schritt unsicher. Ich fragte, ob er krank sei?

"Nein," versetzte er, "nur etwas aufgeregt. Sie müssen wissen, dass ich der Praxis nunmehr ganz entsagt habe. Von heute an werde ich gar nicht mehr predigen, was ich auch früher immer nur hier als Gast, ich möchte sagen, aus einer Liebhaberei, die Reue in mir fühlbar zu machen, getan habe. – Ja," fuhr er fort, "Sie staunen, ich aber freue mich des Entschlusses. Ich habe mich selbst des Priesterrockes entledigt, den ich zu tragen nicht mehr würdig bin. Ich werde ferner nur als Teoritiker zu wirken suchen und hoffe dabei auf weit grösseren Erfolg. Hier liegt die geschichte der Heiligen vor mirein Lächeln überflog sein Gesichtund wahrlich, wollte ich mich zurückversetzen in das sechszehnte Jahrhundert, ich würde nicht der Kleinste geworden sein unter ihnen. Sobald der Geist sich rächt an der natur