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Mensch, der von Mardochai's Geist aufrecht gehalten ward, floh mich seit jener entsetzlichen Nacht, wo er die Geige spielte, während ich den sündengebrochenen Leib wieder auffütterte mit der dargereichten Arzenei. In ihm hatte die natur nicht so viel trotzige Kraft gelegt, dass vermögend gewesen wäre, jedem gewaltigen Eindrucke zu widerstehen. Er ward still und schlich um die Kirchtüren, wie die reuige Sünde, die ihren Gott sucht, an dem sie einst glaubte. Es vergingen einige Frommer geworden, ein Pietist! Er hielt lange Reden in den Versammlungen der 'Feinen,' wie man die Auserwählten des himmels nannte, und war angesehen bei ihnen. Zuweilen unterhielt er die fromme Schaar auch durch sein vortreffliches Geigenspiel, in dem allein noch eine frische Weltlust lebte.

Mardochai hätte bei diesem Abfall eines seiner vertrauten Freunde eigentlich den Kopf schütteln oder sich kräftig in's Mittel legen müssen. Dennoch geschah von alle dem nichts. Vielmehr schien diese Art, sich dem Leben zu entfremden und den eigenen Geist einzusargen in die schwüle Atmosphäre einer tödtenden Liebelei der Seele mit dem heiligen geist, ganz nach seinem Sinne. Der entsetzliche Mensch, glaube ich, ahnte, wohin es kommen würde mit Friedrich. Das Geschehenlassen war nur ein Grundstein mehr zu dem grossen Colosseum, das sich seine raffinirte Rache erbaute auf und im Christentume.

Mein eigenes Leben, abgeschwächt in sinnlichen Genüssen, raffte sich zusammen und gebar aus Trotz eine Opposition, die selbst Mardochai gegenüber ihre Kraft bewährte. Ich war, obwol körperlich erschlafft, doch geistig regsam genug, um nun aus Verzweiflung an mir, an dem Leben, an Gott und Christentum, ein eifriger Streiter zu werden für das, was mir doch nur als schöner Tand vor dem Auge flimmerte. Als ich nicht mehr sündigen konnte, durfte ich getrost über die Sünde zu Gericht sitzen. Ich war ein unparteischer Richter. – tot und begraben lag in mir die Heiligkeit des ewigen Menschen. Auf seinem Leichnam schwebte hin und her, wie der ölige Dunst eines Irrlichtes auf feuchtem Moor, der Geist meines Lebens, halb beleuchtend mit dem getrübten Scheine die Grabstätte seines Friedens, und halb hinaufbetend mit flammender Zunge zu dem gnadenreichen Himmel. Ich ward ein sehr frommer Mann, weil ich ohne leidenschaft lebte. Ich hatte ja keine Sinne mehr, nur der Geist noch tobte in wunderlichen Sprüngen durch die entweihten Zellen, in denen einst die Göttlichkeit des Menschen gebetet und geweint, geschluchzt und geküsst hatte von dem ewigen Christus die welterlösenden Tränen. – Es bedurfte keines halben Jahres, mich als Teolog auszuzeichnen. Ich ward angesehen, meine lüderliche Gesichtsfarbe machte mich interessant, der Schmerz um den Verlust meiner Menschenwürde konnte für die Folge grosser Studien gelten. Dass ich unglücklich geworden, weil ich geboren war in einer Zeit, die vom Christentum nichts gerettet haben w i l l , als den Namen und die Maske, das wusste freilich nur der Traum, dies Weltgericht Gottes, das allnächtlich sich einschlich in mein elendes Leben. –

Ich verlor Mardochai aus dem Gesicht. Als ich zufällig einmal das Bedürfniss fühlte, mich nach ihm zu erkundigen, erfuhr ich, dass er seit Wochen schon die Stadt verlassen habe. Friedrich war mit ihm gegangen, man wusste nicht, wohin. Es war mir gleichgiltig. Von Casimir hörte ich auch nichts mehr. Er, wie Eduard, waren verschollen."

"So stand ich allein, als Ruine eines Menschen, der das Gefühl verloren hat, aber das Bewusstsein gerettet, um Zeuge zu sein von dem Einstürze einer ganzen Epoche, eines grossen Erdteiles. Ich fand, dass es überall zugehe, wie in mir selbst. Ich war der Spiegel des siechen Europa, das seine Lüste gebüsst und nur noch den frivolen teil des Geistes gerettet hatte, um mit ihm die Blössen des geschichtlichen Lebens aufzudecken.

Der Mangel an leidenschaftlicher Kraft machte mich zum stillen Beobachter und sogarzufrieden, glücklich! Ein Mensch, wie ich, taugte in dieses Europa; ich war sein würdigster Bürger. Krank, wie das heilige Land, eine Lebenstrümmer, wie dieses, frivol witzig, raffinirt, cultivirt, geistig sublim und sinnlich ohnmächtig, ein zürnender Eunuch, der nur noch tauglich ist zum Beaufsichtiger der Tugend, die anderwärts eingesperrt wird im grossen Harem der Welt. –

So war ich berufen zum Moralisten. Ich betrieb im Kleinen, was ich eben so gut in ein en gros Geschäft verwandelt haben würde, hätte sich die gelegenheit dazu geboten. Nur so, wie ich jetzt war, konnte ich mich wohlbefinden, mich fühlen als ein europäischer Mensch. Ich durfte nicht anstehen, in mir einen Helden zu sehen, den Helden einer Carrikatur der zivilisation! Wo das Heldentum zur Hure geworden ist, da kann der Held nur als kraftloser Wüstling ihr Liebhaber sein. Ich fühlte es, dass ich in dieser Lage wenigstens negativ beitragen könne zur Erhebung, zur Aufrüttelung des nervenschwachen Geschlechts. Ich entschloss mich dazu und bildete im Stillen den Entschluss aus zur Tat. Der sittenlose Teufel übernahm das Geschäft der erlösenden Kraft.

Nach zwei Jahren trat ich das Amt eines Seelsorgers an auf dem land. Mein Vortrag gefiel, ein leises Durchklingen von Ironie zog die gebildete Welt herbei, die sich so gern an dem geistigen Kitzel erfreut. Zwei Jahre später bezog ich die Stadt und lebte nun dem heiligen Berufe, der wahrhaftigen ewigen Lehre des gekreuzigten Christus wieder Boden zu gewinnen. mancherlei Anzeichen liessen mich hoffen, dass meine Bemühungen nicht unfruchtbar blieben. Ich tat