Weise, seine unbegriffenen Gedanken an den Mann zu bringen, brachte die Mehrzahl zu der überzeugung, die gesunde Vernunft sei dem wunderlichen mann abhanden gekommen. Der Staat fand sich veranlasst, mildtätig aufzutreten, und liess dem unverstandenen Casimir eine wohnung im Irrenhause anweisen. Ein Jahr und drüber ergötzte sich der Dichter an den Narren, die ihn umgaben. Er machte Studien an ihren Physiognomien, notirte ihre Reden und Einfälle und schuf aus diesen und seinen eigenen ungeheuerlichgenialen Gedanken seine sogenannten "Eingeweide." Erst, als ihm der Spectakel zu toll ward und er sich alles Ernstes unter allen Narren als den Gewichtigsten behandelt und bewacht sah, trieb ihn der Stolz auf seine geistige Grösse zu dem Briefe an Bardeloh, dessen fester Aufentaltsort ihm bekannt war. –
So brachten Zufall und eigentümliche Schicksalsfügung eine Figur in unsern an sich schon merkwürdigen Zirkel, die gewiss auf die fernere Gestaltung dieser verworrenen Verhältnisse nicht ohne bedeutenden Einfluss bleiben wird. Ein Glück war es, dass Bardeloh zuvor Gleichmut's Manuscript lesen konnte. Durch dieses stieg seine Teilnahme an Casimir, und ich irre mich wohl nicht, wenn ich behaupte, dass Richard durch den Dichter manches zum Ziele zu drängen versuchen wird, was ohne diese Mittelsperson vielleicht sehr schwer zu erlangen sein möchte. Freilich wird dieser Mensch an eigenen Fäden geleitet werden müssen! Aber Bardeloh versteht das Versteckspielen und übersieht in seiner Ruhe auch Geister, die an Schöpferkraft ihm weit überlegen sind.
Begierig fast geb' ich mich der Zukunft willenlos hin. Ich muss einmal versuchen, wohin das Folgen führt, wenn es kein knechtisches ist. Wie seltsam Casimir schon in der frühesten Zeit den Personen nahe trat und welch furchtbare, abenteuerliche Rolle er in ihren Lebensschicksalen spielte, dies lehrt der an Raimund eingeschlossene Brief, in dem sich der Schluss von Gleichmut's Autobiographie befindet. Lies diese Blatter mit dem Willen, Versöhnung zu finden auch im Frevel. Wir Alle müssen dies, sonst würden wir uns bald gezwungen sehen, die Weltgeschichte als eine in's Unendliche hinauswachsende Unmoralität zu verdammen. Und davor behüte uns Gott und die Heiligkeit unseres eigenen Geistes!
10.
An Raimund.
Bonn, im August.
Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre
und Leben Irregeleiteten.
(S c h l u ss .)
"Es gibt nichts so Seltsames, Unnatürliches, Widervernünftiges, das nicht durch consequente Skepsis zum Gesetz und dadurch zur Lebensregel erhoben werden könnte. Aeusserlichkeiten bestimmen auch hier viel, wie bei Allem, und übernehmen das Amt eines Schulmeisters oder Zuchtknechtes. Mir hat mein Lebenlang nicht in den Sinn gewollt, dass irgend ein Individuum verpflichtet sei, der Willensmeinung eines andern seine geistige Freiheit zu opfern. Und dennoch strebt unsere ganze Erziehung darauf hin, die kräftige Gottesnatur möglichst frühzeitig aus uns herauszutreiben. Die unglückliche Maxime: 'man muss dem kind frühzeitig den Willen brechen,' ist Lebensregel geworden und hat heiligende Gesetzeskraft erhalten. Wir leben sehr curios, wenn wir Alles tun, was uns von Kindesbeinen an als Grundsatz vorgepredigt wird.
Für ein freies, vernünftiges geschöpf kann es nichts Heiligeres geben, als sich einen festen Willen zu bewahren. Jedes Titelchen davon, das ihm abgeht, ist ein Verlust an seiner Gotteit. Wir dürfen, Andern zu gefallen, nichts von unserm Willen opfern, nur, insofern Beschränkung aus überzeugung eine moralische Förderung sein mag, ist es uns anheimgestellt, ob wir uns freiwillig derselben unterwerfen wollen.
Es müssen sehr schwache Seelen gewesen sein, die zuerst auf den Gedanken gekommen sind, mit der Liebe zu verfahren, als sei es eine Waare. Können wir schachern mit dem Gott in uns? Darf die Erde eine Psalmensängermiene annehmen, wenn es der Sonne gefällt, einen überschwenglichen Lichtstrom auf sie herabzugiessen? Es gibt nirgend etwas Uberflüssiges, nur die nackte Armut, der beschränkte Verstand kann sich ärgern über den Reichtum und Abzugskanäle für ihn erfinden. –
Diese Gedanken wurden mir von Tage zu Tage geläufiger in dem Leben, das ich von jetzt an führte. Ich mag nicht verteidigen, was der Taumel aufgeregter Lust in mir beging; aber ich gewann durch das Zügellose sinnlicher Bewegung doch eine Freiheit des geistigen Ueberblickes, die mich selbst überraschte. Durch sie vergass ich Druck und Gram schwacher Momente, lernte aber leider die Neue als ein lebentödtendes Ungetüm auffassen! – In meiner Stellung war dieser Gewinn offenbar ein Verlust zu nennen; denn er entzweite mich täglich mehr mit dem gesetz, dem ich meinen Willen untertänig machen sollte. Nach der gewonnenen überzeugung konnte ich diesen Forderungen nicht entsprechen, ohne mir selbst das Verdammungsurteil zu schreiben. Dennoch sah ich ein, dass die Gegenwart nur dauern könne, wenn sie in der schlaffen Willenlosigkeit fortgeschoben werde, die nun einmal Leiterin ihrer Schritte geworden war. Wie schon früher, führte mich auch dies wieder auf das Spalten des Menschen von dem Diener des gemachten Lebens. Ich wollte mir selbst, als einem Atom der Gotteit, den Kreis des Wirkens nicht verengern, aber dem irdischen Zwiespalt geben, was er forderte. Der Gehorsam in mir sollte Mittel werden, ihn zu vertilgen in der Menschheit. Ich wollte Teolog sein, um den Menschen zu retten, nicht durch die anerkannte Heiligkeit der Doctrin, sondern durch ein allmähliges Aufdecken des Widerspruchs, worin eine menschlich geordnete Wissenschaft mit der freien Kunst des religiösen Gemütslebens steht. Ein Märtyrer zu werden für die Erlösung eines Teiles der Gemeinde aus den Fesseln selbst auferlegter Beschränkungen ward Ziel meines Lebens.
Die Leidenschaftlichkeit meiner natur legte mir hierbei tausend Hindernisse in den Weg