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. Zum Märtyrer taugt nur ein Schwärmer, wie zum Reformator Besonnenheit allein und ein fester Charakter befähigen. Ich ging still mit meinem Leben zu Rate. Anatomisch zerlegte ich jede Faser meines Herzens, prüfte jeden Gedanken und wog ihn ab mit gewissenhafter Pedanterie auf der Wage des redlichsten Willens. Ich fand mehr spezifische Schwere in ihnen als äterische Schwungkraft, und mein Mut wuchs, je lauter die notwendigkeit einer Aenderung mir aus allen Enden der Welt in die Ohren schrie. Allein Leben, Lust und Reiz hatten sich schon zu tief eingewühlt in das Mark meiner Seele, als dass eine heftige und schnelle Scheidung von diesen für mich möglich gewesen wäre. Ausserdem umschlich jeden meiner Schritte ein unheimlicher Geist und mass ihn aus mit heimtückischem Lächeln, ohne dass es doch in meiner Macht stand, ihm zuzurufen: Du bist ein Schurke!

Dieser Geist war Mardochai. Er liess nicht von mir und umkreis'te mich, wie mein eigner Schatten. Immer stand er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite. Mardochai besuchte mich, ging in meine Pläne ein, gab vor, selbst wirksam dafür zu sein und wiederholte unablässig seinen Refrain:" Wollen Sie bleibend wirken, so müssen Sie zuvor auch jede Gemeinschaft mit irgend einer Secte völlig in sich vernichtet haben. Sie müssen ein freier Sohn der natur werden, der Alles tun k a n n , wenn er w i l l , und Alles l a s s e n , wenn er n i c h t w i l l . Sie müssen auch Alles e r p r o b t haben, weil Sie sonst in Diesem und Jenem irrige Ansichten Ihren Zwecken unterschieben könnten. Studium ist n i e Sünde, und das Laster selbst, nur so lange verächtlich, als es aus den Lüsten geboren, wird Tugend, wenn es für die Tugendhaftigkeit geübt werden kann. 'Lassen Sie uns zusammen studiren, sagte er, ich halte es für die Pflicht eines aufgeklärten Juden, den Christen ihre Ungerechtigkeiten gegen unsern Stamm zu vergelten durch Liebe.'

Ich ging darauf ein, weil es mir nicht möglich ward, den seltsamen Menschen zu entfernen. Auch würde dies wenig genützt haben, da mein ganzes Wesen schon auf das Innigste mit jener Zweideutigkeit des Genusses verwachsen war, die immer Produkt eines zerbrochenen Gewissens ist. So setzte ich meine sinnlichen Ausschweifungen fort, ohne dem Geist die üppigste Nahrung zu entziehen. Der Geist war mächtiger, als meine Sinne und fruchtbarer als sie. Die physischen Kräfte erschöpften sich nach und nach, aber die geistigen wuchsen und tobten um so ungestümer, je spärlicher sie einen Gegensatz und Widerstand fanden im Tumult sinnlichen Rausches. Mardochai stand treu ausharrend an meiner Seite. In seinem dunklen Auge lag ein eigner Glanz. Nicht die Sonne der edlen Freiheit schien dieses Licht entzündet zu haben, sondern irgend ein Dämon. Die Glut warf keinen Schimmer auf den Himmel, aus dem sie herabflammte, vielmehr spielte die Blässe eines ewiges Todes mit winterlich kältendem Hauch um das edelgeformte Antlitz. Ein abstossender Ernst lag auf den kalten Zügen, eine zurückhaltende Scheu dämmerte oft um sein Auge und schien Traumgebilde zu formen, die nicht Leben empfangen hatten am Busen der Liebe und Schönheit.

Bald zog Mardochai auch Casimir in unsern seltsamen Bund. 'Nun ist die Dreieinigkeit fertig' sagte er, als wir zum ersten Male beisammensassen und die Rettung der Menschheit besprachen aus dem Tod fesselnder gesetz. Casimir war aber eher ein störender, als helfender Gefährte. Diesem Menschen lag in der Bizarrerie seines ganzen Daseins mehr daran, Unerhörtes vorzuschlagen, als ernstlich auf ein rettendes Mittel zu sinnen für die trübselig dahin sterbende Menschheit. Dennoch sträubte sich Mardochai immerdar, den einmal Angeworbenen wieder zu entlassen.

'Solche Käuze sind nötig, um unsere zu grosse Zahmheit immer zu stacheln,' meinte er. 'Casimir vertritt die Stelle eines Sporns. Er haut uns die Weichen wund und treibt die deutsche Sentimentalität aus unsern Leibern.'

Ich gab mich zufrieden und lebte dem Ziele entgegen, das ich mir gesteckt hatte. Mardochai begleitete mich überall hin. Sein Geist war unermüdlich, selbst in Dinge einzudringen, die ihm völlig fremd geblieben. Mit erstaunenswerter Pfiffigkeit erlauschte er die Schwächen der christlich- teologischen Doctrin, indem er zugleich feine, ich möchte sagen, graziöse Blicke der Misbilligung auf Christum warf. 'Ich würde mich wundern,' pflegte er dann wohl zu sagen, 'wie es möglich gewesen, dass einer meiner früheren Stammesgenossen so leise dem Irrtum nahe treten konnte, hätte nicht die Liebe zu allgewaltig gesprochen in seinem Herzen. Liebe frommt und treibt zu bewundernswürdigen Taten, es ist aber doch gut, sich nicht von ihr beherrschen zu lassen. Dadurch gibt man zu leicht der Rache gelegenheit und dem Hasse, sie mindestens zu kecken Neckereien zu verlocken. Ware ich ein Prophet, die Religion m e i n e r Liebe würde eine gepanzerte Jungfrau sein!'

'Und ist die unsrige das nicht?' warf ich fragend dazwischen.

'Nein, Gleichmut, Eure Religion ist ein unschuldiges Mädchen. Man kann es betören durch unbefangene Zärtlichkeit. Es wäre ein tragischer Scherz, wenn ein Jude so liebenswürdig bezaubernd, so galant siegreich sein könnte, dass diese unschuldsreine Heilige seinen Einflüsterungen Glauben schenken und sich ihm in freudiger Hingebung überliefern könnte.'

'Sapperment,' fiel Casimir ein, 'ich wollte die Unschuld seufzen lassen und ihr blutige Tränen auspressen. Die Lust ist eine Schraube ohne Ende in der nachgiebigen, weichen Mutter der Dummheit.