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Brüsten der natur einen zu reichen Zoll gegeben haben.'

'Wie soll ich dies verstehen?' fragte ich meinen Begleiter.

'Einfach und mystisch zugleich, wenn Sie wollen,' fuhr der Jude fort. 'Durch Sympatie heilt die natur leichter und sicherer Uebel, die von einer Art Sympatie erzeugt wurden, als durch andere künstliche Mittel. Diese Heilung will ich an Ihnen versuchen und sie wird gelingen, wenn Sie Glauben haben.'

'Wahrlich den Hab' ich!' rief ich beteuernd aus. 'Nur schnell gesagt, wodurch mir geholfen wird!'

'Ruhe ist auch beim Glauben zu empfehlen,' fiel Mardochai ein. 'Sobald wir an Ort und Stelle sind, werden Sie das Uebrige erfahren.'

Unter zitterndem Bangen erreichte ich Poppelsdorf. Mit der Last einer einstürzenden Welt auf dem Herzen erstieg ich an Mardochai's Hand den Kreuzberg. In der Kirche hatte die letzte Messe begonnen, viele Menschen lagen vor der Kirchtür auf den Knien. Andacht senkte ihren Fittig schützend über den Tempel und die dämmernde natur.

'Wir sind zur Stelle,' sprach Mardochai. Er rief Casimir herbei und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der grauenhaft-geniale Mensch lachte und ging in die Kirche. Der Jude setzte sich an die Erde neben die heilige Treppe, die nahe der Kirche liegt und von welcher der letzte Gläubige auf den Knien herabstieg.

Aus der Kirche hallte dumpf das 'Benedicite!' das 'Dominus vobiscum!' Der ganze tönende Stolz der Messe zog im Echo vorüber an meinen umdüsterten Sinnen. –

Ich hörte Casimir zurückkommen, er lachte und warf einige jener colossalen Gedanken bedachtlos in die warme Abendluft, wie sie ihm nun einmal zur natur geworden waren. unterdessen trug Mardochai in kalten, skeptischen Reden mir die notwendigkeit gewisser Lebensversuchungen vor, und wusste seine Gedanken dabei doch in eine so fromme Mystik zu hüllen, dass ich momentan sogar die überzeugung gewann, mein geheimnissvoller Freund und Ratgeber sei, wann nicht längst schon Christ, doch nahe daran, es zu werden. Lauschend seinen mild erwärmenden Worten, ergab mein selbstständiges Denken sich dem Willen meines Begleiters. Ehe ich es noch ahnte, hatte Mardochai docirend, erzählend, Mährchen dichtend, oft seine Seele in schluchzender Wehmut auszittern lassend, mein ganzes Wesen auch so völlig in sein goldenes Sündennetz verstrickt, dass ich zusagte und unversäumt zuletzt tat, was er verlangte.

Es wäre mir eine Erleichterung, hier auszusprechen, worin dies bestand, allein auch der in den Schlamm der Verbrechen tief Hinabgesunkene bewahrt sich doch immerdar jene Weihe der Scheu, die ihn erst verlässt, wenn der letzte göttliche Funken in ihm erloschen ist. Und, Gottlob, noch fühle ich, wenn auch nur schwach, das belebende Flimmern desselben still und vergebend in mir pulsen. Darum bleibe verschwiegen, was ohne mich selbst zu entweihen, meine Feder nicht aufzeichnen kann. Es gibt Taten, die geschehen können, ohne dass die geschichte errötet und der Tag erbleicht, an dem sie entweihend sich einschleichen in die offenen Hallen, wo die Vergangenheit zur Auferstehung der Zukunft sich ordnet, aber ein offenes, wenn auch reuiges Wiedererzählen derselben verbreitet pestartige Dünste um sich. Darum sei mir vergönnt, hier nur schweigend zu sprechen, stumm zu bekennen, im Gebehrdenspiel einer wach gewordenen Angst abzubüssen den Frevel einer unseligen, im Rausch des Schmerzes und dem Sirenengesange der Verführung vermaledeiten Lebensstunde!

Noch lebt ein Zeuge jener Tat, der Kastelan, dessen Aufsicht die Kapelle anvertraut ist. Er weiss, wer an jenem Abende dem Priester administrirte, und was dieser Administrant vollzog während des erschlichenen Dienstes. Seine Tat und meine durch Mardochai bewerkstelligte Wiederbelebung des erschlaffenden Naturlebens hingen sehr eng zusammen. Ware Casimir noch am Leben, so würde er in der ungenirten Weise, sich zu offenbaren, dem Fragenden wohl schwerlich eine Antwort versagen. Es war eine herzbrechende Farce, die Mardochai, Casimir und Friedrich, diese letzten Beiden freilich, ohne zu wissen, mir zum Heil aufführten. – Genug, Mardochai kam zu s e i n e m Ziele und ich erlangte, wonach ich begehrte. Der Jude reichte mir den Arm und führte mich langsam den Berg hinab, während Friedrich aufregende Melodien, heitere, ergötzliche Lieder zu spielen schon früher beauftragt worden war. Mardochai blieb dabei ruhig, wie immer, er sprach von Unsterblichkeit, Glaube, Liebe und andern erhabenen Gegenständen, während in meinen erhitzten Adern eine Raserei der Lust tobte, wie ich sie in diesem Grade nie gefühlt hatte.

Mein Wille war völlig gefangen während dieser begebenheiten. Mardochai blieb mein Begleiter oder vielmehr Führer in der darauf folgenden Nacht, aber die Trefflichkeit seines Mittels ward ausser Zweifel gesetzt. Ich gesundete, und erst später erlag ich für immer der strafenden Rache der natur. O, damals ahnte ich noch immer nicht, warum Mardochai so gehandelt hatte! Die späteren Jahre erst liessen mich erkennen, dass ich Teilnehmer einer Rache geworden sei, wie sie nur ein zweitausendjähriger Hass und ein gleich langes Dulden der himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten ausbrüten konnte.

Allein jene Rache hatte auch einen Zweck, einen heiligen Zweck, der ebenfalls, bei mir wenigstens, erreicht wurde, obwol mein Handeln dafür der trotzigen, dummen Menge gegenüber nur von geringer wirkung geblieben ist. Von diesem Zwecke zu reden, kommt jedoch nur dem zu, der für ihn keine Sünde scheute! Die Zukunft wird auch diesen dereinst bekannt werden lassen. – –

Mardochai sprach nicht mehr von dieser geschichte, denn seine Ruhe ist