1838_Willkomm_134_66.txt

Freiheit sollte man knuten, bis die Jacke zerriss und das Fleisch blutige Tränen für den Ritz bezahlte, durch den man hineinsehen kann in die Freiheit.

"Beruhige Dich," versetzte Bardeloh. "Bei mir kannst Du jeden Wunsch Deines Herzens befriedigen, Niemand soll Dich hindern. Ich bin reich und brauche nicht zu sparen; ich bin gefürchtet, denn ich hasse Alles, was ein eingebildetes Wohlsein heuchelt; man gehorcht mir, weil ich Geld habe, und darum fluche ich mir selbst! Aber das Alles soll Dich nicht stören. Tue und vollbringe, wozu Dich die Neigung treibt, vielleicht findet Dein Streben Anklang."

"Den möchte' ich hören," erwiderte der Irre. Er stand auf und zerschlug mit der Faust das Fenster. "Sieh," fuhr er zu Bardeloh gewandt fort, "was ist das hier herum? Wie sieht das aus?"

"Die Gegend ist schön," sprach Bardeloh. "Nicht jeder hat eine solche Aussicht."

"Das trifft. Nur der Todtengräber kann mich beneiden. Ich sehe immer nur einen hohlen Schädeldie Erde, die Jahr aus Jahr ein von dem Todtengräber der Zeit herüber und hinüber gekollert wird und täglich mehr schadhafte Stellen kriegt. Er hat sich den Kopf abgebissen vor Wut über das törichte Herz. Gebleicht von der Hitze der Jahrtausende liegt er nun modernd im Weltraum, der Gott kollert ihn hinüber herüber, aber es bleibt immer ein Schädel. Schlägt er ihm die Backenknochen, so gähnt das hirnlose Ding und weist ihm die Zähne, auf denen Haare gewachsen sind, die Künsteleien des Friseurs der Verwesung. Gibt das Anklang? Hat ein hohler Schorb ein Echo? Wenn doch der Welt ein neuer Kopf wüchse!"

"Das wäre allerdings sehr wünschenswert, lieber Casimir, indess, da es nun einmal nicht geschieht, so lass uns mit Hand an's Werk legen."

"Das Geschäft der Barbiere ist mir immer zuwider gewesen," versetzte Casimir. "Ich möchte nicht einmal den Heiligen ihre Bärte verstutzen, wie viel weniger – – brr! bleib mir vom leib."

"Du bist ungerecht, Casimir, und machst Dich unglücklich durch das unverhüllt Grandiose, das in Dir lebt. Schleife den Riesenedelstein Deines Geistes, so trägt Dich die Welt auf Sternenkränzen zum Himmel."

"Soll ich eine Eisenbahn aus mir machen lassen, damit jeder Schornsteinfegerjunge Nutzen ziehen kann von mir? Das vermaledeite Nivelliren ist der Blutegel des Genie's. Geht's so fort, wird bald eine Zeit kommen, wo ein Genie so teuer ist und rar, wie eine pommerische Gänsebrust. Euer demokratisches Hüsteln taugt nichts. Es ist die Schwindsuchtcur der Völker. Kranke Lungen sollen am Besten heilen im Dunst der Viehställe. Da müsst Ihr gesund werden bei zeiten, denn Euer ganzes Treiben ist eine Viehstallwirtschaft."

"Dich zwingt Niemand Demokrat zu sein," erwiderte Bardeloh. "Besingst Du den Stolz und Glanz königlicher zeiten, wird keiner Dich tadeln; aber fasse das Gold des Gedankens in einen silbernen Reif. Ohne Scheidemüuze kommt Keiner mehr durch die Welt."

"Ei so will ich ein Goldfresser werden und mich mästen mit meinen eigenen Gedanken. Der Abfall meines Leibes wird dann die goldsüchtigen Leute gierig machen."

"Was hast Du denn da unter den Füssen?" fragte Bardeloh.

"Meine Eingeweide."

"Und Du zitterst nicht vor dem Gedanken dieses geistigen Selbstmordes?"

"Wer sagt das! Nicht ich! Ich mache Würste d'raus. Gedankenwurst ist noch nicht dagewesen; ein neuer Gastwirt könnte sein Glück damit machen."

"Ich werde nicht zugeben, lieber Casimir, dass Du Dich selbst zu tod folterst Diese Papiere lasse ich drucken auf meine Kosten und Du wirst berühmt werden."

"Am Galgen?" fragte Casimir mit wegwerfenden Lächeln. "Ich wollte" –

"Was?" unterbrach ihn Bardeloh.

"Eine Ratte wollte ich sein, und die Sterne herunterfressen vom Himmel. Durch dieses Manöver würde die natur doch gezwungen, wieder einmal etwas Neues zu schaffen. Das Alte ennuyirt mich." Bardeloh seufzte und lehnte sinnend am Fenster. Der Bewohner des Zimmers las wieder in dem buch. Zufällig ward er jetzt erst mein ansichtig. "Was ist denn das für ein zweibeiniges geschöpf?" fragte der unerbittlich Harte meinen Gastfreund.

"Ein Freund von mir und Dir."

"Ich bin nicht so niederträchtig, Jedermann Freund zu nennen. Wer dieser Mensch ist, kümmert mich wenig."

Jetzt hielt ich es an der Zeit, mich in das Gespräch zu mischen. Entschuldigungen, Einleitungen und andere Complimente, die unter dem Teile der Menschen, der für civilisirt gelten will, nötig sind, waren hier nicht am Orte. Ich versuchte es daher, durch sackgrobe Dreistigkeit zu imponiren. Ohne zu wissen, ob ich wirklich jenen Casimir vor mir sehe, dessen Erwähnung getan ward in Gleichmut's Manuscript, nahm ich es auf gut Glück an und flocht in die kurze Anrede dies mit ein.

"Der Kerl ist orientirt in der geschichte," murmelte er halb beruhigt, halb verdrossen zwischen den Zähnen, "man muss ihn doch anerkennen." "Nun dann guten Tag, wenn Ihr mich kennt," fuhr er fort, "und bind' Euch der Teufel an seinen Schwanz und schleppe Euch in einer Sekunde neuntausendmal durch alle Moräste rund auf der Erde, wenn Ihr ein Lump seid,