an den Hügeln hin und versteckten sich hinter die grünen Schleier der Weinranken. Auf dem Strome lag tiefes Dunkel.
Bardeloh stand auf. "Hast Du einen Auftrag an Bruder Bonifacius?" fragte er den Greis.
"Ja, lieber Herr," versetzte dieser. "Sagt ihm, er solle hierher kommen und sterben. Es ist Zeit, sich zur Ruhe zu legen, wenn die Hostien verbraucht werden, um Briefe damit zu siegeln."
"Ich verspreche Dir wenigstens seine Leiche," erwiderte Bardeloh. Denn ob auch unsere Ansichten eben so weit von einander abliegen mögen, als Sonne und Mond, der Zwischenraum ist geebnet und verbunden durch ein unsichtbares Band der Verschwisterung. Als Du anfingst, zu glauben, war dieses Glauben eine hohe Tugend, als es aber mir g e l e h r t wurde, hatte man mit dem Glauben schon mancherlei Missbrauch an geweihten Schwellen getrieben. Dieser Glaube war gefärbt und voll Unrat, wie ein Kleid, das durch langes Tragen farblos geworden. Ist es Deine Pflicht zu sterben im Anschaun Deiner unbefleckten Tugend, so ist es auch die meinige, das unsaubre Kleid abzuwerfen und ein neues, reines an dessen Statt anzulegen. Was dabei eher zerreisst, das Herz, dessen Blut keucht und stöhnt nach dem Frieden der Tat, oder das Kleid, welches fest geworden im feuchten Schmutz – das liegt so tief im Dunkeln, dass nicht einmal jene Blitze es hell beleuchten können. –
Wir stiegen langsam den Berg hinab und sahen noch lange die hohe Gestalt des ehrwürdigen Greises im aufflammenden Himmel stehen.
Casimir versank wieder in sein sphinxartiges Hinstieren. Es ist, als wolle er die Geburt der kommenden geschichte herauslesen aus den Schatten, die jetzt verblasst an dem Sonnenzeiger der Zeit vorübereilen. –
Morgen in der Frühe kehren wir zurück nach Köln. Alle Personen, die Gleichmut's Manuscript erwähnt, sind nun vereinigt in einem stillen Kreise. Was die Confrontation Aller auf Alle und jeden Einzelnen in's besondere für eine wirkung hervorbringen wird, sollst Du später erfahren. Ich fürchte, es werden einige Herzen dabei ihr letztes Blut hinströmen müssen.
Einen Tag später.
So eben hat mich Richard über den Zusammenhang des jüngst Erlebten belehrt, und ich bin nun wenigstens im stand durch Vergleichung und Combination das noch Fehlende zu ergänzen. – In seinem früheren Leben ward Bardeloh durch ein unruhiges Umherschweifen in der Welt angezogen, und er überliess sich diesem Hange rücksichtslos. Die Mittel, jede, auch die ausschweifendste Reiselust, zu befriedigen, fehlten ihm nicht, und fand er auch nicht hinreichende Befriedigung in dem ununterbrochenen Wechsel, so gewährte die damit verknüpfte Zerstreuung doch eine Art Befriedigung.
Auf diesen Reisen begegnete er auch Casimir, dessen groteske Erscheinung ihn fesselte. In ihm fand er, was er lange vergeblich gesucht hatte, einen Menschen, der alle Kräfte besass, um Ungeheures zu leisten, durch die Unnatur der Verhältnisse aber an deren Entfaltung verhindert, jedes Vermögen dadurch vernichtete, dass er es im Ueberbieten zu einer colossalen Fratzenhaftigkeit verzerrte. Casimir gab Bardeloh den ersten Anstoss zu seinen nachmaligen Studien, aus denen er sich nur Groll und einen langsamen, aber sicher um sich greifenden geistigen Tod sog. Der Ideenreichtum in Casimir überwog Richard's eigenen, tiefen Schatz von Gedanken. Casimir schleuderte in brockenweis verstreuter Rede Gedanken um sich, die einem Gott entsprungen schienen, aber, weil sie des Lichtes entbehrten, in zackiges Krystall verwandelt, wohl blenden, nur nicht beglücken konnten.
Mehrere Tage verlebte Bardeloh in traulichem Umgange mit Casimir, der eben damals, nach Richard's Bericht, im Begriffe stand, einen Ausflug in die neue Welt zu machen. In jener Zeit hatte die Vereinsamung des Denkens, wie es sich in Casimir gestaltete, noch nicht so sehr um sich gegriffen, dass seine Erscheinung dem gewöhnlichen Menschenschlage allzu auffallend gewesen wäre. Noch wusste er sich im Fall der Not zu zähmen, wiewol mit grosser Anstrengung. Ihn konnte das allgemeine Leid stundenlang bewegen und durch Teilnahme daran von seiner colossalen Art, zu denken und zu sprechen, abhalten. Casimir war noch nicht untergegangen im Stolz auf sich selbst, wozu ihn später die Flachheit der Masse getrieben haben mag.
Schon damals hatte Casimir meinem Gastfreunde viel erzählt von Mardochai, den er ihm jedoch mehr als eine jüdische Curiosität schilderte. Denn es lag nicht in Casimir's Denkungsweise, den Menschen so tief in die Seele zu blicken, dass er ihr Tun und Wollen genau hätte erkennen sollen. Richard ward durch diese Schilderung gefesselt. Er erinnerte sich eines fernen Verwandten dieses Namens und beschloss mit Mardochai in eine engere Verbindung zu treten, um, wo möglich, durch ihn für die Emancipation der Juden gemeinsame Schritte zu tun. Einen Antrag, den er dem Dichter machte, ihn zu begleiten, schlug dieser aus, und so schieden Beide von einander mit dem Versprechen, dass derjenige, welcher zuerst die Unterstützung des andern bedürfen möchte, diese Kunde davon ungesäumt entweder brieflich, oder auf dem Wege der Oeffentlichkeit an ihn gelangen lassen solle.
Die natürliche Art, sich der Gewöhnlichkeit gegenüber zu benehmen, die Ausdrucksweise und ein geflissentliches Vernachlässigen aller hergebrachten Gewohnheiten verdächtigten Casimir in den Augen Aller. Sein Reiseplan zerschlug sich; er trieb sich in Deutschland umher, von dem Wenigen, was er besass, lebend, und als auch dies endlich aufgezehrt war, liebte er es, sich im Cynismus auszuzeichnen. Der Anstoss, den er dadurch der feinen Sitte gab, und die Art und