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elend gemacht! Deshalb müssen sie das blasse Cisterziensergewand, die schimmernde Toga des um Erhörung bittenden Geistes, über die Fetzen des weltarmen Lebens werfen. O seht, wie sie einhergehen die stolzen neuen Römer, deren Gedanken nicht Taten werden können, weil das Tribunat jetzt unter die antiquarischen Merkwürdigkeiten gehört.

"Hier wollen wir Hütten bauen," sagte Bardeloh und lehnte sich an eine breitästige Linde, deren duftende Blütenlocken der Mond mit keuschen Küssen durchwühlte. Ringsum herrschte tiefe Stille. Die Sieg brach ihre hellen Wellen flüsternd an den Fischerkähnen, aus Erlengebüsch und Birkenwaldung rief die Nachtigall ihre melancholischen Klagetöne herüber. Finster lag die Abtei vor uns, wie eine grosse Lavaschlacke. Auf dem Dach hing grünes, üppiges Moos, dies saftlose Gewächs aller Gräber. Im Schatten der Buchen bemerkte ich ein Liebespärchen schwatzend und kosend auf- und abspazieren. Einen Augenblick traten die Liebenden in das helle Mondlicht. Ich erkannte Nanette, die ein glückliches Stündchen mit ihrem Partner verlebte.

"Einem Vernunftlosen kann hier wohl sein," sprach Bardeloh und ging in's Städchen, wo wir die Nacht ziemlich unruhig zubrachten. Noch kannte ich nicht den Zweck unserer Wanderung. Richard blieb, wie fast immer einsylbig, oder warf nur bittere Brokken in das Gespräch, als wolle er mir den Appetit damit verderben.

Im Gastof ward eine Hochzeit gefeiert. Gesang, Spiel und Tanz währten die ganze Nacht und raubten uns den Schlaf. Bardeloh stand stundenlang am geöffneten Fenster und sah hinüber nach der ehemaligen Abtei, in dessen Scheiben sich der Mond lächelnd bespiegelte.

Am frühen Morgen liessen wir uns bei dem Irreninspector melden und baten um einen Besuch. Ich habe immer gefunden, dass Zuchtausund Narrenhaus-Inspectoren gegen Fremde die humansten Menschen der civilisirten Erde sind, dass aber diese Humanität sich auch auf ihre Untergebenen erstrecke, will ich nicht behaupten. Die chronique scandaleuse erzählt wunderbare Geschichten. Man darf ihr nicht trauen; denn sie ist eine Verläumderin aller Gerechtigkeitspflege und strenger gewissenhafter Pflichterfüllung.

Bardeloh konnte nur mit Mühe eine ängstliche Unruhe bemeistern. Er hatte etwas Schweres auf dem Herzen. Der Inspector empfing uns mit der freundlichsten Zuvorkommenheit, denn wir trugen feine Kleider, hatten ein nobles Ansehen und konnten recht gut für reisende Engländer gelten. Bardeloh überreichte dem Irreninspector eine Schrift, die dieser mit grosser Aufmerksamkeit las und uns hierauf bereitwillig den Narren vorstellte.

Verlange nicht etwa, dass ich Dir eine Beschreibung des tiefsten menschlichen Elends geben soll. Dies überlasse ich Anderen, die weniger fühlen, aber desto mehr schwatzen können bei dem Anblick zerrissener Menschenherzen. Geistesirre gleichen Schmetterlingen, die an den Fensterscheiben auf- und abflattern. Sie denken, das Helle sei der freie, warme Himmelsraum, und jemehr sie sich gefangen fühlen, desto heftiger mühen sie sich ab. Der heilige Staub verschwindet von den Flügeldecken, farblos, eine dunkle Ahnung des Gewesenen, hängen sie herab, nur das Flattern dauert fort, dieser bewusstlose Drang nach Leben ohne die Kraft, es zu können. Geistesirre sind Psychen, die unaufhörlich mit den staublosen Flügeldekken ihres Geistes an den Fensterscheiben der Welt sitzen und sich wundern, dass die Luft so compact geworden ist und doch ihren Glanz behalten hat.

Wir gingen an verschiedenen stillen Gruppen vorüber, die uns meist ignorirten, nur Einzelne sprachen uns zuvorkommend an. Man hätte sie für gescheit halten können, wäre der blick nicht Verräter der spukenden Seele gewesen, die in ihrer eigenen wohnung umgeht und sich grauliche Gespenstergeschichten erzählt. Es ist unglaublich, wie gross die Productionskraft des menschlichen Geistes ist, wie unendlich viele Variationen er auf sich selbst spielen kann!

Der Inspector öffnete die Tür einer hübschen Zelle. Wir traten ein. "Das ist Herr Casimir," sagte unser Führer. "Es steht Ihnen frei, sich ungehindert mit ihm zu unterhalten. Was man mir befiehlt, tu' ich; die Folgen fallen nicht auf mich zurück. Ich inspicire bloss, ich urteile nicht."

Wahrhaftig der Mann war geboren zum Inspektor und nebenbei auch zum Deutschen. Gib mir Geduld Himmel, damit ich sein ruhig bleibe und nicht Lust kriege, Urteile zu fällen. Ein Deutscher gehorcht, aber urteilt nicht.

Am Fenster sass ein Mann, dem Ansehen nach in Bardeloh's Alter. Um seine hohe Stirn legten nur wenig hellbraune Locken einen dürren Kranz. Die Lippen, fest zusammengebissen, schienen im Begriff zu fein, die Welt in einem Sturzbad von Hohn und Spott zu ersaufen. Das Auge, beschattet von dünnen Brauen, glänzte wie das Wetterleuchten eines ausgetobten Vulkans aus der schwermutdunkeln, verachtunggesättigten Höhlung.

"Casimir!" rief Bardeloh und trat dem schweigenden mann näher, der, ein Buch vor sich, beide Füsse auf Papierbündel stützte. Sein ganzes Aeussere liess erraten, dass Cynismus aus Grundsatz oder Misachtung ihm zur andern natur geworden sei. "Casimir," wiederholte Bardeloh, da der irrsinnige Mann noch kein Lebenszeichen von sich gegeben, "Casimir, kennst Du mich nicht mehr?"

Der Angeredete hob jetzt verdrossen das Auge, sah meinen Begleiter scharf an und rief: "Richard?"

"Richard Bardeloh," sagte mein Gastfreund, "ich komme als lebendige Antwort auf Deinen Brief. Du bist frei und wirst mich begleiten."

"Frei!" wiederholte Casimir verächtlich. In Eurer Welt ist nicht einmal der Witz frei, wenn er nicht Hosen trägt; oder glaubst Du, es sei erlaubt, nackt zu sterben? Behüte, Du musst den letzten heller für einen Fetzen Tuch ausgeben. Eure angejackte