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uns in den stillen, friedlichen Raum. "Da ist was gebetet und gesungen worden," fuhr der redselige Greis fort, "und manch Gelübde hat junges, frisches Blut getan hier am Altar, dass mich's manchmal dauerte, wenn das Auge des Novizen halb brach in Verzückung, halb in Schmerz und Gram über die verlorene Welt!"

"Habt Ihr dies oft erlebt?"

"Ost genug, um eine Chronik davon zu schreiben. Es war aber nie meine Passion, über Dinge nachzudenken, die ich nicht ändern konnte; auch bin ich ein gut katolischer Christ."

"Sind Alle bereits gestorben, die ihr Gelübde hier ablegten in die Hand des Priesters?"

"Die Meisten, lieber Herr, die Meisten; und nun ruhen sie da unten aus von der überstandenen Drangsal des HeiligseinsGott hab' sie selig!" Er stampfte mit seinem Krückenstocke auf eine hölzerne Tür zu unsern Füssen. "Mancher freilich mag wohl auch noch leben," erzählte der Kastellan weiter, "wenn ich's auch nicht gerade behaupten will. Nur wissen möchte' ich gern, was aus dem Einen geworden ist, der vor zehn Jahren ungefähr, ja richtig! an Maria Reinigung waren's runde, glatte zehn Jahrehier am Altar das Gelübde tat. Liegt mir doch das Gesicht des jungen Mannes noch so deutlich vor Augen, als hätt' ich ihn gestern erst gesehen."

"Warum nehmt Ihr so grossen Anteil an dem gelobenden Mönche?" fragte ich.

"Je nun, 's ist so 'ne Art Liebhaberei bei mir aus dem blick beim Schwur die Zukunft zu lesen. Lacht immer, lieber Herr, lacht, ich habe so meine Art zu prophezeien, die nicht ohne Vernunft ist. Und gerade jener Novize hatte Blicke, ach Blicke, lieber Herr, zum Erbarmen! Ich glaube, 's ist nicht ganz richtig geblieben unter der Stirn."

"Wie!" rief Bardeloh dazwischen, der unterdessen die wenigen, unbedeutenden Gemälde teilnamlos betrachtet hatte, "was tollwer soll toll sein!"

"Behüte der Himmel!" erwiderte der Kastellan! "'s war pure Schwärmerei, was man so Ideenaction nennt, weiter nichts. Toll! Wo denken Sie hin! Hunde sind toll, nicht Menschen. – Und nun vollends ein christkatolischer Klosterbruder!" Der Greis bekreuzte sich und sah mit klug lächelndem Auge in Bardeloh's bleich gegrämtes, lebenverglühtes Gesicht.

"Und doch ist die Welt immer toll," seufzte Bardeloh.

"Wenn ich nur wissen sollte, wie ihr jungen Männer es anfangt, um so jung schon, so welk, so lebendig, und doch so matt zu werden? Das war zu meiner Zeit ganz anders, und wir lebten doch auch nicht wie die Heiligen im Himmel."

"Wisst Ihr Euch nicht mehr auf den Namen jenes Mönchs zu besinnen?" warf ich ein, um das Gespräch nicht lästig werden zu lassen für beide Teile.

"Doch, doch! Jener junge Mönch hiess Eduard und ward Bruder Bonifacius genannt in der Umfirmelung."

"Eduard! Bonifacius!" riefen ich und Bardeloh beide in einem Moment.

"Sie scheinen den Mann zu kennen," sagte der Greis und hob die Falltür zur Gruft, um uns in das Todtengewölbe zu führen. Wir stiegen zitternden Herzens hinab; denn es blieb kein Zweifel, der Ort war gefunden, wo der unglückliche Eduard sein Lebenselend besiegelt hatte.

"Haben Sie etwa irgend eine Nachricht erhalten vom Bruder Bonifacius?" fragte mit freundlicher Gutmütigkeit der greise Todtenwächter. "Freilich ist's Neugier, aber gewiss sehr verzeihliche, und es liegt mir was dran, meine Reputation zu behalten, namentlich solchen Herren gegenüber."

"Das ist sehr kurz zu erklären," versetzte Bardeloh, der nie Anstand nahm, das Entsetzlichste mit den bezeichnendsten Worten zu nennen, wenn er sich selbst retten wollte aus dem Druck eines zu grossen Jammers. "Bruder Bonifacius oder Eduard ist toll geworden aus Heiligkeit. Er war mein Bruder."

Dem Greise entfiel der Krückenstock, die Gebrechlichkeit des Alters rüttelte an seinem morschen Körper, er sank auf die Leiche des Mönches, dessen geöffneter Sarg ihm zunächst stand. Der Staub des Todes bedeckte mit fahlem Schleier den silbernen Scheitel, die freie Stirn des Alten schlug tief in die vermoderte Brust des schlafenden Klosterbruders. Ich sprang ihm zu Hilfe und richtete ihn auf.

Eine ergreifende Wehmut schlug ihre Wimper auf in dem Lächeln, das über des Greises runzelvolles Antlitz bebte. "Mein Gott," sprach der wankende Mann, "wer hätte mir vor siebzig Jahren vorausgesagt, dass ich meine alte müde Stirn heute baden solle in dem Staub gewordenen Herzen dieses Mönches, des ersten, welchen ich mit eigener Hand in den Sarg gelegt habe! Grade das Herz habe ich ihm zerbrochen, und noch dazu aus Kummer über das Unglück des Letzten, dem ich die Ordenskleidung anlegen half und die Haare aufhob beim Scheeren der Tonsur! Närrisch, sehr närrisch; aber wir wollen munter bleiben, da wir ja doch nur einmal leben!"

"Das ist der erste wahrhafte Philosoph, der mir in dem philosophischen Deutschland begegnet," sagte Bardeloh. "Und stellt ihr den Greis auf's Kateder, so lacht der ganze Schwarm der Zuhörer, und nennt ihn einen verrückten Faseler. Klare Faselei gilt nicht mehr, sie muss recht compact sein in der Verrückteit