. Es schwankt ein düsteres geheimnis um die person dieses Mannes, und mein Herz zittert wie galvanisirt, so oft der entsagende Flammenblick seines Auges mit dieser unaussprechlichen, tief ironischen Melancholie auf mir ruht. Das Gefühl, unwillkürlich, wie durch Zaubergewalt, in die Lebenskreise eines Fremden hineingerissen zu werden, hat etwas entsetzliches, und doch liegt in der Tiefe der Verborgenheit auch wieder ein Reiz, der mit süssem Beben die Seele erfüllt. Nicht Neugier möchte ich diesen Rausch der Erwartung nennen, lieber ein schweigsames Forschen, ein psychologisches Experimentiren einer Seele mit der andern.
Die Fahrt, mannigfach belebt durch Menschen und Gegenstände, ward für mich zu einem Ereigniss. Rosaliens keusche Anmut trug zu meiner Erheiterung eben so viel bei als der Zauber, womit Bardeloh sein Wort zu umspinnen versteht. In feenhafter Lebensbewegung quellen die Gedanken aus dem kristallenen Born seines Geistes herauf und schleichen sich mit hinreissender, ungesuchter Beredsamkeit in das Herz jedes Hörers. Wir sprachen viel, Heiteres, Scherzhaftes und tiefere fragen der Zeit Berührendes. Bardeloh zeigte bei Allem gleiche Teilnahme; ein hoher, freier Weltton umhüllt mit hinreissender Grazie sein zwangloses Benehmen. Die Welt mag ihm viel gegeben haben und er ihr viel schuldig geblieben sein. So verstrich der Tag, das Bild von Köln dämmerte in duftiger Schöne am Horizont auf, als eben die Sonne tiefer hinabsank. Um den ungeheuren Torso mittelalterlicher Tatkraft, dem Coloss des Domes, flammte zitternd bewegt, gleich Tagfaltern mit purpurnen Schwingen, die Abendröte. Mein Auge hing mit jener unerklärlichen sehnsucht an dem halbverwitterten Gestein, die immer das Ungeheure gegen unsern Willen in uns zu wecken pflegt. Da lief das Schiff in den Hafen. Geschrei, wildes, hastiges Durcheinanderrennen, Eigennutz und Geldgier tobten, schlugen, schimpften vom Quai in buntem, unterhaltenden Gemisch. Holländische Schiffsknechte, Hafenarbeiter und Packträger rumorten mit Püffen und Stössen durcheinander. Kaufleute und Aufseher bemühten sich Ruhe zu stiften und wurden verlacht. Dazu ein Dialect, den, gemischt aus einigen Sprachen und gründlichem Unsinn, nur ein Eingeweihter verstehen kann.
Mehrere Waarenkrahne mit ihren weit hinausragenden Tragebalken sind am Ufer erbaut und geben, fast immer in Tätigkeit, ein erfreuliches Bild regen Gewerbes. Es fiel mir schon von fern auf, dass auf einem dieser schieferbedeckten, hervorspringenden arme ein colossaler Mensch von wildem Aussehen in völliger Untätigkeit sass, um dessen wettergebräuntes Gesicht das Haar verworren hing und seine grotesken Züge zum teil verdeckte. Grosse Wasserstiefeln an den Füssen war er nur bemüht, zu dem Geschrei der Lastträger und Hafenbeamten den Tact damit zu baumeln und jedem Ausgeschifften einen Gruss mit seinem formlosen Hut zuzuwinken.
Nicht fern von diesem Schifferknechte lehnte zwischen Ballen und Fässern die hohe Gestalt eines Juden, dessen feine, halb orientalische Tracht ihn als einen der Begünstigten seines Volkes bezeichnete. Teilnahmlos, mit gekreuzten Armen, den breitkrämpigen, feinen Castorhut auf dem Kopf, betrachtete er die Ankommenden. – Nach einigem Zanken und Schimpfen hatten sich die Lastträger endlich in unsere Koffer und Schachteln geteilt, Bardeloh wandte sich mit Rosalie und mir der Stadt zu, als mit einem Male, wie vom Wahnsinn ergriffen, der Schifferknecht herabstürzte von seinem Krahn, links und rechts mit Riesenkraft die Menschen auseinander warf und in wenig Augenblicken vor Bardeloh's Füssen niedersank. Mit der Inbrunst eines Büssenden küsste er Fuss und Kleid meines neuen Freundes, drückte dessen Hand an seine Lippe, und ein blick – o Ferdinand! ein blick flackerte aus dem Auge des Knieenden, der wie ein lautes Wehgeschrei gellend an mein Herz schlug und das Blut erstarren machte. Der knieende Mann sprach schnell einige Worte, aber in einem Jargon, der mir eben so unverständlich als das Arabische war. Bardeloh schien betroffen, sein blasses Gesicht rötete sich einen Augenblick, er hob den Armen liebreich auf und reichte ihm eine ansehnliche Gabe. Rosalie ergriff krampfhaft meine Hand. Sie zitterte heftig. Der Fischerknecht schwenkte johlend seinen Filz, und ehe ich mich noch recht besinnen konnte, sass die groteske Figur schon wieder auf dem Krahnarm, grüsste die Vorübergehenden und war bemüht dann und wann durch Ziehen an der Kette eine Art von Tätigkeit zur Schau zu tragen. Dieser seltsame Auftritt erregte einiges aufsehen, obwol sehr Viele, namentlich von den Knechten und Matrosen, den ganzen Act mit lautem Gelächter begleiteten. Bardeloh suchte möglichst bald dem Gedränge zu entkommen. Schon hatten wir den Lärm hinter uns, da trat der Jude vor und grüsste Bardeloh mit herzlichem Händedruck.
"Der Friedrich kann's noch immer nicht begreifen," sprach er, "dass ein Unterschied sein soll zwischen Mensch und Mensch. Wäre er ein Israelit, wie ich, er fände sich besser zurecht mit Zufall und Unglück."
"Sie besuchen mich doch bald, Mardochai?" warf hastig Bardeloh ein. "Mein Haus, Sie wissen es, steht Ihnen jederzeit offen. Sie entschuldigen, meine Gattin ist angegriffen von der Reise – wir müssen uns beeilen. Auf Wiedersehn!"
"Ich werde nicht warten lassen auf mich," erwiderte Mardochai, "und erlauben Sie es, so bringe ich den Friedrich mit. Es ist eine ehrliche Haut, und eine Seele steckt in ihm, die voller Narrheiten ist, wenn man ihm gestattet, sie herauszulassen. Der Gedrückte wird schüchtern, der Mensch zur Maus. Die Naturgeschichte hat überall einen auffallend engen Zusammenhang."
Bardeloh gab durch ein stummes Zeichen seine Einwilligung und beschleunigte noch seine Eile. Vergebens richtete ich mehrere fragen an Rosalie – ich erhielt keine Antwort. Nach ziemlich langem Herumgehen in