gleich mächtig in ihrer Consequenz, als der Hass unaustilgbar, den er in sich nährt und dessen Befriedigung seine eigenste Religion zu sein scheint. Mardochai ist entsetzlich, aber doch ein grosser Mensch! Denn er steht als strafender Rachegott auf für sein Volk, treu seiner Lehre, die in Gott ja nur einen 'starken, eifrigen Gott' erkennt. Obwol ich Mardochai's Opfer geworden bin, ahne ich doch in ihm den reinen Menschen und weiss ihn zu sondern von dem Henker, wozu ihn das Jahrhundert berufen hat in der notwendigkeit seiner läuternden Auswüchse. –
Es vergingen einige Tage und Mardochai liess sich nirgends blicken. In mir stritten sich Ingrimm, eine lächerliche Verzweifelung und entschiedener Hohn gegen Alles, was bisher der Gewohnheit lieb und wert gewesen war, um den Besitz meines Herzens. Des Juden ausgesuchte diabolische Rache an dem Heiligsten, was unser Glaube geboren hat, schreckte mich auf aus dem Traume geistiger Vernichtung. Ich wollte den Schrecklichen meiden, aber ich hatte weder die Kraft, ihm zu fluchen, noch den Mut, zu behaupten, seine Handlungsweise sei die schandbarste, welche je geschehen unter der Sonne. Und dann – hatte er mich nicht gerettet, wieder hergestellt? Ein neues Leben durchwärmte ja mein frierendes Nervenmark! Ich fühlte mich ganz wieder Mensch, frei und stolz auf die Kraft einer vollen Männlichkeit. Es war ihm leicht, mich der niedrigsten Undankbarkeit zu beschuldigen, – sich als Retter, als grossmütiger Freund mir gegenüber hinzustellen! Hätte nur der furchtbare blick nicht noch immer meinen zerrissenen Herzenshimmel, wie ein blendender Blitz, zerspalten! Ich zweifelte an der Rache des Juden und fand mich beruhigt, indem Gleichgiltigkeit bald den tiefern Eindruck verwischte.
Als ich endlich Mardochai wieder sah, ging er gekleidet, wie am Tage der Enteiligung. Er trauerte und meldete mir ruhig, Eugenie, seine Geliebte, sei gestorben. Diese Nachricht erschütterte mich, obwol ich furchtbar drohend die Vergeltung auch hier die Fahne des Sieges schwingen sah. Mardochai zeigte sich von nun an immer auch in seinem Aeussern als Jude. Mich befremdete dies und ich forschte nach der Ursache. Mein zweideutiger Freund zuckte die Achseln und schwieg. Späterhin bemerkte ich, dass er mehr als früher mit seinen Glaubensgenossen umging. Er stand in vielfachen Verbindungen und mir schien es, als betreibe er neben seiner medicinischen Praxis noch ein Geschäft.
Ich habe immer gefunden, dass Juden, wenn sie sich den Wissenschaften widmen, das Studium der Medicin erwählen. Der Grund davon ist leicht zu ermitteln. Als Arzt findet der Nichtchrist auch bei den Christen noch immer das sicherste Aus- und Unterkommen. Man vergisst über der Geschicklichkeit des zu Rate Gezogenen den Makel des Bekenntnisses, den alle Aufklärung der Neuzeit noch immer nicht ganz zu tilgen vermocht hat. Dennoch wagt nicht jeder Ort und jede Bevölkerung, sich selbst zu diesem so beschränkt liberalen Standpunkte zu erheben. Ich habe Städte gekannt, in denen keine Familie, weder aus den höhern noch niedern Ständen sich je entschlossen haben würde, die Pflege der Gesundheit einem jüdischen arzt anzuvertrauen. Die Tyrannei der Angst, die Geissel der Beschränkteit, sind kaum zu vernichten.
Mardochai, bereits der Praxis sich hingebend, machte aus Stolz und geistiger Ueberlegenheit kein geheimnis von seinem Judentume, eher setzte er eine Ehre darein, gegenüber einer oft sehr bornirten Christenheit mit den Funken seines Geistes das Jämmerliche, dem Menschen so tief Herabwürdigende gewisser moralischer Maximen so stark zu beleuchten, dass sie am Ende in Asche aufgelöst niedersielen Weil er den Menschen in sich achtete und auch in Andern hervorsuchte, entzog man ihm die Gegenachtung. Viele zuckten die Achseln, wenn des geistreichen, scharfsinnigen Mardochai gedacht wurde und bedauerten, dass er ein so starrer Jude sei.
'Man muss anstehen, ihn in Gesellschaft zu bitten bei seinen grundsätzen,' sagte irgend ein Kirchenrat, 'denn der sonderbare Mann ist im stand, laut zu gestehen, dass er Jude ist. Man kommt in Verlegenheit bei Umherreichen der speisen und möchte jedesmal Waschwasser an der Tafel herumgehen lassen.'
Diese Stimmung ward bald allgemein. Die Weiber hatten zwar gern sein schneidendes und dabei doch galantes Wesen, allein den Juden konnten sie ihm nicht v e r g e b e n , weil er ihn nicht v e r g e s s e n mochte. Mardochai sah sich ausser Connexion gesetzt, eh' er selbst noch daran dachte. Die Freisinnigsten, genugsam bekannt mit seiner Gesinnung, rieten ihm zum Uebertritt, fanden sich aber sarkastisch abgewiesen.
'Mein Stamm handelt mit allen Lumpen, die es auf Erden gibt,' sagte er, 'mit seiner Religion aber hat er noch nie geschachert. Ein Jude wird Alles zu Gelde machen, weil er es muss. Er wird ein Hund sein, ist es seit Jahrhunderten gewesen und ist es noch, aber ein Schuft ist er nicht. Christen sind Apostaten geworden aus elendem Ehrgeiz, Geldsucht und andern Erbärmlichkeiten, ein wahrer Jude aber wird als Held sterben, wenn ihm Jemand den Antrag macht, entweder seiner Religion zu entsagen, oder des elendesten Todes zu verbleichen. Ich bin stolz a u f meinen Stolz.'
Es war natürlich, dass diese Art, offen zu sein, nicht fördernd wirken konnte auf seine Carrière. Die Familien suchten sich ihm fern zu halten, man nahm Anstand, einen solchen Juden Blicke in das Hauswesen und Familienleben tun zu lassen, die Vertrauen voraussetzten, und um der unangenehmen notwendigkeit zu entgehen, schied man sich lieber ganz von dem