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wahr, und ich könnte, wie ich nun hier sitze, durch die Mauer hindurch bis in Dein Zimmer hinein blicken, und Dich mit liebe- wütendem Auge zerreissen und heranziehen an mein Herz! Es soll gar nicht schmerzhaft sein, Gustchen, die ganze morgenländische Operation soll auch morgenländisch wollüstig, mährchenhaft- süss und beglückkend sich vollziehen lassen. Wahrhaftig, ich bedauere von ganzem Herzen, dass ich kein morgenländischmagnetisches Auge besitze und kein so phantastischer Narr bin! Wir Abendländer sind viel zu kalt, nur braune Augen, von dem perlenden Blut der Rebe mit sonnigen, belebten Gardinen umhangen, wie die Deinigen, könnten vermögend sein, mich aus einander zu reissen, wenn ich nicht so gar leicht wäre. Das ist ein glückseliges Unglück und hat mich ganz in Dein Herz hinein gebracht. Sieh nun zu, wie Du noch Platz darin behältst, die Lebenselemente zu ordnen. Denn Ordnung, mein Auge, muss sein, sonst gibt's einmal eine schlechte Haushaltung.

Wirst Du denn milder geworden sein bei meiner Rückkunft. Ich werde Deines Zuspruchs bedürfen; denn ich fürchte, diese improvisirte Reise wird mich viel am Stege reif gewordenes Unglück sehen lassen. Darauf bin ich gar nicht begierig, denn Gottlob, für Unglück darf ich kein neues Gebet ersinnen! Das ist mir von jeher ganz unvermutet unter die Beine gesprungen. Neugierig bin ich aber dennoch, weil es mein fester Glaube ist, dass Deine Liebe mich retten wird aus aller Kreuzes- und Lebensnot. Der Jammer soll zwar erst recht angehen, da ich vorläufig noch nicht einmal in Getsemane bin. heute Abend ist diese Mission angesagt worden. Nun nimm Vernunft an, Auguste, ich bitte Dich, und schicke mir keinen neuen Judas auf den Hals, denn ich wäre ohne Zweifel zu wenig christlich- sanftmütig gesinnt, als dass ich dem Kussräuber nicht den Hals durch einen raschen Griff umdrehen sollte. Bitte für mich, kleine Heilige, mit dem klugen, bewegten Gazellenauge; zur nächsten Frühmesse bringe ich Dir ein in lebendigem Feuer brennendes Herz.

bleibe treu und untersage dem alten Ephraim das Korbflechten! Ich mag's nicht leiden, dass in Deinem haus, wo die Liebe ihre genialsten Gedanken gebiert, und in der schönsten Gestalt ihrer ewigen Poesie den Morgen einer schönern und menschlicheren Welt verkündigt, die Prosa des Lebens ein so fatales Geschäft betreibt.

Lucie ist munter; in ihrer Ausgelassenheit gefällt sie mir momentan besser, als Du, meine Schönste! Dann küsse ich Sie und bin ihr gut. Mache Du's eben so mit Oskar, wenn Du Flecken finden solltest an mir. Diese poetisch gehandhabte Eifersucht wird uns zu sehr guten Menschen und unwandelbar treu Liebenden machen. Nur kein Erkalten des Herzblutes zu ekler Prosa! Lass' Deine Sonnen leuchten, Auguste, Du heilige Göttin der duftig umsponnenen Welt, und glühend herabsinken ihre Strahlen auf die Reben unserer sich umarmenden Herzen, damit in purpurner Pracht der schäumende Perlentau sich in den Kelch unseres Lebens stürze! Hebe die Schale, Auguste, und geniesse Himmelsfunken, Erdenglück, Lebensschaum! Genuss ist Alles, Genuss ist Himmel, Genuss ist Gott! Hätte Gott nicht genossen und sich berauscht im Aeter seines heiligsten Gedankens, so gäbe es keine Welt, keine Sterne, keinen Tag und keine Nacht! Es gäbe keine Liebe, diesen ewigen entzückenden Rausch des Gottes in seinem geliebtesten kind, dem Menschengeschlecht!

Ohne Mass und Ziel, unaufhörlich schwelgend im Rosenduft Deines Mundes, umarmt Dich

D e i n S i g i s m u n d ."

meist alles poetisch Empfundene, so nimm den Fond meiner ganzen aufgeregten Bosheit zu unvergänglichem Erbe dahin, denn ich kann eben so unbegrenzt hassen als lieben. –

Bardeloh vergass nicht, mich zur festgesetzten Zeit abzuholen. Felix begleitete uns mit einem Diener bis an den Hafen und bedauerte nur, dass er daheim bleiben müsse. "Komm hübsch wieder, Sigismund," sprach er, "sonst gibt's bei uns lauter Elend." Er schwenkte sein Hütchen so lange, bis das Dampfboot aus dem Gesichtskreise verschwand.

Der Morgen war heiter und warm. An den Ufern des breiten Stromes zogen die Landleute der Stadt zu. Die Landmädchen sind in diesen Gegenden meist von hoher Statur und vereinigen mit gesunder Grazie etwas Majestätisches in gang und Haltung. Viel mag dazu die Gewohnheit tun, Alles in zierlich geflochtenen Körben auf dem kopf zu tragen. Ein voller schlanker Wuchs, gehoben durch eine gefällige Kleidung, gibt einer solchen Mädchen-Caravane einen phantastisch- heiteren Anstrich. Die Rheinländerinnen sind weder wortkarg noch blöde. Die Traube der Mosel lacht in jedem Mädchenauge, ihr leichter süsser Schaum perlt in der rosigen Wange, und freundlich geben sie den Gruss des Fremden zurück. Am liebsten scheinen diesen Hebegestalten die strohhuttragenden Fremden zu sein. Scherz und Gruss springt von Gruppe zu Gruppe, man vergisst die tieferen Aengste des Lebens und glaubt wieder an ein heiteres, freudenerlaubtes Dasein.

Ein Musikchor auf unserm Schiff spielte lustige Sangesweisen, die Reisegesellschaft, wieder bunt zusammengewürfelt aus allen Nationen, um nicht zu sagen Weltteilen, summte erst leis dann lauter die Melodie, als aber das Rheinweinlied mit vollem Jauchzen der Instrumente: "Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsr'e Reben etc." angestimmt ward, fiel jeder deutsche Passagier lustig in den beglückenden Gesang, und eilte auf dem dämonischen Wasserross den grünen Rebenhügeln zu, die nah und fern schon ihre lockenden Ranken uns entgegenstreckten. Ein paar Citronen- und Pomeranzenbäume, am