noch eine vernünftige Menschenseele gehört in unsern Tagen? – Nein Richard, ich versprach dem Narren, zu derselbigen Zeit, wo er das Gelübde ablegen würde, mich in süssen Schlaf einwiegen zu lassen auf den Armen eines Weibes, und so gewiss ich meinen überwüchsigen Witz nicht vor Jedermann abspielen darf, ohne für toll zu gelten, ich hab's ehrlich gehalten, wie 'n deutscher Spitz! Unser Einer wird dumm vor Treue."
"Kanntest Du den katolischen Geistlichen, der vor der Einkleidung Eduard's in enger Freundschaft mit ihm lebte?"
"'S war 'ne H .... seele," rief Casimir, "die nur warm ward, wenn man sie kitzelte."
"Weisst Du seinen Namen?" fragte Bardeloh gleichgiltig weiter.
"Das Wiesel schwänzelte sich bei guter Zeit in ein warmes Priorat hinein und soff der erhaltenden Weisheit die Eier aus, als wär's Moselwein. Ich hoffe, wenn die Vogelscheuche noch lebt, wird sie bald auseinander fallen."
"Vortrefflich!" sagte Bardeloh zu mir. "Die Rache hat dem Elenden die Seele bereits aus den Lumpen seines Fleisches geschüttelt. Jetzt bin ich beruhigt. Der zerschmetterte Prior war der Geistesmörder meines unglücklichen Bruders."
An der Klostertür erschien der Kastellan. "Guten Abend, meine Herren," rief er uns grüssend zu. "Es ist eine sanfte, milde Luft, die einem alten mann wohl tut. Erlauben Sie's, dass ich eins mit Ihnen plaudere? O wie schön ist die Welt! Wie herrlich, erfrischend ein einziger stiller Sommerabend! Ich möchte doch um Alles nicht sterben in der schönsten Jahreszeit, und ich denke, der liebe Gott wird ein Einsehen haben und mein Gebet erhören! Wie die Pappeln duften – die Schmetterlinge still sich wiegen auf den Strahlen der Sonne, hier tief blau, dort purpurn und sammetgrün funkelnd! Das sind gewiss umherfliegende Engelsaugen, die der heilige Gott aussendet als seine Boten, um sich zu erkundigen nach dem Befinden seiner lieben Menschen."
"Bei meinem dürren Gebein," rief Casimir, die Hand an die vergelbte Stirn legend, "der unverwüstliche Mensch lebt noch immer, und ist heute noch eben so versessen auf das Leben, wie vor zehn Jahren. Der Kerl muss eine Amphibie sein, halb auf Erden, halb im Himmel vegetirend. Hast's noch nicht überdrüssig, Alter?"
"Was? Ueberdrüssig? Lieber Herr, seht nur hinunter, wenn Ihr noch gesunde Augen habt, (er deutete mit dem Krückenstocke rings aus die Gegend, in der hin und wieder Nebelflocken aufflatterten,) wie kann da ein Mensch aufhören zu bewundern! Meine Freude liegt hier rings um uns. Siebenzig Jahre und darüber habe ich den Strom wie einen immergrünen Lenz die Landschaft begrüssen sehen, der unerschöpflich neue Blumen brachte. Und da soll ich mich nicht freuen, Herr, so lange meine Augen frisch und kräftig bleiben?"
"Das mache den Maulwürfen weiss, die blind sind von Geburt an, weil sie so frech waren, die Augen aufzuschlagen, ehe sie aus ihrer Mutter leib krochen. Wenn Du siehst, ewiger Mensch, warum kennst Du mich nicht?"
"Sie?" sagte der Greis und öffnete weit das erdenund himmelgetränkte Auge. Er schüttelte das silbergelockte Haupt, rieb sich die Augen, legte die Hand an seine Stirn und fügte dann mitleidig hinzu: "es kann nicht an meinen Augen liessen, dass ich Sie nicht kenne."
"Nun dann liegt's an der Sonne," sprach Casimir, "denn ihr blick lag immer wie ein fauler Bassa ägyptisch heiss auf meinem Gesicht. Davon bin ich dunkelhäutig geworden. Wenn Du mein Gesicht aber schälen kannst, wie eine Zwiebel, ohne Tränen zu vergiessen, so wirst Du eine europäisch menschliche Couleur darunter entdecken. Das Häuten hab' ich den Schlangen noch nicht abgelernt."
Nochmals beleuchteten des Greises Augen die schwefelgelben Narben des Dichters, die der Meissel des Gedankens und die heisse Pulverglut des Herzens hineingeschlagen hatten in sein Gesicht, dann sank er mit einem lauten Seufzer an die Mauer.
"Nicht wahr, es steckt etwas in mir, das sich nicht vergessen lässt?"
"Ich denke," sagte der Kastellan, "Sie sind der Iudenfreund, der einmal Hostien aus der Monstranz entwendete, um ein paar zärtliche Briefe damit zu siegeln."
"Du sollst Chronikenschreiber werden, wenn ich Kaiser bin, versetzte Casimir, denn Du hast ein gutes Gedächtniss."
Der Greis stand auf und trat einige Schritte zur Seite. Um ihn dampfte das Abendrot, über dem Siebengebirge zog ein Gewitter auf und warf grelle Lichter in die Täler. "Armer Herr," sagte der Kastellan, auf seinen Krückenstock gelehnt, "Jugend hat nicht Tugend, ist ein altes Sprichwort, das immer eintrifft, und vergeben und vergessen ist ein christlicher Brauch, den ich gern üben will bis an's Grab; aber lieber Herr, wenn Sie sich im Spiegel besehen, so fragen Sie, ob die entwendete und entweihte Hostie nicht alles Blut aufgezehrt hat in Ihrem Angesicht!"
"Lieber Alter," versetzte Casimir, dem Greis nachäffend, "das hat der Witz getan, der sich selbst fressen musste."
Der Greis schlug ein Kreuz; von fern stürzte der Donner brüllend in die Täler und schleuderte die hundert Briareusarme seiner Blitze hell leuchtend über die Berge. Nebel flogen wie verscheuchte Nymphen