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. Gott hassen ist bei mir eben so erhaben, als Gott liebenes kommt dabei nur auf die Zustände an. Ich möchte ein Buch schreiben 'himmlische Zustände.' Das sollte sehr belehrend sein, aber bitter wie Galle und kitzelnd wie Niesswurz. Die Welt ist verschnupft, gebt ihr starke Priesen, das 'Prosit' wird sie sich selbst rufen."

Die Kapelle lag vor uns, ein milder Wind spielte auf der schönen Höhe. Die Aussicht war bezaubernd. Ein heller Himmel breitete sich sanft und wärmend über das Land, Fernen und Nähen lagen in scharf gehobenen Tinten, glänzend bewegt, um und unter uns, ganz fern ragte Köln mit seinen vielen Türmen und dem Bruch des schöpferischen Menschengedankens, dem Dom, aus violettem Duft und weisslich glimmernden Nebelstreifen. Die ganze Stadt ist ein zerbrochener Satz von Typen, der von der religiösen Begeisterung des Mittelalters auf das Gedenkbuch des Herrn, die Erde, gedrückt wurde. – Es liegt viel Beruhigendes, aber auch nicht minder Entnervendes in solcher Betrachtung. Unser eigener geistiger Tod tritt vor den blick, grell, ohne Schminke, ein Fratzenbild des Geistes, der sich gern jugendlich maskirt. Meine Hoffnung fliegt allemal auf wie eine verschüchterte Taube, wenn die Vergangenheit mit ihrem Gelächter, das sich nur in der veränderten Miene kund gibt, mein Ohr zerreisst.

In der Kapelle war Alles still. Keine Hora, wie vor zehn Jahren, erklang in der Kirche. Die Heiligkeit schien ausgestorben zu sein mit den Mönchen, die sie herumtrugen und wiegten unter ihren Kutten. Was soll auch ein Klosterbruder anders tun? An Etwas muss die Liebe sich anhangen; hat das Vater stammelnde Herz kein Kind zu wiegen, so hegt und pflegt es irgend einen Gedanken als toten Balg verkümmerter Vaterschaft! Ach, es gibt viel, sehr viel Elend auf Erden!

Auf den Stufen der Kirche sass ein steinalter Greis. Weisses Haar umflutete das freundliche Gesicht, wie zu Schaum geschlagene Gedanken von Sanftmut und Liebe. Ein Krückenstab lag neben ihm, er spielte mit einem jungen Dachshunde, der sich kläffend gegen uns wandte, sogleich aber wedelnd zu seinem Herrn zurückkehrte.

Wir grüssten den Alten und fragten, ob wir das Innere der Kapelle sehen könnten.

"Gleich, gleich, meine Herrn," versetzte der Greis und erhob sich mühsam mit Hilfe des Krückenstabes. "Es geht langsam bei mir," fuhr er fort, "aber desto sicherer. Ich bin dreiundneunzig Jahre alt und hab's noch nicht satt das lustige Leben. Zehn Jahr sehe' ich mir's noch mit an. Ich möchte schon wissen auf meine alten Tage, was das junge Geschlecht noch anfangen wird mit dem Bischen Leben."

"So alt und so neugierig!" sagte Bardeloh. "Grelle Gegensätze, die man nicht erwarten sollte unter dem silbernen Käppchen, das Euer Haupt bedeckt."

"Ja, ja, mein Herr," lächelte der Alte, dessen obwol etwas gekrümmte Gestalt doch noch Rüstigkeit und Lebenskraft beurkundete. Alles, wie's Gott will und die natur. Das Kind ist neugierig, der Greis ist's – ein allerliebstes Gespann. Kinder und Greise vertragen sich am besten bei allen Spielen. Ich hab' noch den Vorteil, dass ich glücklich genug bin, mit mir selber spielen zu können. O, meine Gedanken sind lustige, purzelbäumig gesinnte Bursche! Laufen herbei, wenn ich sie rufe und wir kollern eins zusammen, ich alter Narr und meine Kindeskinder, das luftige Volk des Gehirns –, dass es eine Lust ist! Mein Haar aber, setzte er ernster hinzu mit einem zufriedenen Lächeln, "das ist ehrlich verdientes Silber und ich bin wahrhaftig stolzer darauf, als mancher junge Mann es sein kann auf seine Brille und geborgten Locken. – Bitte, liebe Herrn, treten Sie ein."

Der Mann gefiel mir. Das Alter, blickt es zufrieden und ohne Schmerz zurück auf ein bewegtes, lang hingestrecktes Leben, ist ehrwürdig, rührend, beneidenswert! Das eben ist der Fluch unserer Zeit, dass sie zu carikirt, zu spirituell-besoffen und materiell-dickwanstig geworden ist, um eine reine Freude aufkommen zu lassen in der Jugend. Wir müssen unglücklich werden schon frühzeitig, weil uns das Glück, zur Rute geflochten, gepeitscht hat. Es liebt keiner ein Instrument, das ihn züchtigte.

"Ob es nur wirklich noch Menschen geben kann, die von jetzt an gerechnet neunzig Jahre erreichen möchten, ohne wahnsinnig, dumm, niederträchtig oder Götter zu werden?" rief Bardeloh aus. Gib mir Vernunft, Vater der Skepsis, damit der Docht nicht einst noch fortglimmt, wenn die Speise der Flamme längst schon verzehrt ist!

Der Greis war auf einen Augenblick in sein Zimmer gegangen, um die Schlüssel zur Kapelle zu holen. Er kehrte zurück mit einem brennenden Lichte.

"Gab's hier nicht Mönche in früherer Zeit?" fragte ich den freundlichen Kastellan.

"O ja, genug! Aber seit ein paar Jahren ist's aus mit dem Mönchtum Sie sind alle gestorben und ich hab' sie alle in den Sarg gelegt, ihnen Rosenkranz und Kruzifix in die hände gegeben und sie begraben helfen drin in der Kapelle?"

"Seid Ihr denn Todtengräber?"

"So ein Stück davon; ich tu', was verlangt wird, d.h. wenn's manierlich geschieht und wie sich's gehört."

Er schloss die Kirche auf, und führte