, was ein Gottesgelehrter in Europa allein zu tun hat, ich predigte das Evangelium. Ich füllte meine Zeit aus und meinen Platz, weil ich jene begriffen hatte, und ward nun glücklich, da die Kraft zum Unglücke aus meinem Körper gewichen. Ich will und werde aber auch in Europa, dem müden Weltteile, sterben und Todtengräberdienste verrichten oder Leichenrednersein so lange, bis Alles verloren oder Alles gewonnen ist. Weil ich selbst so grenzenlos glücklich geworden bin durch den Verlust des Unglücks, wünsche und flehe ich ein lautes, zerfleischendes Unglück herab auf alle meine Brüder und rufe denen, die es bereits in sich tragen, zu: Fliehet, fliehet aus dem öden, dumpfen Weltteil, wo man die Gedanken lebendig eingräbt in den Sarg des Herzens, und den Segen darüber spricht und das Rauchfass schwenkt! Fliehet und gehet hin in alle Welt, um zu lernen von den Heiden, was ihr verloren habt in Euren verpallisadirten Lehren! –
Ich habe mich später verheiratet. Ob meine Gattin glücklich ist? Gewiss, denn sie fühlt nicht in ihren Gliedern die Müdigkeit des Weltteiles, unter dessen Töchter sie sich zählt. Meine Frau ist ein tugendhaftes Weib, sie ist sehr gut, sehr edel, aber auch etwas einfältig. – Nur eine solche Frau konnte ich brauchen. Frauen von Geist und Sinnenfrische müssen eben so europamüde sein, als wir Männer, und können ihr Treibhausleben auch nur durch gleiche Mittel fristen. Die Sünden der Welt sind die Folgen der fluchwürdigen Verhältnisse, die geboren wurden aus socialer Unnatur, mystischer Heuchelei – weil man den Sinn aller Religiosität von Anfang an misverstand – schwächender Knechtsgesinnung und schlaffer Lebenssitte, die Alles mit der Schminke der Etiquette besudelte. Daran stirbt Europa, dadurch wird es der Sclave werden des Westens, in dem es zwar Sünden gibt und Laster, aber nur Sünden der Kraft und des Uebermutes. Diese erobern und gewinnen, denn sie sind – weil zur Tugend fähig – gottebenbürtig, aber die Sünden der Schwäche – und diese gehören Europa an – bedingen den Untergang. Der Geist allein wird uns nicht retten, weil er ein Sclave geworden der Skepsis, die natur nur kann die Unnatur bekämpfen, und sie selbst ist geflohen aus Europa! Drüben aber über den Wogen des atlantischen Oceans liegt das Land der Verheissung im heiligen Schatten des Urwalds gebettet, der es umfängt und mit den Locken der Hoffnung umschmeichelt, wie eine Mutter ihr lächelndes, kraftvolles Kind! Dortin hat sich geflüchtet die natur, als Europa sie vertrieb. In der durchsichtigen Flut des Ohio bespiegelt sie sich, schuldlos, weil sie s t a r k , und fromm, weil sie f r e i ist. über ihr aber zittert das Auge Gottes, und Freudentränen rollen als Welten über ihr hin, und Amerika's Söhne blicken hinauf zu dem grossen Tempel, den der freie Gott in ihnen gewölbt hat zur allgemeinen Verehrung. Und sie beten arbeitend und arbeiten betend, und es ist kein Elend unter ihnen, weil keine Armut sie drückt. Sie sind froh, glücklich, fromm, gläubig, weil die Freiheit den Orden der Menschheit in sechs und zwanzig silbernen Sternen auf ihre Brust geheftet hat. Die Flagge ihrer Nation ist das Abbild des himmels, und es muss sich schön und gross leben lassen in einem Erdteile, wo der Himmel mild hinzieht über den Scheitel eines Jeden, und milder und sanfter noch sich wiederspiegelt in dem Herzen eines Jeden! Ich aber bin ein Europamüder, ein protestantischer Gottesgelehrter, der die Liebe sucht und sie nicht findet, weil fein Land sie verstossen und entweiht hat in ihm, wie in Jedem, der Treue gelobt hat der Scholle, die ihn geboren. Nur eine frische junge natur, geholt aus Amerika's Wäldern, wie wir entlehnt haben von dorter die bewegende Kraft des Dampfes – nur eine solche natur kann Europa erlösen, und wieder zu Göttern beleben sein geschwächtes und gebrochenes, aber auch im Sterben noch edles Geschlecht! – Möge es der Reine erleben, ich der Unreine will sterben in Frieden, wenn mich das Glück Europa's zum Unglücklichsten der Sterblichen machen wollte. –
G l e i c h m u t h ."
Gewahrst Du durch den dämmernden Schleier Deines Auges die Tränenflecken, die wie die Siegel des Schmerzes dieses Testament eines Herzens unterzeichnet haben, das dem Henker eines Erdteils zum Opfer fiel? Wenn Du noch Mitgefühl hast, Raimund, so halte es fest in Dir, denn wahrlich, es ist eine Zeit, entsetzlicher, als nun Tausende kommen werden, um diese Bekenntnisse zu lästern, gebe ich sie erst der Welt preis, wie ich gesonnen bin. Warum verschweigen, was ihr die Augen öffnen kann? Ist nicht Jeder berufen mitzuarbeiten an der Erlösung, die so schüchtern umherschleicht und nur im Dunste des Mondlichtes noch ungestört um das grosse Grab des Lebens zu wanken wagt? Aber ich will nicht schweigen, ich will handeln! Und Bardeloh soll mir die Hand reichen zum Werke. – Raimund, Du wirst mich nicht wiedersehen – ich gehe nach Amerika! Bardeloh soll mich begleiten, er besitzt, was uns Unabhängigkeit verschafft in jenem land, wo im Anfange nur der Besitz achtung gebietet. Meine Geliebte, der verwüstete Casimir, Friedrich, der Pietist, den die heilige Demut geistig so impotent gemacht hat, wie Gleichmuten physisch – sie Alle sollen mich begleiten und am Ohio genesen von dem Fieber, das Europa verpestet, seine Frechheit ihnen eingeimpft hat von Jugend auf!
Dann