. Da bringe Beelzebub Metode hinein."
Wir gingen durch die Reihen der Mönche, die alle in offenen Särgen wohl erhalten, nur morsch gebeizt von der Gewalt des Moders, in langen Reihen hier den ewigen Tod schlafen oder dem Aufblicken des neuen Lebensmorgen entgegenharren. Der Castelan hatte bei fast Jedem eine Bemerkung zu machen, etwas aus dem stillen Leben des Verstorbenen zu erzählen und einzelne Curiositäten einzuflechten. Die Meisten hatte er selbst begraben helfen. "Lieb wär' mir's gewesen," schloss er seinen Bericht, "wenn Bruder Bonifacius auch noch von mir bestattet worden wäre. Da hatte ich sie doch Alle beisammen, die ich gekannt, mit denen ich gebetet, gescherzt und gelacht, die ich so oft begleitet habe in die Stadt hinunter und mit denen ich mich nicht selten neckte, wenn sie ein paar Minuten zu spät von einem Spaziergange zurückkamen. Es fehlt mir nur der Bruder Bonifacius, der gerade, weil er wirblich geworden ist – verzeih' mir's Gott! – besonders gut mit die Lücke füllen hilfe, die noch offen steht. Denn einen Verrückten suchen Sie vergeblich unter diesen toten. Andere Absonderlichkeiten gibt's zwar! Da z.B. ist einer, der an der Maulsperre starb, weil der wunderliche Narr sich vorgenommen hatte, eine ganze Nacht mit offenem Maule ein Madonnenbild anzustaunen. Der Narr meinte, das sei die ächte, heilige und gläubige Anbetung und Verehrung eines christlich-katolischen Menschen! Nun zwei Tage darauf war er verhungert, weil's Maul nicht mehr zuschnappen wollte. Der schnurrige Esel, Gott hab' ihn selig! – Und so könnt' ich Ihnen noch andere wundersame Geschichten erzählen von diesen toten. Allein die Kirche hat's nicht gern, dass man von ihr schwatzt. Auch stört man die Ruhe der Seligen, und da mein Licht abgebrannt ist, meine lieben Herrn, so rate ich zum Rückzuge. Wollen Sie mir die Stufen hinauf ein wenig helfen, soll's Ihnen Gott lohnen. Bei drei und neunzig Jahren sind Treppen überflüssige Erfindungen für dem, der auf ihnen wandeln soll. Wenn aber Bruder Bonifacius stürbe, ging ich doch ganz allein und ohne Krückenstock mit ihm hinab in das Gewölbe."
Von den besten Wünschen des Greises begleitet, verliessen wir Kapelle und Kreuzberg. Bardeloh hoffte bei dem hartnäckigen Schweigen des sinnverwirrten Bruders später noch Näheres über ihn von dem Castelan zu erfahren. Nach Bonn zurückgekehrt fragte mich Richard, ob ich schon in einem Irrenhause gewesen sei?
Ich deutete rund um mich. "Sehr wahr," sagte Bardeloh, "es fehlt hier nur an Intensität. Morgen wollen wir eins besuchen. Sie werden einen Bekannten daselbst kennen lernen, der Ihnen von Neuem beweisen soll, dass die Tüchtigen müde sein müssen dieses Erdteils. Mein Gott, war's anders wo nur besser! Aber ich bin neugierig auf die unbekannte Bekanntschaft." –
9.
An Ferdinand.
Bonn, im August.
Körperlich und geistig abgemattet sollte ich zwar nicht schreiben wollen, aber wohin mit der Unruhe? Wie sie bewältigen ohne lindernde Mitteilung? Hälst Du mich doch ohnehin für siech, warum also anstehen, Deine Meinung von mir bestätigen zu helfen? Was Dir ungeniessbar erscheint, kannst Du ja überschlagen, wenn nicht das Interesse für die Sache der Menschheit das Unbequeme der Erzählung überwindet.
Gestern Abend verliess ich mit Bardeloh unsern gegenwärtigen Aufentaltsort. Richard hatte einen Segelkahn gemietet, der uns bei einem sanften Winde rasch stromabwärts führte. Die Sonne war schon untergegangen, als die niedrigen Hügelreihen am Ufer des Siegflusses mit Rosenflor und duftigem Nebelweiss umglänzt aufstiegen. Die Nacht versprach hell und warm zu werden. Das erste Mondviertel lag, wie eine zerbrochene Hostie im Heiligtum der sterngestickten Weltmonstranz. Anbetend sank in demütigem Gewande Lebendiges und Todtes nieder als knieende Schatten und wartete des vorüberwandelnden Gottes.
Bei der Einmündung der Sieg legte der Schiffer an, wir stiegen aus und gingen den Fluss entlang in das Tal hinein, dessen Hügel bald anschwellen zu niedrigen Bergen. Der Mond streute funkelnde Lichter durch die Gebüsche; auf dem Flusse gab es noch viel Leben. Heimkehrende Arbeiter grüssten freundlich und sangen muntere Lieder in einem Jargon, der, obwol sehr unverständlich, doch naiv und gutmütig klang. An diesen Menschen war kein Lebensüberdruss, kein Weltekel zu entdecken. Ich glaubte bisweilen die Erfahrung Anderer bestätigt zu finden, dass dieser Vorzug nur den Gebildeten, der feinern Gesellschaft verliehen worden sei. laut rief es in mir: kehrt zurück zur einfachen Natürlichkeit und ihr werdet glücklich sein, wie diese. Bildung soll nicht der Todtengräber der Herzensruhe sein, sondern ihr Brautführer.
Nach zweistündigem Gehen lag Siegburg vor uns, ein freundliches Städtchen, an dem nichts merkwürdig, als die alte Abtei, in deren Zimmern jetzt Geistesirre aufbewahrt und geheilt werden. Dieses Umkehren der ursprünglichen Bestimmung eines Gegenstandes, oder einer Sache rechne ich allemal zu den Spässen der geschichte, die unbewusst und mit einer Art vergnüglichen Blödsinn's von ihren gallonirten Bedienten, den Menschen, aufgeführt werden. Es gibt keinen bessern Ort für Wahnsinnige, als ehemalige Mönchszellen und Refectorien. Der Kreuzgang dient zur Spazierhalle, wo die neumodischen Mönche ihre Siesta verträumen. Der Irrsinn ist nur die Kutte moderner Möncherei, die der heilige Geist der Zeit über die tonsurirten Scheitel seiner liebsten Kinder stülpt. Im Wahnwitz betet der Weltwitz seine unzeitigen Geburtsschmerzen ab. Geistesirre sind Heilige der Neuzeit, Märtyrer der civilisirten Menschheit. Dass ihre Herzen im kopf schlugen, hat sie so