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Hartnäckigen und überliess ihn seinem Schicksal.

Keiner seiner nähern Freunde würde irgend etwas davon erfahren haben, hätte nicht die plötzliche Aenderung in den äusseren Gewohnheiten auf eine Revolution im inneren Mardochai's hingedeutet. Nicht allein das Anlegen jüdischer Kleidung fiel auf, auch sein Vernachlässigen der Wissenschaft musste befremden. Er machte Reisen, blieb Wochen lang fern, kehrte dann wieder, und setzte seinen Umgang mit mir, Casimir und Friedrich fort. Unser Forschen führte zu nichts. Das Schweigen Mardochai's blieb sich gleich, seine Gesinnung war unwandelbar, seine Ruhe tödtend. So oft ich auch noch mit ihm zusammentraf, immer verteidigte er nur die Moral der Consequenz, nicht ihre Basis. Es kam ihm nie auf das Was? an, sondern nur auf das Warum? Und Mardochai war und blieb Jude, und wollte Jude s e i n , w e i l er Jude geboren war.

Mit mir stand er fortwährend in engem Verkehr und zeigte nach jener Handlung der Rettung eine zärtliche anhänglichkeit. Dabei aber unterliess er nie, in jedem Gespräch Gift in meine Seele zu träufeln und jeden Gedanken der Reinheit in mir zu verpesten. Er erklärte mir das jüdische Gesetz mit einer Schlauheit der Ruhe, versteckter Liebe und grimmigen Hasses, die Bewunderung verdiente. Ihm entging kein Zug der Schwäche in unserm Religionsbekenntniss, und so oft er nur einen leisen Zweifel in mir aufspürte, versäumte er gewiss nicht, ihn anzuschwellen zum Gebirge, das drückend meine Seele belastete. So stiess mich dieser böse Dämon des christentum immer tiefer in die Entsittlichung meiner selbst, angeblich um mich zur Erlösung der gesunkenen Religiosität zu stärken, eigentlich aber zum Kampf für die Emancipation der Juden zu treiben. –

Casimir entschwand mir in dieser letzten Zeit des Zusammenlebens mit Mardochai aus dem Gesicht. Seine colossalen Sünden des Gedankens gegen die Zimperlichkeit des parfümirten Zeitalters trieben ihn fort in die Welt. Ich erhielt noch einige Briefe von ihm aus der Umgegend, den letzteren aus H., wo er sich eine Zeit lang aufhielt, und mir seinen Enschluss, nach Amerika zu gehen, meldete. Ich füge diesen hier bei, um einer spätern Zeit etwas von Urmenschlichkeit aufzubewahren, wenn sie längst keinen Begriff mehr davon haben wird."

H. am Tage der luterischen Gedankenallianz

gegen die päpstliche Heiligen .... cht 18

Fromme Bestie!

"Ich habe meinen Leichnam begraben unter den Schuhsolenstaub unserer Ahnen. Diese Lage bekommt ihm gut und er conservirt sich sehr wohl, namentlich gefällt der Wildleder-Duft meiner Nase ganz ausnehmend. Sonst ist es sehr langweilig hier, wie überall. Es liegt Alles krank an herrnhutischen Gedanken. – Mich hat der Teufel, will sagen, ich bin ein ganzer Kerl, und ich rate Dir, nimm auch die neue Kokarde, damit Du Deinem ausgeschwefelten Gesicht etwas Farbe wieder eintättowirst. Ich würde Dich für den Handschuhmacher seiner infernalischen Majestät halten, wärst Du nicht englischer Schneidergeselle geworden in der Werkstalt Michaels des Ewigen. Guten Appetit zum Massnehmen! Doch pass' auf und nimm's glatt, damit die Tugendhaftigkeit nicht Falten wirst und das Laster eine Hecke d'rin anlegt! –

Ich bin ein steissiger Gott, was ich an meinem Gehirn verspüre, mit dem das des Ewigen nicht Schritt halten kann im Kreisen. Er schuf eine Welt in sechs Tagen und ich sechs in einem Tage. Das will was heissen und mattet einen ehrlichen Kerl ab, der keine Zeit hat, sich an irgend einem Fixstern den müden Leib auszuruhen. Es bedarf dessen nicht.

Das Vieh gedeiht hier zu land gut, wie allerwärts, am besten aber das Hornvieh. Ein Drechsler müsste gute Geschäfte machen, wenn er alle Ehemänner zu Kunden kriegte. Ich würde ihm in dieser Hinsicht sehr gute Empfehlungsbriefe mitgeben können, weil ich's aus dem Fundamente kenne. Es muss Alles einen festen Grund haben.

Morgen breche ich ein in das Allerheiligste des Sternenhimmels. Ich brauche einen Dom, der mir leicht hinfliegt über den Scheitel, da ein grosses geheimnis in ihm verborgen liegt. Ich schreibe eine Tragödie 'B e s u c h G o t t e s i n d e r H ö l l e ' und einen Roman 'N e u i g k e i t e n a u s d e m B o u d o i r s t i l l e r F r ö m m l e r .' Das ist himmlisch galantes Zeug und soll meine Landsleute packen. Den pfaffen flechte ich dabei einen Knochenkranz, um ihnen ihre hohlen Hirnkasten zusammenzuquetschen Meine Seele aber träumt himmlische Träume, und säugt sich gross und reich an den Brüsten der Sternenwelt. Gestern Nacht sah ich's, dass die Milchstrasse weniger hell glänzte. Mein Seelen-Soff hatte sie geebbt. Ja, Gleichmut, Casimir wäre ein grosser, erhabener Gott, wenn er nicht zufällig bei dem heiligen Geist in Ungnade gefallen wäre. – Ich gehe nach Amerika, um dort eine neue Poesie zu stiften, und schreibe ein Prairiendrama, in dem Büffel die Rolle des Narren spielen sollen. Es werden stössige Narren werden und die Erde soll zittern vor ihren Witzen.

Gott befohlen, mein lieber Hostieursieh das Wort recht an, denn es ist ganz buttersemmelweichund sei kein Narr, wenn der Teufel die Messglocke zieht.

Dein collossaler Mensch,

genannt C a s i m i r ."

"Von meinen sonstigen Bekannten war jetzt nur noch Friedrich übrig geblieben. Dieser