, Raimund, denke ich zurück in hohem, heiligen Schmerz an meine Mutterwelt, die ich fliehen musste, um ein Mensch zu bleiben, und greife zur Feder, die ich dem Schweif des Flamingo entreisse, und schreibe die Schmerzen Europa's, decke auf seine Gebrechen, singe seinen Jammer und heile sein Weh, indem ich seine Kinder zum Bewusstsein ihres Unglück's bringe. – Schon fühle ich, wie ein neuer Tag seine tausend Küsse mir als Kreuz um mein zitterndes Herz bindet, brennend heiss und glückverheissend, wie die Küsse meines Mädchens. Fort nur trage ich aus Europa, als einzigen Raub vom Busen der Mutter, meine Geliebte. Ich will Europa's poetische Liebe verpflanzen in Amerika's poetische Urwelt. Da soll ein Geschlecht entstehen mit deutschem Blut, deutscher Ausdauer, deutschem Gemüt und deutscher Glaubenskräftigkeit, das sich Leben gesogen hat aus dem unversiegbaren Born der Freiheit. Hinter mir schon sehe' ich die Leuchtfeuer der Küste versinken, dunkel schattet die Nacht über dem Meere, aber der Morgen zündet an einer neuen Küste die begrüssenden Flammen an. Die Apallachen sprühen im Morgenrot wie Riesenhelme empor, zum Himmel stürmen die Zypressen am Missisippi, und tragen die stolze Frage hinauf: ob es wohl erlaubt sei, auf Erden göttlich frei zu sein neben Gott? –
Raimund, ich werde glücklich sein, weil ich mein Unglück begreife. Mit Ehrfurcht küsse ich das Manuscript, in Scheu beuge ich mich vor Gleichmut's Todtenantlitz. Genug, ich gehe nach Amerika, und will von dort herüber wirken und handeln für mein armes, geliebtes Europa, für meine unglücklichen Brüder, für mein Mutterland – das heilige Grab der modernen Welt! –
Zweiter teil
11.
An Ferdinand.
Köln, im September.
Durch Raimund wirst Du meine Erlebnisse vom vergangenen monat erfahren haben. Sie werden Dich, wie ich hoffe, ergreifen, aber nicht ungerecht stimmen gegen Welt und Menschen. Um zu erkennen, wie unerforschlich die Weisheit der Vorsehung ist, muss man Kleines und Grosses zusammenfassen, die Lücken ausfüllen mit Ergänzungen, die erst oft die Zukunft spendet, und so weit dies Menschen erreichbar ist, von so humaner Gesinnung sein, wie Gott selbst. Oft wünschte ich mir eine Professur der Weltgeschichte, um den Wissbegierigen nachzuweisen, was eigentlich heilig und profan sei in Zeit und Ewigkeit. Ich würde aber schwerlich lange dabei aushalten, denn ich fürchte, die Masse bleibt nach wie vor roh und unbildsam, und handhabt immer nur das zunächst Liegende als Elle, um der werdenden geschichte eine taugliche Hanswurstjacke damit anzumessen. –
Seit einem Monate bin ich wieder hier. Gleichmut's Manuscript ist der Schlüssel geworden zu einem Gewölbe, in dessen Innerm man tote lebendig werden sieht. Dieses Spuken des Vergangenen am hellen Tage mit seinen neuen Reizen ist das wahrhaftige Weltgericht. In Bardeloh's haus wird nun bald ein solches Tribunal seine Sitzungen halten, und es müsste eine Lust und ein Grauen zugleich sein, diesen beizuwohnen. Ein solches Parlament müsste sich dann nirgends mehr auf Erden finden.
Sie sind nun alle beisammen, die Zufall oder Schicksal oder der Geist der Vorsehung in seiner Voraussicht zusammenberufen hat, um wirksam zu sein bei der Ausgleichung moderner Wirren. Es ist eine seltsame Gesellschaft, in der sich eigentlich drei Könige bewegen, B a r d e l o h , Mardochai, G l e i c h m u t h . Die übrigen drei sind Vasallen, von denen Friedrich noch immer die Schleppe des Juden trägt, der tolle Mönch sicher dem Pastor zufallen wird und Casimir in glücklich ruhigeren Momenten Bardeloh's Meinung unterstützen dürfte. Von mir selbst kann ich nicht sprechen, denn ich stehe am Ende doch allein, so sehr ich getragen werde vom Schicksal Aller. Mein minder grosses Unglück berechtigt mich vielleicht, bei geeigneter Zeit noch am sichersten das Ziel zu erreichen, nach dem die Andern in leidenschaftlicher Angst streben.
Um nicht zu Fremdartiges unter einander zu mischen, muss ich auf meine Rückkehr von der Reise nach Bonn zurückkommen. Casimir begleitete mich und Richard nach Köln. Mein Herz schwoll über vor Wehmut und stolzen Gedanken. Gleichmut's Lebensgeschichte hatte zu tiefe Wunden in mein Gemüt geschlagen. Seine letzten Seufzer schrieen noch immer laut auf in mir, und und ungeachtet mich der grelle Farbenton des ganzen Gemäldes als Mensch von dem entschieden zurückstiess, der unter dem Formellen die Natürlichkeit begraben hat, so musste ich doch die Wahrheit anerkennen, die in der Tiefe dieser Geständnisse laut aufschrie zum Himmel um Gerechtigkeit. Mein Entschluss wurzelte immer fester, Amerika blieb der Endpunkt meiner Wünsche. Von dort herüber muss, dünkt mich, dem kranken Europa die heilende Medicin gereicht werden. Die ärzte aber müssen Europäer sein und auswandern, um nicht zu früh zu sterben den Märtyrertod der neuen Erlösung. Denn dieser möchte jetzt nicht retten und sühnen, wie jener! Nur das Leben kann eine Besiegelung sein für die Unfehlbarkeit und Wahrheit der neuen Weltbestrebungen. Hierin liegt ein hoher Trost; denn wir mögen daraus erkennen, wie nahe die Zeit ist, wo die Gesammterlösung für vollendet betrachtet werden kann.
Bardeloh war darauf bedacht, Casimir, dieses Phänomen unter den jetzt lebenden Menschen unbemerkt in sein Haus zu führen. Diese Vorsicht war notwendig, denn eine unzeitige Begegnung mit Eduard hätte zu den unerhörtesten Scenen Veranlassung geben können. Es war tiefe Nacht, als wir unbemerkt das Haus betraten. Casimir brütete dumpf über seinen colossalen Einfällen, von denen sich zuweilen einzelne Brocken ablösten,