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"Solche Fratzenschneidereien der Gedanken würden mich verletzt haben, wären sie nicht aus Freundes mund gekommen und ein Beweis gewesen für das Gefallensein unserer ganzen Verbrüderung. Auch trug das abgestumpfte Nervenleben dazu bei, mich vor nichts mehr erröten zu lassen. Ich hielt für Gleichmut weisen Ueberblick und ein grenzenloses freies Denken, was doch nur Ergebniss war einer langsam gesuchten und erlangten Entsittlichung. Die Heiligkeit des göttlichen Ebenbildes war mit Schleiern in mir bedeckt, die nur aufstiegen vor dem zitternden Auge, wenn es die Wollust berührte mit dem schmeichelnden Finger der Dunkelheit. Es war ein grauenvoller Irrtum, in dem ich mich selbst zu tod tobte, aber der Irrtum war verzeihlich, ja sogar natürlich; denn ihn hatte geboren die Unnatur des Seelenlebens, in dessen heiligen Schlingen die Religion des Herzens unter Wonneschauern abgewürgt wird.
Mardochai mochte ahnen, dass meine Physis sich erschöpfe, teils durch die Zügellosigkeit, der ich mich anfangs überlassen hatte, teils durch das geistige Ueberspannen aller Kräfte, das aufreibend wirken musste auch auf den Körper. Ich brach zusammen, wie eine Eiche, an dessen Stamm der Zahn der Vernichtung feilt. Mardochai riet zur Mässigung, der er selbst sich hingab. Dieser Mensch war n i e entaltsam aber i m m e r mässig. Es gibt keinen mehr auf Erden, den ich so zerrüttet, so durchpeitscht gesehen habe von Leidenschaften, als diesen Juden. Die entsetzlichste seiner Leidenschaften war aber doch die Ruhe. Und nur so kann die Rache gross sein, weil sie eine Errettung erzielt.
Ungeachtet ich Mardochai's Rat befolgte, musste ich doch mit innerm Entsetzen wahrnehmen, dass sich die natur und Gott in ihr nur einmal foppen und höhnen lasse. Ich ward physisch, was bei geistiger Ermattung der Blödsinn ist. Die Lust der Sinne erlosch, weil die Kraft erschöpft war, aus der sie hervorgetobt. – Noch hielt ich es für Täuschung und Mardochai bestärkte mich darin. Als Arzt vertraute ich ihm, bat um Hilfe, und ein Lächeln, das den bleichen Schleier seines Gesichtes zerriss, wie das Erdbeben beim tod Christi den Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels, schlug eine Oeffnung in das Herz Mardochai's, durch die ich nur einen Augenblick lang hinabschauen konnte in die unerforschten Geheimnisse, die darin ihre stammenden Häupter träumerisch zu Boden gesenkt hielten."
"Ich kenne ein Mittel," sagte er, "aber Sie werden sehr wahrscheinlich anstehen, es zu gebrauchen, schon deshalb, weil ein starker Glaube an die Unfehlbarkeit desselben durchaus unerlässlich ist. Sie g l a u b e n nicht mehr, da Sie w i s s e n , darum. –"
"Der Ungläubige ist mindestens abergläubig," fiel ich ein, "und die Verzweiflung gebiert zuweilen eine Gedankenfestigkeit, die an Glauben grenzt. Sollte sie nicht dieselbe Kraft haben?"
"Gewiss," versetzte Mardochai, "und sind Sie im stand sich einige Tage lang mit diesem Gedanken zu tragen, so will ich Ihnen das Mittel sagen."
"Ich war es zufrieden. Der Schmerz, vielleicht weniger um meine Unschuld, als um die Entbehrung einer Sünde, die mich im Genusse den Ekel vergessen liess, womit das blosse Leben mich sonst berührte, steigerte meine Ungläubigkeit zu wahrhaftigem Glauben. Mit Ungeduld erwartete ich den Tag, wo Mardochai als ein zweiter Schöpfer meines Ich's mir die verlorne Hälfte des Lebens wiedergeben wollte. Der Tag erschien, es war ein Busstag – und indem ich dies schreibe, wütet noch die Erinnerung daran, wie ein Tiger in allen meinen Nerven, und ich flehe Denjenigen, dessen Auge zuerst diese Bekenntnisse überfliegt, in der Angst meines ohnmächtigen Gewissens an, Gott zu bitten um ein Verhüllen der Sonne und Sterne, damit Niemand belausche die Zornröte auf seiner reinen Stirn, und ist er selbst ein Frevler, die Schamglut, die purpurn fällt über sein Angesicht!
Mardochai trat in mein Zimmer, zum ersten Male in der Tracht des Orients, als Jude, als Hoherpriester seiner Brüder. Ihm folgten Casimir, in einem langen Mantel, unter dem er ein Harlekinskleid trug. Der Dritte war Friedrich mit seiner Geige. – Ich war verwundert über diesen Aufzug und verlangte den Grund davon zu wissen.
'Sind Sie bereit?' fragte der Jude. Ich bejahte dies. 'Dann kommen Sie mit uns. Unterwegs sollen Sie erfahren, was zu Ihrer Gesundheit dient.'
Dämmerung umhüllte schon das Tal, als wir die Stadt verliessen. Mardochai führte mich die Allee hinaus nach Poppelsdorf. Um das Kirchlein des Kreuzberges flogen die Funken der niedergehenden Sonne, wie brennende Rosenblätter aus dem Brautkranz der natur. Casimir und Friedrich gingen uns voran, ich folgte mit Mardochai in einiger Entfernung.
'Lieber Gleichmut,' hob der Jude an, 'im Fall Sie nicht der starke Geist sind, den ich immer in Ihnen zu erblicken glaubte und der mich so fest an sich kettete, dass ich selbst Liebe und Freundschaft Ihnen gegenüber fühle; so muss ich bitten, abzustehen von dem, was ich verlange und sich in Ihr Schicksal zu ergeben. Es trägt unser jetzt durch Not gebotenes Handeln den Schein der Sünde, doch, ruhig betrachtet, es ist keine, überhaupt nichts, als ein Hingeben an die natur, die ja etwas Anderes nie verlangt, diese aber stets fordert. Es ist nötig, Gleichmut, dass Sie jetzt einmal den Glauben und die natur des Glaubens lieben, wie Sie die Schönheit umarmt und an ihren