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nur von Miasmen lebt, welche entstehen aus den Ausdünstungen der Gesinnungslosigkeit und der Schwüle des zürnenden Gedankens. Gute Nacht! Morgen um sechs besteigen wir das Dampfboot." Eine schlaflose Nacht gab mir hinlänglich Zeit, über Bardeloh's fast an Wahnsinn grenzende Worte und den stillen, sanftmütigen Unterricht Rosaliens nachzudenken.

8.

An Ferdinand.

Bonn, im August.

über Deine Antwort habe ich recht lachen müssen. Bist Du doch ein sonderbarer oder vielmehr, ordinärer Mensch! Ist es denn sogar schwer, herauszutreten aus seinem engen Kreise und zwei Schritte in die Welt zu tun? Wie kannst Du mir ein sündhaftes Leben vorwerfen, weil sich die Liebe mit heiligen Küssen in mein Herz drängt? Und auch Auguste wagst Du zu schmähen! Wisse, dass ein Liebender jede Gotteslästerung gering zu achten im stand ist, den zweideutigen Tadel seines geliebten Gegenstandes aber nie vergibt. Ich bin ganz wie ein Anderer, nur etwas heftiger. Ich räche mich an Dir für Dein schlechtes Zutrauen, und zwar auf eine Art, von der ich weiss, dass sie Dich am tiefsten ärgern wird. Ich setze einen Brief her, den ich an Auguste schrieb. Dies sei Deine Strafe für Deine böse, bornirte und deshalb, trotz der sittsamen Verhüllung, sehr unsittliche Meinung. Wenn Du nicht so gar fromm wärst, so würde ich Dich dumm nennen. Zur Dummheit aber gehört auch eine Art Genialität, wenn's auch nur eine umgekehrte ist. Sei nicht bös, lieber Ferdinand, ich bin Dir doch gut bloss der Solidität wegen, die Dich nie zum Schuldenmachen hat kommen lassen. Lies diesen Brief und nimm Dir ein Exempel daran, wenn Du so unsittlich sein solltest, Dich vor lauter Sittlichkeit zufällig einmal zu verlieben. Ein Schema ist gar nicht zu verachten, das hilft aus vielen Verlegenheiten.

Sigismund an Auguste.

"Meinen Kuss zuvor, holdselige Schwester in der Liebe! Du hast mich verdammt zu sechstägiger Busse für meinen begangenen Frevel, ich verdamme mich aber selbst zu einer zwölftägigen und hoffe Dir damit zu zeigen, dass ich nicht aller Geschicklichkeit ermangle, Deinem seidenen Pantoffel zu entgehen. Du bist zwar allerliebst anzusehen, wenn Du den Scepter Deines Hausrechtes auf dem Goldfinger der linken Hand balancirst, und ich verstehe mich lebensgern zum Pantoffelkuss, weil ich immer so klug bin, statt des Absatzes die warme Muskel Deines hübschen Ballen zu küssen. Dabei weiss ich auch noch andere Künste in aller Geschwindigkeit zu üben, denn ich habe früher Unterricht genommen bei einem Taschenspieler. lachen magst Du, nur nicht weinen; denn dann flattern die Amouretten um Deinen schwarzbraunen Lockenkopf wie arme, verscheuchte Nachtvögel, wiewol Deine schlanke Schulter beim Schluchzen ein allerliebstes Grübchen bildet, um, wie ich mir einbilde, meine Liebesseufzer aufzufangen.

Ich gehe auf Reisen, mein süsses Leben, aber ich vergesse nicht, Dich ganz und gar im Schrein meines Herzens mitzunehmen. Ach, bin ich ein arger Götzendiener! Da kniee ich nieder vor Dir, wie weiland vor dem silbernen Kruzifix in der Pfarrkirche, wo ich confirmirt und unter die guten Christen aufgenommen wurde von der segnenden Hand des Priesters!

Wo ich hingehe, möchtest Du wissen? Fort in die Welt, um zu sehen, ob Du mir lieb bist. Und verlasse Dich darauf, ich kehre nicht heim, ohne mit zwanzig hübschen Mädchen gescherzt zu haben; denn ich weiss, dass Du mich deshalb nur noch lieber hast. Ein Mädchen, das von ihrem Geliebten verlangen kann, er solle mit keinem anderen tändeln und kosen, ist eine christliche Kokette, die widerlichste Creatur, die sich denken lasst. Die Geliebte muss den Schönheitssinn lieben an ihrem Geliebten. Küsst er sie nur am öftersten, inbrünstigsten und kehrt immer mit grösserer Lust zum Spiel dieser Seelenmundharmonika zurück, so muss sie glücklich sein, weil sie öffentlich als eine Göttin der Schönheit von ihm hingestellt wird. Und die Liebe ist der Weihrauch, der aufdampft um die angebetete Schönheit. Küsse sind die läutenden Chorknaben, die den stillen Weltdienst der Liebe ansagen den betend hingebeugten Empfindungen. In Andacht zitternd liegen alle schönsten Gefühle auf dem pulsirenden Mosaik des Herzens, und die Seele spielt in leisen Zaubertönen die Orgel, und Hymnen und jauchzende Dityramben springen herab aus dem Irisbogen der beschwingten Psyche in die aufflackernde Wolke des Weihrauchs. Und erst, wenn durchduftet von dem Aroma der Liebe auch die rosigen Chorknaben gebeugt niederstürzen vor dem Altar der Lippen, verstummt in heiligster Feier des Hochamtes Orgelton und Glockengeläut, und geweiht und versühnt im Opfer der Liebe erhebt sich die Schönheit zu neuer Anbetung.

Freue Dich, Auguste, auf diese Feier! Geschmückt mit den schönsten Gaben unbegrenzter Verehrung hebt sich der Tempel in meinem inneren empor. Seine Baumeister sind Schönheit und Liebe. Heiterkeit wird wohnen in seinen lustigen Bogenschwingungen, alle Düsterheit dieser oder jener Sectenvorschrift wird verdrängt von Scherz und Glanz eines freien menschlichen Lebens. – Du musst aber nicht blöde sein, Auguste! Deine braunen Augen müssen überall hin als lächelnde Sonnen fliegen und einen Kranz munterer Sterne flechten um die dunkelglühende Kuppel unserer Liebeskapelle Besinne Dich auf eine recht auserlesene Forderung, die schwer von mir zu leisten ist, und wenn ich nicht tue, was Dein fragender Liebesstern verlangt, so verwandle Dich in einen Basilisk und blicke mich zu tod!

Die phantastischen Morgenländer haben eine Sage, nach welcher die höchste Liebe im stand sein soll, den Gegenstand ihrer leidenschaft auseinander zu blicken. Ja, das ist lächerlich, mein süsses Leben, aber ich wollte doch, es wäre