die Henker des menschlichen Herzens, sind ihm so uninteressant, wie zwei Hunde, die nach ihrem Schwanze laufen – und dennoch liegt der Fluch über dieses Dasein auf seiner dünnen Lippe giftiger zusammengekrümmt, als in unserm Gemüt. Dieser Mensch ist Royalist, Monarchist, Absolutist und doch müde Europas – denn in ihm ruft nach Freiheit der verhungernde Geist eines Dichters! Sein Sie nicht ungerecht, Sigismund! Der Mann tut mit seinem stammenden geist nur, was Gleichmut vollzog an der Glut seiner Sinne – Beide stutzten sich für diese Welt zurecht und Beide gehen dabei zu grund. Zustutzen macht Caricaturen, keine freien Menschen." –
Es erfolgte eine lange Pause. Ich beobachtete scharf die Figur Casimir's, der noch immer regungslos hinabsah auf die belebten Strassen. Es lag viel Modernes in diesem Dichter. Die ganze dramatische Poesie feierte ihr Leichenbegängniss in seinem zerlodderten Körper. Es war eine Hekatombe, dargebracht den Göttern in innerlichem Verbrennen eines grossen Menschen.
"Wie machst Du's denn, Richard," fragte Casimir, "dass Dich die Menschen verstehen, wenn Du schreibst?"
"Ich lüge."
"Bist ein Lump! Hat uns der Herrgott deshalb gelaicht aus dem Schlamme der Sündflut, dass wir Löschpapier aus unsern Herzen machen sollen, um die Tintenklekse einzusaugen, die der sudelnde Sekretair der wohl geschulten Weltordnung auf die Schreibtafel seines Herrn macht? Ich sage die Wahrheit" –
"Und wirst für einen Narren gehalten," ergänzte Bardeloh.
"Besser als Narr aufsteigen zum Olymp, als in Dampf verbraucht werden von der Speculation, weil einer Gold zu Kohlen gebrannt hat der Dummheit zu Liebe. Wenn ich sterbe, krepirst Du."
"Das ist verständlich," erwiderte Bardeloh, "Du kannst es aber nur einmal sagen im Salon der Welt."
"Verdammt!" schrie Casimir. "Soll ich Respect haben vor Euren Salons, so müsst ihr sie parketiren können mit Sternen und Sonnen. Ich tanze nur auf bewegten Sphären oder auf den gaukelnden Schwibbogen meiner Phantasie. Eure Salons sind zu flach, um mich zu fassen."
Ich schlug einen Spaziergang vor, da der Abend in Purpurglanz über das Rheintal flog. Bardeloh war es zufrieden, Casimir respectirte die natur unter Allem noch am meisten, so sehr er sich auch oft über sie ennuyirte. "Auch sie ist stach geworben und lässt sich alle Tage glätter rasiren!" Dies war seine stehende Redensart. Wir verliessen die Stadt unter dem Geläut der fünf Münsterglocken, die einem Verstorbenen das letzte irdische Ave Maria nachbeteten in's Grab.
Casimir schlug ungefragt den Weg nach dem Kreuzberge ein. In den breiten Alleen dämmerte manch unerfüllter Wunsch, leis umschlichen uns die Abendlüfte, wie verlockende Dirnen. Ihre weichen Lippen entrissen der Seele Geständnisse, die sich vor dem Tage scheuen. Schmerz und Lust sanken vereint an den Busen ihrer gemeinsamen Mutter, das in heissen Pulsschlägen schluchzende Menschenherz.
"Auf diesem Wege habe ich dem Jahrhundert Schröpfköpfe gesetzt," begann Casimir, "das Aas aber hatte kein Blut mehr, es schwitzte nur Salzwasser."
"fand sich denn überhaupt ein Mensch, der mit Dir Umgang pflog?" fragte Bardeloh. "Wenn unser Einer mit bunten Steinchen spielt, nimmst Du Granitblöcke und wirfst sie Einem an den Kopf. Das nennst Du dann freundschaftliche Neckereien."
"Es ist nicht meine Schuld, dass Andere statt Schädelknochen nur behaarte Eierschaalen tragen. Dem Schöpfer muss der Stoff ausgegangen sein."
"Mardochai, glaube' ich, war in jener Zeit Dein Freund."
"Was Freund! Ich hatte nie einen Freund. Der eine war mir zu rund, der andere zu dünn, der dritte zu lang. Man sah das Zeug ja kaum, wenn man's nicht unter die Lupe brachte."
"Du musst mit kolossalen Augen begabt sein," meinte Bardeloh.
"Mein Auge ist das Sehrohr meines Gedankens, und wenn dieser nach ganzen Sonnensystemen umherirrt, muss ich die Atome nur für Staub ansehen, der auf- und niederfällt innerhalb der bewegten Atmosphäre. – Aber Mardochai und Gleichmut waren immer noch erträgliche Trümmerstücke. Die Kerl's konnten doch nichts sein, wenn sie wollten, und darauf geb' ich was, denn es gehört 'ne grosse, aschgraue Malice dazu."
Ich würde nicht fertig werden und Dich vielleicht langweilen, wollte ich Alles wiedererzählen, was auf diesem Spaziergange Seltsames zwischen meinen Begleitern verhandelt wurde. Gespräch konnte man dies Hin- und Herspringen wild gewordener Gedanken nicht nennen. Wie rasende Bestien stürzten die kolossalsten Einfälle aus Casimir's mund, erfreuten sich eine kurze Zeit der Freiheit und legten sich dann wie das leibhaftige Ennui müssig in den tiefsten Schmutz.
Nach Verlauf einer Stunde sassen wir auf den Stufen der Kreuzberg-Kapelle. "Was das nun für Heiligenschreine sind," sagte Casimir, "wahre Amulets, die sich der liebe Gott an den Gürtel gehangen hat, um, die Apatie gegen seine sublimsten Geschöpfe damit zu unterdrücken. Es muss langweilig werden, immer Ein Amt zu verwalten. Ich möchte den Schöpfer einmal in einem andern Geschäft sehen, das würde ihm bei mir mehr Reputation verschaffen."
"Warst Du vielleicht zugegen," fiel Bardeloh ein, "als mein Bruder die Weihen empfing hier in der Kapelle?"
"Der Narr!" lachte Casimir. "Kam der Mensch aus purer Commiseration mit sich selbst auf den famosen Einfall, sich die Gedanken aus zustreichen! Hat das