Mast aufgestellt, grüssten mit dunkelglühender Frucht die laute Freude, der Süden schien sich vereinigen zu wollen mit dem Norden. Ein Lorbeerbaum stieg zwischen beiden ernst und sinnend in die Luft und darüber hisste die Industrie die schwarze Todtenflagge auf, als wolle sie die Vergangenheit sühnen mit ihren stilleren uneigennützigen Bestrebungen. Die Morgenlerchen warfen ihre gellenden Triller in den Gesang der Menschen herab, die Sonne steckte hellfarbige Rosenbänder halb lächelnd halb verdrüsslich um ihre goldenen Locken und zerbrach die rasche Flut in funkelnd dahinrollende Erzstufen. Ein ungeheuerer Chrysopras schimmerte der Strom, eingefasst in den Reif silbernen Nebels.
In wenig Stunden lag Bonn vor uns, das Siebengebirge mit seinen romantischen Tälern in blauen Duft gehüllt am Horizont, der Drachenfels starrte hinein in die Gegend, wie das blöde Auge eines greisen Burgwarts. Was würde ein solcher Turm erzählen können, dürfte er auch nur beim Frührot ertönen auf wenige Secunden! Die zahlreichen Ruinen am Rheim erscheinen mir immer wie verzauberte Seufzer, die vergeblich von Jahrhundert zu Jahrhundert auf den Erlöser warten. Einzelne Pulsschläge der Vergangenheit, die sich bei dem entfliehenden Leben verspätet haben und in Stein verwandelt worden sind. O, es ist nicht gut, wenn irgend ein Mensch oder eine Sache zu lange lebt! Je früher gestorben, desto süsser und traumloser ist die Ruhe! –
Als das Schiff bei Bonn anlegte, vermisste ich Bardeloh. Ich fand ihn, dem Ansehen nach eingeschlafen am Vorderteil auf dem Glockengestell sitzen, aber er grübelte nur über Gedanken der Zukunft, wofür die Gegenwart noch keine Furche zur Aussaat aufgerissen hat. Er hatte nicht den geringsten Anteil genommen an Freude und Lust der übrigen Reisenden. Mich beschäftigte die naive Laune eines hübschen Landmädchens mit frischem Gesicht und muntern lebenslustigen Augen. Sie erzählte mir, dass sie einen Schatz habe, der Winzer sei, aber gar jammervoll arm und so blieb's immer nur bei einem Kusse, den er ihr Sonnabends regelmässig mit herzlicher Freude gebe. Das sei aber langweilig, meinte Nanette, und ich gab ihr recht. Zur Abwechselung bot ich ihr auch einen Kuss. Sie lachte hell auf, ich liess nicht auf mich warten und sie schien über meine Freiheit nicht eben sehr böse zu sein. Bei der Einmündung der Sieg liess sich Nanette ausschiffen, ich versprach sie zu besuchen und das liebe Kind lachte und grüsste mich noch aus der Ferne, bis sie an's Ufer gestiegen war. Es haust ein munterer, natürlicher Menschenschlag an dem glücklichen Strome.
Bardeloh fragte gleichgiltig, ob wir schon in Bonn seien, und verliess mit mir das Schiff. Wir bezogen einen freundlichen Gastof und gingen dann aus, ich um die heitere Lage der Stadt mir einzuprägen, Bardoloh mehr aus Gewohnheit und um doch sprechen zu können, wenn die Stunde der Mitteilung für ihn kommen sollte. Oft scheint es mir, als sei Alles an diesem Menschen Instinct, aber ein höherer, intensiverer. Es hat selbst das Seltsame, Abschreckende in seinem Handeln etwas Göttliches. Es ist das Abnorme vermenschlichter Göttlichkeit, was bald laut und offen, bald geheimnissvoll verschwiegen, wie das dumpfe Donnern einer Lawine, losbricht in dem Eisgletscher der Brust dieses Menschen. Doch glaube ja Keiner, Bardeloh sei herzlos! Sein Herz ist nur so dicht mit Wunden bedeckt, dass Niemand die ursprüngliche Gestalt aus dieser zitternden Muskel des Schmerzes erkennen kann.
Durch Gleichmut's Selbstbiographie war mir Bonn merkwürdiger geworden als durch seine Sehenswürdigkeiten. Dass Beetoven hier geboren, wusste ich, die Stadt selbst aber mit ihren Bewohnern schien wenig Notiz davon zu nehmen. Die uralte gotisch- byzantinische Münsterkirche mit der vortrefflichen Statue der Kaiserin Helena, die ihre Gründerin gewesen, mag für Liebhaber der Baukunst interessanter sein, als für einen Menschen, der dem Leben abzugewinnen sucht, was ihm bisher entzogen blieb – freie Bewegung. Freundlich stürzt uns die natur in die arme auf der prachtvollen Rheinterrasse, zum alten Zoll genannt. Hier wirst der verschwenderische Rheingau die letzten Blüten aus seinem Füllhorn der Landschaft zu Füssen, und der Strom ergiesst sich mit königlicher Pracht in die weite Ebene.
Bardeloh führte mich nach Poppelsdorf hinaus, dem Kreuzberge zu. Das Schloss Clemensruhe liegt wie schlummernd unter dem Schirmdach hundertjähriger Kastanien, hinter ihm steigt der Weg an zum teil niedergestürzten Stationenbildern den Berg hinan. Die Kapelle liegt friedlich in heiterer Lust.
"Das ist ein verhängnissvoller Weg," sagte Bardeloh, "wenn Pastor Gleichmut Wahres erzählt in seinem Manuscript. Sie haben es doch gelesen?"
"Noch nicht ganz; der Lebensabschnitt, welcher sich eng anschliesst an diese Partie, ist mir bekannt."
"Es ist Kraft in Gleichmut, wenn auch keine gesunde. Was überhaupt kann jetzt noch gesund sein! Wir atmen ja lauter bösartige Dünste; ist's da ein Wunder, wenn die Seele Pestbeulen treibt und der Schweiss des Geistes krystallisirtem Arsenik gleicht?"
"Gleichmut muss sehr unglücklich sein," versetzte ich, "wenn er auch das Gegenteil versichert."
"Wie Sie wollen! Oder meinen Sie, er würde glücklicher sein, wenn er weniger gesündigt hätte, wie die gewöhnliche Welt seine moralische Experimentalphysik nennen würde? Das kann Ihnen nicht einfallen. Sind Sie glücklich, der gegen jenen Mann Unschuldige? Bin ich es, weil ich nur sündige im Zorn und Fluch meines stillsten Gedankens? Es ist gleich, wie wir leben, tun wir es nur für einen Zweck!"
"Das sind jesuitische Grundsatze, die Sie selbst verwerflich finden müssen."
"Nichts finde ich verwerflich, mein moralisirender Freund